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Lebensart

Nächster Halt: Kunstgeschichte - Entdeckungsreise mit der Moskauer Metro

In Moskau hat die 200. Metrostation eröffnet. Den sozialistischen Prunk der historischen Haltestellen ersetzt in den Neubauten moderner Schick. Eine Rundfahrt wird so zur Tour durch die russische Kunstgeschichte.

Es ist immer windig in den Stationen der Moskauer Metro. Ob es an der Bauweise liegt, an der Bewegung der einfahrenden Züge oder ganz einfach am Belüftungssystem? Der ständige Luftzug ist jedenfalls da. Er zerzaust die modischen Frisuren der Moskowiterinnen, lässt Fahrgäste mit ihren Zeitungen kämpfen und bringt den typischen Geruch der Metro mit. Eine Mischung aus Stein, Metall, Schmiere - und Geschichte.

Für den durchschnittlichen deutschen U-Bahn-Kunden ist die erste Benutzung der Moskauer Metro ein infrastruktureller Kulturschock. Keine der schmucklosen, funktionalen Haltstellen in Berlin, Dortmund oder Köln können einen auf das vorbereiten, was man in Moskau unter öffentlichem Personennahverkehr versteht. Unglaubliche acht Millionen Fahrgäste benutzen jeden Tag die endlosen Rolltreppen, laufen über die abgewetzten Marmorböden und warten in den Stationen, die während der Sowjetunion als "Paläste des Volkes" gebaut wurden. Obwohl "warten" zu viel gesagt ist: Alle 90 Sekunden kommt ein Zug.

Russland Moskau Metro Station Majakowskaja

Seit 1938 modern – die Station Majakowskaja

Vom Kunstwerk zum Luftschutzbunker

Eine der außergewöhnlichsten Stationen des Moskauer Netzes ist gleichzeitig eine der ältesten. 1938 fuhr der erste Zug in den U-Bahnhof Majakowskaja ein, nur drei Jahre nach der Eröffnung der ersten Metrolinie. Die Station ist eine Art déco-Kathedrale - 33 Meter unter der Erde. Schlichte, elegante Säulen lassen die gewölbte Decke schweben. Indirektes Licht spiegelt sich in Verzierungen aus rostfreiem Stahl, perfekt eingebunden zwischen rotem und grauem Marmor. Noch im Jahr der Eröffnung wurde die Station bei der Weltausstellung in New York mit dem Grand Prix geehrt. Nur drei Jahre später, 1941, musste sie als Luftschutzbunker herhalten, als die deutsche Wehrmacht Moskau unter Beschuss nahmen. Läuft man heute durch die Halle, ist es schwer, sich diese fast 80-jährige Geschichte vorzustellen: So zeitlos elegant, fast modern wirkt das Bauwerk.

Russland Moskau Metro Station Ploschtschad Revoljuzii

Glückssucher: Reiben, bis die Bronze glänzt

In anderen Stationen der Vorkriegszeit herrscht hingegen eine düstere Atmosphäre: Niedrige Decken und breite Säulen. Lebensgroße Heldenfiguren aus dunkler Bronze schmücken die Station Ploschtschad Revolyutsii. Helden der Sowjetunion, versteht sich: Soldaten, Bauern, Arbeiter, Sportler- sogar parteitreue Hunde und Hähne sind in der Station verewigt. Glänzende, blankpolierte Stellen an den Bronzefiguren belegen den Aberglauben vieler Fahrgäste: Das Reiben an Hundeschnauze oder Hahnenkamm soll Glück bringen.

Flirten unter Aufsicht

Es sind auch diese Rituale, die die Moskauer Metro zu mehr als einem funktionalen Verkehrsmittel machen. Denn bei allem Drängeln und Hetzen sind die Stationen auch ein Begegnungsort: Gruppen von Touristen und Schulausflüglern bestaunen Wandbilder und Mosaike, alte Freundinnen palavern auf Bänken.

U-Bahn Rolltreppe in Moskau Russland Flash-Galerie

Auch die minutenlangen Fahrten mit den Rolltreppen sind längst nicht jedem lästig: Pärchen tauschen Zärtlichkeiten aus, Singles mustern die entgegenkommenden Fahrgäste und warten auf eine Möglichkeit zum Flirten. Alles unter den Augen der Rolltreppenwächterinnen, die am Fuß jeder Treppe in kleinen Glaskästen sitzen und über Lautsprecher resolut auf Verstöße gegen die Benutzungsregel hinweisen: rechts stehen, links gehen, nicht rennen.

Sich in den Metrostationen aufzuhalten ist deutlich angenehmer als das Fahren mit den Zügen selbst. Die überfüllten Wagen schlingern hin und her, die Räder kreischen, die Luft ist muffig. Sechs Passagiere soll jede der Bänke fassen, die längs in den Waggons montiert sind - dafür darf der Körperumfang aber kein Stück über dem Durchschnitt liegen. Beim Ein- und Aussteigen ist keine Rücksicht zu erwarten: Selbst alte Großmütterchen drängeln hemmungslos. Und die Türen, die mit einem furchteinflößenden Knall schließen, klemmen Taschen, Einkaufstüten und Finger gnadenlos ein, wenn ein Fahrgast zu langsam ist.

Nichts kann die Metro stoppen

Die prunkvollsten Stationen der Metro entstanden in den Jahren kurz vor Stalins Tod 1953. Die berühmteste davon ist Komsomolskaja (siehe Titelbild), auch "Moskaus Sixtinische Kapelle" genannt. Riesige Kronleuchter hängen hier von der gewölbten Decke, die von Marmorsäulen getragen wird. Mosaike an der Decke zeigen Szenen der russischen Geschichte - vom Feldzug Napoleons bis zur Oktoberrevolution. Unter Stalins Nachfolger Chruschtschow wurden die neu gebauten Stationen dann nüchterner, zweckmäßiger - aber der Ausbau ging ungebremst voran. Weder Krise und Zerfall der Sowjetunion, noch die Wirren danach konnten das Wachsen des Verkehrsnetzes aufhalten.

Russland Moskau Metro Station Nummer Salarjewo

Neu: Station Nummer 200 – Salarjewo

Die gerade eröffnete 200. Metrostation Moskaus, Salarjewo, riecht nicht nach Stein und Metall, sondern nach Kunststoff und Farbe. Schick und modern ist sie im Stil des holländischen Neoplastizisten Piet Mondrian gestaltet. Die großen, farbigen Muster und der blitzende Edelstahl kommen bei den Moskowitern gut an. Viele fahren nur zu dieser Endhaltestelle, um die Jubiläumsstation einmal näher in Augenschein zu nehmen und den Neuzustand fotografisch festzuhalten. Lange jedoch wird Salarjewo nicht der neuste Haltepunkt bleiben - allein dieses Jahr sollen zwölf weitere Stationen dazukommen.

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