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Deutschland

Na dann: Guten Appetit!

Zeitgeist in der Mensa: Der studentische Nachwuchs liebt unkonventionelle Formen der Nahrungsaufnahme. Der Vater aller Benimmregeln, Meister Knigge, würde staunen!

Grafik Fernschreiber (Quelle: DW)

Die Mensa-Nord der Berliner Humboldt-Universität ist vor einigen Monaten in schöne neue Räumlichkeiten gezogen - in alte, neu gemachte Räume, genauer gesagt. Denn kluge Architekten haben das ehemalige Waschhaus der Charité zu einer stilvollen und Licht durchfluteten, sehr zeitgeistigen Hightech-Massenverköstigungsanlage um- und ausbauen lassen.

Schon in der Frühe gibt es hier ein reichhaltiges Studentenfrühstück, ab mittags dann Möhren-Ingwer-Süppchen oder Fisch-Bouillon, Salat aus der reich bestückten Vitamin-Bar, Aktions-Menüs und Spargel und Rouladen, Fisch, Pasta, Pute und Pudding - jeden Tag etwas anderes. Die Auswahl ist groß, alles ist lecker, und manches auch vom Biobauern.

Hauptsache, es schmeckt!

Sehr sauber und ordentlich und ansprechend ist diese Mensa. Und sauber und ordentlich und ansprechend sind auch die vielen jungen Menschen, die tagaus, tagein an den langen Tafeln sitzen und, nun ja: essen. Denn zweifelsohne handelt es sich um eine Form der Nahrungsaufnahme, die sich hier täglich tausendfach am gut gebildeten akademischen deutschen wie internationalen Nachwuchs beobachten lässt. Mann isst, Frau isst, alle essen - und immer mehr junge Menschen tun das auf eine überraschend unkonventionelle Art und Weise.

Tief gebeugt kauern sie am Tisch, mit katzenbuckelrundem Rücken, und kämpfen einarmig mit dem Inhalt von Teller und Schalen. Möglichst ohne das Messer zu gebrauchen, machen sie das, und verrühren und pampsen, kippen den Salat auch mal oben drauf auf Soße, Kartoffelbrei und Ragout, verrühren und pampsen noch mal und gabeln oder löffeln dann los - aufgestützt auf den Ellenbogen und mit einer kraftlosen rechten Hand, während die Linke unter dem Tisch ruht oder dort was auch immer tut.

Mit großer Ernsthaftigkeit machen sie das, die angehenden Ärzte und Ärztinnen, Ingenieure und Ingenieurinnen, Manager und Managerinnen. Und während sie ihrem Nahrungsmittelbreiberg dann zu Leibe rücken, lächeln sie ihr Gegenüber unbedarft an, von unten, mit dem katzenbuckelrunden Rücken, und plaudern über Reaktionen im Reagenzglas, günstige Flatrates, Stipendien für Lateinamerika und das letzte Wochenende. Guten Appetit. Schmeckt wieder gut heute, oder?

Mahlzeit, alle zusammen!

Die Mensa-Nord ist wirklich eine tolle studentische Kantine. Und ihre Kunden sind im wahrsten Sinne des Wortes Kinder unserer Zeit. Fleißig, pflichtbewusst und karriereorientiert sowie ausgestattet mit Essmanieren, die die Folge jahrelanger einsamer Nahrungsaufnahme sind. Denn beklagen Statistiker nicht längst, dass in den meisten Familien zu selten Zeit bleibt für gemeinsame Mahlzeiten? Dass jeder für sich isst und trinkt, was Kühlschrank und Gefriertruhe gerade hergeben? Und dass das möglichst bequem geschieht und nebenbei? Dass also niemand ganz altmodisch mal sagt: Sitz gerade! Und iss bitte mit Messer und Gabel!

Manchmal sitzen an den langen Tischen in der Mensa-Nord auch Arbeitsgruppen beisammen. Ausgestattet mit ein paar Papieren und Laptops. Dann ist nicht auszuschließen, dass auf dem einen oder anderen Bildschirm zufällig folgende Anzeige auftaucht: "Bringen schlechte Tischmanieren Sie auch auf die Palme? Knigge hilft!" Denn Stiltrainer und Benimm-Seminare mit Garantie boomen nicht nur im Internet, sondern auch im wirklichen Leben. Sie versprechen Erfolg im Business oder einfach mehr Vergnügen beim gemeinsamen Verzehr von Mahlzeiten. Hat eben bloß noch nicht jeder oder jede mitbekommen!

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Kay-Alexander Scholz