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Kultur

Mythos Schiller

Er ist heute wahrlich kein Bestsellerautor mehr. Aus den Schulbüchern ist er weitgehend verschwunden. Dabei gab es mal eine Zeit, da die Verehrung des Dichters hymnische Züge angenommen hatte. Ziemlich lange her.

Am 10. November 1859, dem hundertsten Geburtstag von Friedrich Schiller, waren die Deutschen förmlich im Rausch. Landauf, landab kamen sie zusammen, um des großen Klassikers zu gedenken: Pastoren, Lehrer, gebildete Bürger, einfache Bevölkerung, Männerchöre, ja sogar Arbeitervereine, sie alle jubelten ihrem verstorbenen Idol zu: "Man muss sagen, es ist das größte Massenfest gewesen, das überhaupt in Deutschland im 19. Jahrhundert stattgefunden hat," sagt der Kölner Historiker Otto Dann.

Symbolfigur Schiller

Ein Rausch in politischer Absicht freilich. Die gescheiterte Revolution von 1848 lag nur rund zehn Jahre zurück. Doch in Deutschland regierten immer noch die Fürsten. Die Idee eines deutschen Nationalstaates aber war nicht vergessen. Und der hundert Jahre zuvor geborene Dichter Friedrich Schiller galt als ein Prototyp der Widerständigkeit gegen den herrschenden Absolutismus. Für die nach nationaler Einigung strebenden Bürger war er eine Symbolfigur.

Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar

Hundert Jahre nach Schillers Tod: Gedenkfeier in Weimar 1905

Und auch die neu entstehende deutsche Arbeiterbewegung entdeckte in Schiller einen Bundesgenossen für das arbeitende Volk. Gerade hier sei der republikanische Geist Schillers voll verstanden worden, erläutert der Historiker: "Die 9. Sinfonie von Beethoven, mit der Freiheitsode von Schiller, die ist in der Arbeiterbewegung groß geworden. Sie wurde immer zu Silvester gespielt."

Lebende Legende

Ein Mythos, eine Legende war Friedrich Schiller schon zu Lebzeiten. Seine von Freiheitsgedanken und republikanischem Pathos geprägten Theaterstücke hatten die Menschen aufgerüttelt und erschüttert. Seine Vorlesungen an der Universität Jena waren Publikumsrenner. Schillers historische Bücher galten als wissenschaftliche Sensation. Fasziniert waren die Menschen aber auch von Person und Leben des Dichters.

Schillers Hut, Exponate in seinem Geburtshaus. Foto: DLA Marbach

Schillers Hut

Als er 1793 schwer krank darniederlag, drängelten sich seine Studenten geradezu, um an seinem Bett Krankenwache zu halten. Die Erkrankung des Dichters war fortan ein öffentliches Thema. Auch der Entwurf eines Schiller-Denkmals in Stuttgart war eine breit diskutierte Angelegenheit. Schiller-Devotionalien - oder das was man dafür hält - haben zuweilen bis heute geradezu reliquienhaften Charakter: Locken, Kleidungs- und Schriftstücke, Dinge des täglichen Gebrauchs.

Ein Faden vom Spinnrad der Mutter. Foto: DLA Marbach

Ein Faden vom Spinnrad der Mutter

Schiller, der Europäer

Nicht nur die Deutschen huldigten Schiller. Der Dichter war eine weit über die Grenzen der deutschen Fürstentümer hinaus bekannte Figur. Dies auch, weil er sich in seinen Dramen mit der Geschichte europäischer Nationen befasst hatte. 'Don Carlos' spielt in Spanien. 'Wilhelm Tell' in der Schweiz. 'Maria Stuart' in England. "Und gestorben ist er über einem 'Demetrius' für Russland", sagt Otto Dann.

Schiller war "citoyen de France", Ehrenbürger von Frankreich - eine hohe Auszeichnung, auf die er sehr viel Wert legte - und die erste Biographie über ihn ist von einem englischen Historiker verfasst worden. Der dänische Adel stattete den ewig verschuldeten Dichter mit einem Stipendium aus.

Politische Vereinnahmung

Ende des 19. Jahrhunderts war es dann vorerst vorbei mit dem Schiller-Mythos. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hatte etwas grämlich geurteilt, es sei nun genug mit dem Pathos und es gereiche den Deutschen zur Ehre, wenn sie endlich Abstand von ihrem Schiller gewönnen. Mit dem zwanzigsten Jahrhundert kam dann die propagandistische Vereinnahmung Friedrich Schillers, seine Instrumentalisierung zu nationalistischen Zwecken. 1934 mobilisierte die NSDAP einen Staffellauf der Hitler-Jugend, die Feierlichkeit wurde im Rundfunk übertragen. Diese Form der Verehrung hielt freilich nicht lange an, auch wenn es 1940 nochmals einen Propagandafilm "Friedrich Schiller" gegeben hat. Schillers freiheitlicher Geist passte nicht zur NS-Ideologie, sagt der Historiker: "Letztlich hat man mit Schiller nichts anfangen können. Es ist dann von Hitler sogar verboten worden, Schiller aufzuführen."

Zwei mal Schiller

Thomas Mann bei Schiller-Gedenkfeier im deutschen National-Theater in Weimar, 1955. Foto: dpa

Thomas Mann spricht bei der Schiller-Gedenkfeier in Weimar 1955

Als sich nach dem Krieg zwei deutsche Staaten etablierten, entspann sich auch so etwas wie eine kulturpolitische Konkurrenz um Schillers Erbe. Kein Wunder – es gab im Osten und im Westen wichtige Erinnerungsorte. Eine selbstbewusster auftretende DDR pflegte das klassische Kulturerbe, die Fürstengruft in Weimar wurde umgestaltet, die Särge von Schiller und Goethe in die Mitte gerückt.

Anders in der Bundesrepublik: Hier machten seit den 70er Jahren jüngere Regisseure mit provokanten Neuinszenierungen des Klassikers Schlagzeilen. In den Schulen las man Schiller kaum noch. Und schließlich wurde er im Zusammenhang mit der Bildungsreform ganz aus dem Lektürekanon gestrichen. Dass das dramatische Werk Friedrich Schillers die wechselhaften Zeiten dennoch überstanden hat, zeigen freilich heute viel beachtete Neuinszenierungen auf europäischen Bühnen.

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Gabriela Schaaf

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