1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Mythos Kosovo

Das Kosovo will seine Unabhängigkeit erklären. Serbien würde mit der Abspaltung nicht nur eine Region von höchster politischer Bedeutung verlieren - sondern auch eine Provinz, die Serben mit einem Mythos verbinden.

Eine Bushaltestelle in der serbischen Provinz Kosovo vor düsterem Himmel mit einem Graffiti (Quelle: dpa)

Das Graffiti erinnert daran: Kosovo ist noch immer serbische Provinz

11.000 Quadratkilometer klein ist das Kosovo, zu deutsch das Amselfeld, nicht mehr als die Fläche des Bundeslandes Thüringen. Rund zwei Millionen Albaner leben in der südserbischen Provinz. Maximal 100.000 Serben sind im Kosovo noch zu Hause - wieviel genau weiß niemand, denn der Exodus der Serben hält an und straft jede Statistik schon im Augenblick der Veröffentlichung Lügen.

Wirtschaftlich marode, politisch bedeutsam

Eine serbische Frau mit Kopftuch steht in einem Hof vor einem ausgebrannten Haus und trägt Teile ihres Hab und Guts in der Hand (20.03.2004, Quelle: dpa)

Höchstens 100 000 Serben leben noch im Kosovo - mit zwei Millionen Albanern

Wirtschaftlich ist das Kosovo auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Die Arbeitslosenquote liegt bei bis zu 50 Prozent, der durchschnittliche Verdienst beträgt 150 Euro, der Außenhandel ist kaum messbar. Die Provinz wird allein von der Schattenwirtschaft getragen.

Um so mehr ist das Amselfeld politisch von Bedeutung. Die wahrscheinliche Abspaltung der Provinz von Serbien birgt ungeheure Sprengkraft, die weit über die serbischen Grenzen hinaus reichen könnte. In Bosnien-Herzegowina hat sich die sowieso schon fragile innere Statik seit Monaten verschlechtert. Auch in Frankreich, Spanien und der Slowakei – alles Staaten mit nationalen Minderheiten - wächst die Unruhe vor einer wahrscheinlichen Unabhängigkeit der Kosovo-Albaner. Ein neuer Präzedenzfall droht.

National-Kult und Ort der kollektiven Erinnerung

Ein Bauer steht auf einer Weide mit zwei Kühen unzer blauem Himmel mit wenigen Wolken, im Hintergrund ein malerisches Dorf (Quelle: dpa)

Das Amselfeld: Ort der Erinnerung

Historisch gesehen ist die Region im Süden Serbiens und umgeben von den Grenzen zu Montenegro, Albanien und Mazedonien ein Ort der Erinnerung an die Vergangenheit – zumindest aus serbischer Sicht. Hier war einmal das Zentrum des mittelalterlichen Serbien. Wenn von "Altserbien" anstatt Kosovo die Rede ist, dann wird dadurch ein Besitzanspruch zum Ausdruck gebracht. Die Bedeutung des serbischen mittelalterlichen Reiches wird durch ein einziges Datum überhöht: den 28. Juni 1389, den Vidovdan, den sogenannten Sankt Veitstag. An diesem Tag vor mehr als 600 Jahren wurden die Serben, die an der Spitze eines christlichen Heeres kämpften, von den Osmanen besiegt. Es war der Beginn des Untergangs des serbischen Reiches. Die verlorene Schlacht auf dem Amselfeld wurde seitdem als spiritueller Sieg umgedeutet. Vergessen wird dabei auf serbischer Seite, dass auch Albaner auf Seiten des christlichen Heeres kämpften.

"Serbisches Jerusalem"

Obwohl nur durch Legenden und Sagen gespeist, wird das Kosovo fortan als "serbisches Jerusalem" stilisiert und dient seitdem als zentrales Element der serbischen Nationalideologie. Seit dem 19. Jahrhundert hielt der Kosovo-Mythos Einzug in die Nationalkultur, in die Prosa, die Lyrik und vor allem in die Malerei. Der Kosovo-Kult steigerte sich umso mehr, als sich das serbische Siedlungsgebiet in der frühen Neuzeit weg vom Kosovo, dem Kernland, nach Norden verlagerte. Erst 1912/13, während der Balkankriege, konnten die Serben die Türken wieder vertreiben, so dass nach mehr als 500 Jahren das Amselfeld wieder unter serbische Kontrolle kam. Dennoch: Das Kosovo war über all die Jahrhunderte National-Kult und Ort der kollektiven Erinnerung.

Re-Serbisierung des Kosovo scheitert

Ein Jugendlich schwenkt auf einem alten Gebäude die serbische Flagge (28.06.2006, Quelle: AP)

"Emotionale Mobilmachung"

Im Jugoslawien der Ära Tito war der Kosovo-Mythos offiziell tabu. Parallel dazu gab es Versuche der Re-Serbisierung im Kosovo. Ein politischer Versuch, der zum Scheitern verurteilt war: Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage wollten sich nie so viele Serben in der südlichen Provinz ansiedeln, um die hohe Geburtenrate der Albaner - die höchste in Europa - auszugleichen. Mit dem Ende Jugoslawiens und den aufkommenden Nationalismen rückte die Kosovo-Frage spätestens 1989 wieder in den Blickpunkt. Der 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld bot dem damals im Ausland noch unbekannten Slobodan Milosevic eine ideale Bühne, den serbischen Anspruch auf die Region neu und machtvoll zu formulieren. Rund eine Million Serben kamen auf das Amselfeld, um der verlorenen Schlacht zu gedenken. Es war der Beginn des Aufstiegs Milosevics und die Geburtsstunde des serbischen Nationalismus.

Südserbische Provinz unter Verwaltung der Vereinten Nationen

Ein weißes Fahrzeug mit UN-Beschriftung an einem Checkpoint (26.07.2007, Quelle: AP)

Seit 1999 steht der Kosovo unter UN-Verwaltung

Das Jahrzehnt zwischen 1989 und 1999 gilt als Anfang und Ende der Kosovo-Frage aus serbischer Perspektive. Der "emotionalen Mobilmachung" der Serben am Vidovdan 1989 folgte zehn Jahre später die Unterstellung des Kosovo unter UN-Verwaltung. Tatsächlich ist die Provinz seitdem dem Einfluss Belgrads entzogen.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema