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Deutschland

Nach dem TV-Duell: Suche nach dem Sieger

Wie wehrt man sich gegen die "Umarmungsstrategie" einer Kanzlerin? Das TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und ihrem SPD-Herausforderer Peer Steinbrück wird nun von Wahlforschern ausgewertet.

Angela Merkel begrüßt Peer Steibbrück zum TV Duell

TV-Duell Kanzlerin Angela Merkel gegen Spitzenkandidat Peer Steinbrück

Wer der Sieger des Fernseh-Duells der beiden Bewerber um den Posten des künftigen Bundeskanzlers sein soll, steht bereits eine halbe Stunde nach Ende der Sendung fest. Verschiedene Meinungsforschungsinstitute haben repräsentativ bei über 1000 Zuschauern nachgefragt. Zusätzlich beobachteten für die Deutsche Welle zwei Experten den Auftritt der Kanzlerin und des Kandidaten der Opposition. Jörg Abromeit, Rhetorik-Trainer und Leiter der Redeakademie Bonn, sowie Jürgen W. Falter. Der Professor für Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beobachtet als Forscher Wahlen seit rund 40 Jahren.

Beide Experten meinen: "Steinbrück hat positiv überrascht". Er habe gut angegriffen, aber er habe sich in seiner sonst gewohnten Schärfe erstaunlich gezügelt, was bei Wählern immer gut ankomme. "Angela Merkels eher präsidialen ausschweifenden Stil konnte Steinbrück für sich nutzen", sagt Jürgen Falter. Tatsächlich kam Steinbrück bei den Fragen der Journalisten so schnell auf den Punkt, dass ihm mehr von seiner begrenzten Redezeit verbleibt als der Kanzlerin. Er durfte daraufhin zu mehr Nachfragen antworten. Reden-Trainer Jörg Abromeit ergänzt: "Merkel war am Anfang erstaunlich aufgeregt und angespannt, spielte aber in der letzten halben Stunde der Sendung ihren Kanzlerbonus gut aus."

Peer Steinbrück im TV Duell. Foto: Fabrizio Bensch, reuters

Peer Steinbrück versucht in der Wählergunst aufzuholen

Etappensieg für Steinbrück

Die Umfragen nach dem TV-Duell bestätigen den Eindruck der befragten Experten. Herausforderer Peer Steinbrück überzeugt mit Angriffslust und Argumenten, stellt das Institut infratest dimap fest. In den ersten Minuten der TV-Sendung bittet Steinbrück die Zuschauer, sich nicht von der Kanzlerin "einlullen" zu lassen. In Deutschland gebe es viele soziale Missstände, aber die Kanzlerin habe mit ihrer Regierung vieles nicht in Angriff genommen. Steinbrück zählt versprochene aber ausgebliebene Reformen bei Steuern und beim Kranken- und Pflegesystem als Beispiele auf. "Bei Kanzlerin Merkel stehen einfach nur viele bunte, aber leere Schachteln im Schaufenster", fasst es Steinbrück in ein anschauliches Bild.

60 Prozent der Zuschauer in der infratest-dimap Umfrage urteilen, der Herausforderer Steinbrück sei ihnen besser als erwartet vorgekommen. Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter weiß aus seiner Erfahrung: Entscheidend ist, wie die Kandidaten auf noch unentschlossene Wähler wirken. "Hier hat Steinbrück einen leichten Vorsprung vor Merkel". Die Umfrage von infratest dimap zeigt allerdings, dass Steinbrück bei den unentschlossenen Wählern mit 52 Prozent weit vor Merkel mit 36 Prozent liegt. In der TV-Sendung gelingt es Peer Steinbrück schließlich durch beharrliches Nachfragen, die zunächst ausweichend antwortende Kanzlerin zu einer klaren Aussage zu geplanten Autobahngebühren zu bewegen. Merkel lehnt eine Autobahn-Maut ab. Als Steinbrück gefragt wird, wie er die steigenden Strompreise in Deutschland wieder senken will, gibt es von ihm eine klare Antwort. "Ich werde hier nichts versprechen, was ich nicht halten kann", sagt Steinbrück offen. Die Offenheit wirkt auf die Zuschauer überzeugender als Angela Merkel ankommt.

Angela Merkel im TV Duell Foto:Fabrizio Bensch reuters

Kanzlerin Angela Merkel verweist auf ihre bisherige Arbeit

Merkels Pluspunkte

Angela Merkel wirkt im TV-Duell aber symphatischer und kompetenter. Da liegt sie vier Prozentpunkte vor Peer Steinbrück nach der Umfrage des Instituts Infratest dimap. Das Institut Forsa sieht Merkel in der Gesamtwertung mit einem Punkt vor Steinbrück. Begründung jeweils: Die Kanzlerin vermittele Kompetenz, indem sie auf Verhandlungsergebnisse auf internationaler Ebene verweist. Für den G20-Gipfel sei beschlossen worden, die Steuerflucht einzudämmen. Mit Peer Steinbrück stimmt Merkel überein, dass sich Deutschland nicht in den Syrien-Konflikt einmischen, aber eine klare Antwort auf den Giftgasangriff finden sollte. Merkel verschweigt nicht, dass sie die Zusammenarbeit mit der SPD in der großen Koalition zwischen 2005 und 2009 gut fand. Sie geht im TV-Duell sogar noch weiter und lobt die von der SPD eingeleiteten Reformen auf dem Arbeitsmarkt und den Sozialsystemen: "Gerhard Schröder (SPD-Kanzler von 1998 bis 2005) hat sich um unser Land sehr verdient gemacht".

Reden-Trainer Jörg Abromeit erklärt dazu: "Gegen Merkels versöhnliche Umarmungsstrategie kann man sich schwer wehren. Das bringt hohe Symphatiewerte." Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter bemängelt allerdings, dass Merkel zu oft das bisher Erreichte als gut beschwört. Wiederholt bittet Merkel in der Sendung darum, in Deutschland nicht alles schlecht zu reden. Die Argumente zwischen Merkel und Steinbrück sieht Falter allerdings gut verteilt. Wenn Merkel auf die niedrige Arbeitslosigkeit und die einzigartig gute Wirtschaftslage in Deutschlands verweist, dann sei das genauso richtig wie Steinbrücks Hinweis auf Millionen Arbeitnehmer, die mit Niedriglöhnen ihr Leben nicht alleine bestreiten könnten.

Zahlreiche Journalisten berichten aus dem Fernsehstudio Berlin-Adlershof vom einzigen TV-Duell von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und dem SPD-Spitzenkandidaten Steinbrück. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Rund 400 Journalisten beobachteten das TV Duell

Die Folgen des TV Duells

Zurzeit gibt es keine politische Wechselstimmung in Deutschland, stellen die führenden Meinungsforscher fest. Das bestätigen sowohl Jörg Abromeit wie auch Jürgen W. Falter im Interview mit der Deutschen Welle. "Letztlich entscheiden sich dann die meisten doch wie sie vorgeprägt sind", sagt Wahlforscher Falter. Das bedeute eine Entscheidung für die Partei, die man ohnehin bevorzugt. Bei den Unentschlossenen dürfte sich auch durch das TV-Duell nicht viel bewegen. "Die Abstände zwischen den politischen Lagern werden vielleicht geringer. Mehr aber auch nicht". Reden-Trainer Jörg Abromeit bringt es auf den Punkt: "Steinbrück war der bessere Rhetoriker, aber Merkel bleibt Kanzlerin". Daran etwas zu ändern, brauchte es ein äußeres Ereignis von großer Tragweite, meint Jürgen W. Falter.

Ein Blick auf die Umfragen nach dem TV-Duell bestätigt die Erkenntnis und Einschätzung der Experten. 41 Prozent der befragten Zuschauer fühlen sich in ihrer bisherigen Meinung zu den Kanzler-Kandidaten bestärkt. 47 Prozent konnten durch das TV-Duell nicht umgestimmt werden. Nur 10 Prozent räumen ein, ihre Meinung geändert zu haben. Das deutet auf ein anderes wichtiges Ergebnis der Stimmungslage hin. Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich genau das, was Steinbrück und Merkel in der Sendung ablehnten: eine große Koalition von CDU/CSU und SPD. Am 22. September wird in Deutschland gewählt.

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