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Sport

Mythos Marathon

Der erste "Sieger" fiel tot um, ein armer Grieche wurde vor 108 Jahren zum Volkshelden: Für den modernen Marathon-Mann sind die 42.195 Meter heute Freizeitspaß oder Profisport. Längst dürfen auch Frauen auf die Straße.

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Schicksalsdistanz voller Geschichten


Mythos Marathon kurios: Die Griechen haben das Spektakel im Jahre 490 vor Christus zwar "erfunden", es im antiken Olympia aber nie nachgespielt. So kam der erste Olympiasieger erst 1896, bei der Premiere der Coubertinschen Spiele in Athen, zu allen Ehren. Zum Glück war es ein Grieche: Spyridon ("Spyros") Louis. Der Wasserträger aus dem Athener Vorort Maroussi starb 1940 und bekam 1955 ein Ehrengrab. Die Frauen mussten ihre erste Heldin 1984 bei den Boykottspielen in Los Angeles weniger klassisch feiern. Joan Benoit (USA) kam aus der Neuen Welt.

Fantasie und Fiktion

Panathinaikon-Stadion, Athen

Zieleinlauf in historischer Kulisse im Panathinaikon-Stadion in Athen

Legenden und Histörchen ranken sich um die Geburt des Klassikers. Fest steht nach Überlieferungen nur, dass die Griechen in Marathon einst die Perser besiegten. Alles andere ist eine Mischung aus seriöser Geschichtsschreibung, Fantasie und Fiktion. Der griechische Soldat Phidipiedes soll noch in voller Montur von Marathon nach Athen gelaufen sein, um dem Herrscher die frohe Kunde zu bringen: "Freuet euch, wir haben gesiegt!" Dann brach der gehetzte Herold tot zusammen. Schlacht und Sport - das war wohl ein Tick zu viel.

Und so gilt auch für den Marathon die Weisheit des anzösischen Philosophen René Descartes: "De omnibus dubitandum" (An allem ist zu zweifeln). Der arme Phidipiedes soll angeblich "Nike, Nike!" (Sieg, Sieg!) gerufen haben, heißt es in anderen Quellen. Nur, wer war schon dabei? Als gesichert gilt hingegen, dass die klassische Strecke von Marathon nach Athen am 10. April 1896 nur etwas mehr als 40 Kilometer lang war. Schummel! Der "Weltrekord" von Spyros Louis, 2:58:50 Stunden, war also gar keiner.

Seit 1896 hat der Marathon häufig Schicksal gespielt. 1904 gab es den ersten Toten. Der Amerikaner William Garcia stürzte nach 13 Kilometern entkräftet in einen Straßengraben und starb. 1908 führte der Italiener Dorando Pietris bis 400 m vor dem Ziel mit großem Vorsprung, dann wankte und stürzte er und musste ins Ziel geleitet werden. Er wurde disqualifiziert. Vier Jahre später beging der Japaner Kikichi Tsuburaya Selbstmord aus Enttäuschung über seine Leistung - etwas Samurai-Geist muss in ihm gewohnt haben.

"Nennt Eure Söhne Waldemar …"

Mizuki Noguchi Marathon Athen 2004

Mizuki Noguchi aus Japan ist Olympiasiegerin 2004

Barfuß feierte der Äthiopier Abebe Bikila 1960 seinen ersten von zwei Olympiasiegen. Seit einem Verkehrsunfall im Jahr 1969 querschnittsgelähmt, starb der äthiopische Nationalheld am 25. Oktober 1973. In Los Angeles 1932 wollte der schweigsame Finne Paavo Nurmi nach neun olympischen Goldmedaillen auf kürzeren Strecken seine Laufbahn mit einem Marathon-Sieg krönen. Doch kurz zuvor wurde er wegen Verstößen gegen den Amateurparagraphen gesperrt, was ihn bis zum Tod verbitterte.

Schicksal spielte der Marathon möglicherweise auch für einige Deutsche, die demnächst 24 Jahre alt werden und auf den Namen Waldemar hören. Aus Begeisterung über den zweiten Olympiasieg von Waldemar Cierpinski 1980 in Moskau legte DDR-Fernsehreporter Heinz Florian Oertel damals allen werdenden Vätern ans Herz: "Habt Mut, nennt Eure Söhne Waldemar ...!"

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