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Politik

Nach dem Mord an Bhutto eskaliert die Gewalt

Nach der Ermordung der pakistanischen Oppositionsführerin Bhutto droht das Land im Chaos zu versinken: Tausende protestierten gegen den Anschlag - teils gewalttätig. Premierminister Sharif will die Wahl boykottieren.

Brennender Bus in Lahore (27.12.2007, Quelle: DPA)

Ausschreitungen nach dem Attenatat auf Pakistans Oppositionsführerin

Die pakistanische Oppositionsführerin Benazir Bhutto ist knapp zwei Wochen vor den geplanten Parlamentswahlen bei einem Attentat ermordet worden. Die charismatische Politikerin, die zweimal Regierungschefin in Pakistan war, wurde bei einer Wahlkampfveranstaltung am Donnerstag (27.12.2007) in der Garnisonsstadt Rawalpindi durch Schüsse in Kopf und Nacken tödlich verletzt. Mit Bhutto starben mindestens 20 ihrer Anhänger, als sich ein Selbstmordattentäter nach den tödlichen Schüssen in die Luft sprengte. Der frühere Premierminister Nawaz Sharif, ein politischer Rivale Bhuttos, kündigte einen Boykott der für den 8. Januar geplanten Wahlen an und rief zum Generalstreik auf.

Sondersitzung des Sicherheitsrats

Benazir Bhutto (13.11.2007, Quelle: AP)

Mit ihr stirbt die Hoffnung auf Demokratie

Präsident Pervez Musharraf, der erst vor zehn Tagen den Ausnahmezustand in Pakistan aufgehoben hatte, rief die Bevölkerung dagegen zur Ruhe auf. Er ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Zu einer Verschiebung der Wahl äußerte sich der enge US-Verbündete nicht. Aus mehreren Städten des Landes, das seit 1998 Atommacht ist, wurden nach dem Mordanschlag gewalttätige Proteste gemeldet. US-Präsident George W. Bush verurteilte den Anschlag ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere westliche Regierungen. Der UN-Sicherheitsrat kam kurzfristig zu einer Sondersitzung zusammen.

Der Attentäter habe nach Ende der Wahlveranstaltung auf den weißen Geländewagen geschossen, mit dem die 54-jährige Parteichefin wegfahren wollte, sagte ein Sprecher ihrer Pakistanischen Volkspartei PPP, Farhadullah Babar. Bhutto sei schon tot gewesen, als ihr Fahrzeugkonvoi gegen 17.30 Uhr Ortszeit das Krankenhaus von Rawalpindi erreichte. Die Leiche sollte in der Nacht zum Luftwaffenstützpunkt von Rawalpindi gebracht und zur Beisetzung in Bhuttos Heimatstadt im Süden Pakistans geflogen werden.

Der zweite Anschlag war tödlich

Erst vor zehn Wochen - bei ihrer Rückkehr aus dem selbst gewählten Exil - war die Politikerin einem Selbstmordanschlag auf ihre Wagenkolonne in der Hafenstadt Karachi entgangen. 140 Menschen wurden getötet. Sie selbst blieb damals unverletzt.

Nawaz Sharif (27.12.2007, Quelle: DPA)

Pakistans Premier Sharif (l.)will die Wahl boykottieren

Hunderte von wütenden Anhängern Bhuttos versammelten sich nach Bekanntwerden des Todes der Oppositionsführerin vor dem Krankenhaus. Viele brachen in Tränen aus und fielen sich in die Arme. "Es ist die Tat derjenigen, die die Auflösung Pakistans betreiben", sagte ein Parteisprecher. "Sie war das Symbol der Einheit." In Sprechchören machten Anhänger ihrer Wut gegen die Regierung Musharraf Luft.

Gewalttätige Proteste in vielen Städten

Auch aus anderen Städten des Landes wurden teils gewalttätige Proteste gemeldet. In Bhuttos Heimatprovinz Sindh kam es zu Unruhen. Menschen schossen in die Luft, vielerorts wurden Brände gelegt. In der nordwestlichen Stadt Attock wurde das Gebäude der Regierungspartei geplündert. Präsident Musharraf machte in einer Fernsehansprache islamische Extremisten für den Anschlag verantwortlich. "Dies war die Tat derselben Extremisten, gegen die auch wir kämpfen." Zuvor hatte er eine Dringlichkeitssitzung seiner engsten Mitarbeiter einberufen. Musharraf ist ein enger Verbündeter der USA im Kampf gegen den Terrorismus.

"Ein feiger Akt"

Brennendes Polizeiauto in Rawalpindi (27.12.2007, Quelle: DPA)

In zahlreichen Städten kam es zu Ausschreitungen

US-Präsident Bush nannte das Attentat einen "feigen Akt". Die Kräfte, die dahinter stünden, wollten die Demokratie in Pakistan untergraben. "Wir stehen hinter dem pakistanischen Volk in seinem Kampf gegen den internationalen Terrorismus", sagte Bush in einer kurzen Stellungnahme auf seiner Ranch in Texas. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte den Mord ein "ruchloses Verbrechen". Bundeskanzlerin Merkel verurteilte die Tat aufs Schärfste und sprach von einem "feigen terroristischen Anschlag". Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, die Ermordung Bhuttos so kurz vor den Parlamentswahlen und die jüngsten Gewaltakte im Wahlkampf seien ein schwerer Schlag für alle, die in Pakistan für Demokratie kämpften.

Pakistans ehemaliger Premier Sharif sprach von einer "Tragödie für die gesamte Nation". "Das ist eine sehr ernste Situation für das Land", sagte Sharif. Die Regierung hätte mehr für Bhuttos Schutz tun müssen.

Die 54-jährige Bhutto spielte seit Jahrzehnten in der pakistanischen Politik eine maßgebliche Rolle. Nach dem Wahlsieg der PPP 1988 wurde sie als erste Frau in einem islamischen Staat Regierungschefin. 1993 gelang ihr für weitere drei Jahre die Rückkehr an die Macht. Wegen Korruptionsvorwürfen wurde sie jedes Mal abgesetzt, was aber ihrer Popularität im Volk keinen Abbruch tat. Bhutto entstammte einer Politiker-Dynastie. Ihr Vater Zulfikar Ali Khan Bhutto war 1977 vom Militärmachthaber Zia ul-Haq gestürzt und zwei Jahre später gehängt worden. (mg)

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