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Aktuell Europa

Nach Bergwerksdrama: Tränengas gegen Trauernde in der Türkei

Im west-türkischen Soma ist die Trauer um die verunglückten Bergleute in Wut gegen die Regierung in Ankara umgeschlagen. Die findet nur ein Mittel gegen die aufgebrachten Demonstranten: Wasserwerfer und Tränengas.

Während aus dem Unglücksbergwerk in Soma noch immer Leichen geborgen werden, weiten sich die Proteste in der west-türkischen Stadt aus. Am Freitag ist zu schweren Zusammenstößen zwischen mehreren tausend Demonstranten und der Polizei gekommen. Augenzeugen berichten, die Polizei habe neben Tränengas und Wasserwerfern auch Gummigeschosse gegen die Menge eingesetzt. Die Demonstranten forderten den Rücktritt der Regierung von Recep Tayyip Erdogan. Ihr wird unter anderem vorgeworfen, schärfere Sicherheitskontrollen in dem Bergwerk verhindert zu haben, was Premier Erdogan deutlich zurückweist.

Für zusätzliche Aufregung sorgen zwei Videos, die im Internet veröffentlich wurden. Auf einem soll der Premierminister dabei zu sehen sein, wie er einem aufgebrachten Mann eine Ohrfeige gibt. Die Sequenz ist allerdings so verwackelt, dass Erdogans Verhalten nur undeutlich zu erkennen ist. Ein zweites Video zeigt einen Berater Erdogans, der einen am Boden liegenden Demonstranten tritt.

Auch in Istanbul teils gewaltsame Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung unter Erdogan (foto: EPA/SEDAT)

Auch in Istanbul teils gewaltsame Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung unter Erdogan

Deutsche Kritik an Erdogans Verhalten

Erdogans Reaktion auf das Grubenunglück ist mittlerweile auch Thema in Deutschland. Politiker von Union, SPD und Grünen haben sich gegen einen für den nächsten Samstag geplanten Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten in Köln ausgesprochen. Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte Erdogans Verhalten und äußerte Verständnis für die Wut der Trauernden. Der Regierungschef könne jetzt nicht einfach Wahlkampf machen, fügte er mit Blick auf den geplanten Auftritt Erdogans in Köln hinzu. Erdogas Partei AKP betonte, der Auftritt in Köln sei keine Wahlkampfveranstaltung.

Kritiker unterstellen dem türkischen Premier allerdings, türkischer Präsident werden zu wollen. Bei den Wahlen am 10. August dürfen zum ersten Mal auch die in Deutschland lebenden Türken teilnehmen.

Neues Feuer in Soma

Am Samstag behinderte in Soma ein neues Feuer die Suche nach den letzten noch vermissten Bergleuten unter Tage. Man versuche den Brand so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bringen, kündigte Energieminister Taner Yildiz an. Die Zahl der tot geborgenen Kumpel wird jetzt mit 301 angegeben. Acht Personen würden noch vermisst, hatte es zunächst gelautet. Yildiz sprach jetzt von "höchstens drei Bergleuten".

Zum Zeitpunkt des Unglücks am Dienstag waren nach Angaben des Unternehmens 787 Kumpel in dem Kohlebergwerk. Wegen eines Brandes fiel der Strom aus, Förderkörbe und Belüftungsanlagen arbeiteten nicht mehr, so dass viele Arbeiter erstickten. Die genaue Ursache der schwersten Bergwerkskatastrophe in der Geschichte der Türkei ist immer noch unklar.

djo/sc (dpa, rtr, APE)