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Welt

Nächtliche Razzien schüren Hass auf NATO

In einem Bericht einer NGO wird der NATO vorgeworfen, mit nächtlichen Razzien die afghanische Zivilbevölkerung zu gefährden. Großangelegte Razzien verstießen gegen internationales Recht und zerstörten Vertrauen.

ISAF Soldat mit Kindern (Foto: dpa)

Nächtlichen Operationen zerstören Vertrauen

"Kill and capture operations": Was so leicht von der Zunge geht, ist eine äußerst kontroverse Militärtaktik in Afghanistan. Mitten in der Nacht dringen NATO-Soldaten in Häuser von mutmaßlichen Aufständischen ein, um diese zu töten oder gefangen zu nehmen. Dabei sterben immer wieder auch unschuldige Zivilisten. "Vom internationalen Militär hoch geschätzt, werden sie von der Zivilbevölkerung gehasst", heißt es in einem Bericht der "Open Society Foundation", der am Montag (19.09.2011) veröffentlicht wurde. Bis zu 40 Razzien pro Nacht fänden derzeit in Afghanistan statt, zitiert die amerikanische Menschenrechtsorganisation, die vom Multimillionär und Philanthrop George Soros finanziert wird, ein ranghohes Mitglied der US-Armee.

Zwar liegen der Nichtregierungsorganisation (NGO) keine offiziellen Zahlen für 2011 vor. Doch aus Statistiken der NATO vom vergangenen Jahr ließe sich entnehmen, dass die nächtlichen Razzien zwischen Februar 2009 und Dezember 2010 um ein Fünffaches angestiegen seien. Demnach wurden durchschnittlich 19 Mal pro Nacht Häuser durchsucht und Menschen von NATO-Soldaten aus dem Schlaf gerissen.

ISAF bestätigt Razzien auch in 2011

Auf Nachfrage von DW-WORLD.DE bestätigte der Sprecher der NATO-geführten Internationalen Schutztruppe ISAF, Jimmie Cummings, dass auch in den vergangenen zwölf Monaten nächtliche Operationen durchgeführt worden sind. Cummings nannte die Zahl von insgesamt 2900 Aktionen für diesen Zeitraum. Das wären im Durchschnitt acht Aktionen pro Nacht.

Grund der Aktionen: General David Petraeus, der im Sommer die NATO-Führung übernahm, ist überzeugt davon, dass Razzien die effektivste Art seien, kriminelle Netzwerke zu durchbrechen und dabei zivile Opfer zu minimieren. Außerdem könnten sie - mit Blick auf den Abzug der internationalen Truppen 2014 - von relativ kleinen Einheiten durchgeführt werden.

Vielzahl der Razzien gefährdet unschuldige Afghanen

Petraeus Argumentation steht im Widerspruch zum Bericht der Menschenrechtsorganisation: "Die Razzien bringen das Schlachtfeld direkt in die afghanischen Häuser", kritisiert die "Open Source Society". Zwar hätten die ausländischen Truppen die Durchführung ihrer Razzien durch Reformen verbessert, nachdem sie auch von Präsident Hamid Karsai mehrfach kritisiert worden waren. Nun würden etwa die Ziele sorgfältiger ausgesucht, weniger Eigentum werde beschädigt und mehr Respekt im Umgang mit Frauen gezeigt. Außerdem würden die Operationen vermehrt gemeinsam mit afghanischen Truppen koordiniert: So müssen laut NATO-Vorschrift afghanische Befehlshaber jede Durchsuchung genehmigen und mindestens 25 Prozent auch selbst leiten. Allerdings soll es gelegentlich zu Beschwerden kommen, dass afghanische Soldaten die Aktionen zu Plünderungen nutzten.

Nato Soldat mit mutmaßlichen Talibankämpfern (Foto: EPA)

Nato-Soldat mit mutmaßlichen Talibankämpfern nach einem Anschlag im September

Doch trotz aller Verbesserungen führe das schiere Volumen der nächtlichen Razzien zu mehr Gefahren für afghanische Zivilisten, heißt es weiter im Bericht der Menschenrechtsorganisation. In großangelegten Razzien würden oft gleich mehrere Häuser, manchmal sogar ein ganzes Dorf durchsucht. Dabei würden Männer und auch Jugendliche für Stunden, manchmal sogar für Tage, in Gewahrsam genommen.

Dem Bericht zufolge gehören diese Aktionen zwar eigentlich nicht zu den nächtlichen Durchsuchungen, werden aber von der Bevölkerung als Teil davon wahrgenommen. Es sei gut möglich, dass die größeren Razzien und Verhaftungen gegen internationales Recht verstießen, hieß es im Bericht. Besonders bedenklich sei, dass sie oft – wenn auch nicht primär – lediglich der Informationsbeschaffung dienten. Zivilisten dürften zwar befragt werden, müssten dabei jedoch um jeden Preis geschützt werden, betonten die Autoren.

In Afghanistan gehörten bewaffnete Raubüberfälle bereits zur alltäglichen Normalität. Deshalb sei es nicht ungewöhnlich, dass die Bevölkerung gut bewaffnet sei. "Und wenn Afghanen denken, dass sie überfallen werden, dann reagieren sie auch mit Gewalt", hieß es im Bericht. Auch interpretierten ausländische Soldaten allzu oft feindliche Absichten in ein eigentlich harmloses Verhalten hinein. Und im Zweifelsfalle werde schnell von der Schusswaffe Gebrauch gemacht: etwa, wenn ein Zivilist neben einer Waffe schlafe oder vor dem vermeintlichen Angreifer wegrenne.

"Das ist Terrorismus"

Brennender Nato-Panzer (Foto: AP/dapd)

Immer wieder kommt es zu Anschlägen auf Nato-Ziele

In der Dunkelheit könne es darüber hinaus schnell zu Verwechslungen kommen, warnen die Menschenrechtler. Zwar sei die NATO überzeugt, in vier von fünf Operationen die richtige Person aufzugreifen. Unschuldige, so heißt es, würden schnell laufengelassen. Doch könnten Misshandlungen von Gefangenen nicht ausgeschlossen werden, sobald diese etwa afghanischen Kollegen übergeben würden, so die Kritik. Opfer seien aber auch oft Afghanen, die nur sehr lose Verbindungen zu den Aufständischen hätten und von diesen gezwungen würden, Essen und Unterkunft zu stellen.

In der afghanischen Bevölkerung seien die Razzien verhasst, so der Bericht. Für einen Mann aus der ostafghanischen Provinz Nangarhar seien die Soldaten schlicht Terroristen: "Was die machen, ist Terrorismus. Die verbreiten doch nur noch mehr Terror und Gewalt", wurde er im Bericht zitiert. Am Morgen nach einer Razzia gebe es oft große Demonstrationen, die gelegentlich in Gewalt umschlagen würden. Im Mai 2011 etwa habe ein aufgebrachter Mob versucht, eine internationale Militärbasis zu stürmen. Die Wut über die Durchsuchungen sei mittlerweile so groß, dass sie jegliche Fortschritte der NATO, das Land zu stabilisieren, überschatte. In mühsamer Kleinstarbeit aufgebautes Vertrauen könne bereits in einer Nacht zerstört werden.

Die NATO begrüßte den Bericht der "Open Society Foundation" und erklärte, sie werde die Kritik und Empfehlungen prüfen. Pressesprecher Jimmie Cummings betonte gegenüber DW-WORLD.DE jedoch: "Nächtliche Operationen sind eine effektive Art, den Druck auf den Feind aufrechtzuerhalten und dabei das Risiko für Zivilisten zu minimieren." Nur ein Prozent aller zivilen Todesfälle würde bei nächtlichen Operationen verursacht.

Weitere Anschläge gegen NATO-Soldaten

Etwa 140.000 ausländische Soldaten sind derzeit in Afghanistan stationiert, die Mehrheit wird von den USA gestellt. Immer wieder kommt es zu Anschlägen: Erst am vergangenen Wochenende wurden bei einem Sprengstoff-Anschlag in Südafghanistan mindestens drei NATO-Soldaten getötet.

Drei Jahre vor Ende des geplanten Abzugs der internationalen Truppen und in einer äußerst angespannten Sicherheitslage ist es unwahrscheinlich, dass die NATO auf die nächtlichen Razzien verzichten wird – die von vielen Afghanen verhassten "kill and capture operations" werden daher wohl so schnell nicht aus dem NATO-Kriegsvokabular verschwinden.

Autorin: Naomi Conrad (mit afp, dpa, rtr)

Redaktion: Ursula Kissel

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