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Musik

Mythos, Erlösung und Eitelkeiten

Die stärksten Ovationen bei der Neuproduktion von "Tannhäuser" bei den Bayreuther Festspielen galten einigen Solisten, allen voran dem Bariton Michael Nagy in der Rolle des Wolfram von Eschenbach.

Bariton Michael Nagy, Darsteller des Wolfram von Eschenbach in der Wagner-Oper Tannhäuser, (Foto: David Ebener dpa/lby )

Michael Nagy als Wolfram

Michael Nagy, Jahrgang 1976, ein junger Bariton mit ungarischen Wurzeln, war zunächst Ensemblemitglied der Komischen Oper Berlin, bevor er in der Spielzeit 2006/07 an die Oper Frankfurt wechselte. Dort hat er sich als einer der markantesten Solisten des Hauses profiliert. Bei den 100. Bayreuther Festspielen sang er die Rolle von Wolfram von Eschenbach in einer neuen Produktion der Oper "Tannhäuser" und wurde frenetisch gefeiert. Die Deutsche Welle sprach mit dem Sänger.

Deutsche Welle: Wir sitzen wir hier auf dem Grünen Hügel, und Sie gehören nicht seit Jahrzehnten zum Ensemble wie manch anderer. Gab es für Sie an diesem traditionsreichen Ort ein Schlüsselerlebnis?  
 
Michael Nagy: Das eigentliche Schlüsselerlebnis war das Vorsingen hier in Bayreuth vor drei Jahren, als ich das erste Mal auf dieser Bühne stehen durfte und erlebt habe, worüber alle immer sprechen: diese wahnsinnig spezielle und grandiose Akustik.

Bayreuther Festspielhaus (Copyright: Kate Bowen)

Traditionsreiches Haus

Man steht auf dieser Bühne, auf der viele große Sänger standen. Und man weiß natürlich um die Bedeutung dieses Ortes, wo nicht nur Musik und Operngeschichte, sondern natürlich auch viel Politik stattgefunden hat. Das war das eigentliche Schlüsselerlebnis. Und die Generalprobe in diesem Jahr war dann der Moment, wo man gemerkt hat, wie die Wechselwirkung zwischen Publikum und Bühne und zwischen Musik und Szene stattfindet, und das ist schon sehr speziell hier, weil man das Publikum auch sehr nah empfindet.
 
Sie spüren es, Sie sehen es: Was bekommen Sie vom Publikum zurück?
 
Na ja, im besten Falle ein sehr offenes, interessiertes Publikum, und das teilt sich mit auf einer Metaebene, dass Menschen mit großen Erwartungen natürlich auch hier nach Bayreuth reisen, auf der Suche nach dem Mythos. Und ich empfinde diese Vibrationen, die sich unausgesprochen zwischen Publikum und Künstlern austauschen, tatsächlich anders als in anderen Operhäusern. Die Reaktion bewegt sich dann natürlich zwischen Empörung und maßloser Begeisterung. Das ist der Wunsch eines jeden Theaterschaffenden, dass sein Publikum offenen Herzens auf eine Produktion zutritt und sie am Schluss mit dem ganzen Kanon der Gefühle kommentiert. 
 
Die Kunstform Oper, das Stück "Tannhäuser": Sind sie noch relevant für unser Leben heute?
 

Bariton Michael Nagy. (Copyright: David Maurer)

"Die Oper ist aktuell", findet Nagy

Mit dieser Frage rennen Sie bei mir offene Türen ein. Ich finde absolut, dass nicht nur "Tannhäuser", sondern viele Opern auf dieser Welt, die vor 200, 300 Jahren geschrieben wurden, eine Gültigkeit für unser heutiges Leben haben.

Ich glaube sehr fest daran, dass der Zusammenstoß eines künstlerisch kreativen Menschen mit einer sehr geordneten und rigiden Gesellschaft, wie sie im "Tannhäuser" dargestellt wird, natürlich ein Thema ist, das uns auch heute immer wieder beschäftigen wird. Und es ist spannend zu sehen, wie diese Auseinandersetzung, die Richard Wagner vor 150 Jahren in seiner Oper beschrieben hat, an die Jetzt-Zeit prallt.  
 
Wie stehen Sie zur Figur des Wolfram?
 
Ich verstehe die Figur des Wolfram von Eschenbach sehr gut, weil ich persönlich auch dazu neige, nicht die Hand zu heben und zu sagen, "Ich bin auch noch da und ich habe übrigens recht." Er ist ein Mensch, der sich zurückhält und sich zunächst die Situation anschaut, um dann vielleicht auch einen Augenblick zu spät aus einem falsch verstandenen Anstand heraus zu handeln und sich damit sehr unglücklich zu machen. So etwas gibt es immer wieder. Und wenn Musiktheater es schafft, diese Aktualität im "Tannhäuser" oder in jeder anderen Oper umzusetzen, dann haben wir die Authentizität, die Musiktheater rechtfertigt.  
 
Wir haben im "Tannhäuser" zwei Figuren, die sehr menschlich und sehr zerrissen sind: Tannhäuser selbst und Wolfram. Scheitern diese beiden Menschen an ihrem Umfeld? 

Ich habe sehr lange drüber nachgedacht, was eine Gesellschaft dazu bewegt, einen Menschen zu verstoßen, ihm nicht die Rückkehr zu ermöglichen, ihn dazu zu nötigen, einen Erlösungsmoment zu suchen, eine Entschuldigung bei einer übergeordneten Instanz. Ich glaube, wir leben generell in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach etwas Höherem sehr groß ist. Und das ist natürlich auch das zentrale Thema beim "Tannhäuser".  

Parzival und Condviramur. Handschrift aus der Werkstatt von Diebold Lauber, Hagenau (15. Jahrhundert), .Autor Wolfram von Eschenbach

Junge Leute identifizieren sich gern mit Helden aus der Geschichte


 
Schaut man zum Beispiel bei facebook hinein, stellt man fest, dass junge Leute sich gern mit archaischen Figuren identifizieren. Sie finden es schick, sich als Held oder als tugendhafte Frau darzustellen. Das ist doch eigentlich der ideale Zugang zu Wagner… 
 
Ich glaube, genau das ist der Mechanismus, über den die Akquise von Publikum funktionieren kann, also diese ganz persönliche Identifizierung mit Charakteren auf der Bühne. Das dürfen keine Schablonen sein, und so sind sie ja auch im Libretti nicht angedacht. Das sind lebendige Menschen, die sich mit ihrem Leben auseinandersetzen, auf der Basis einer großen Tradition. Und Tradition ist auch ein wichtiges Stichwort, wenn man über Wagner spricht. Keine Tradition, mit der man vieles rechtfertigen und entschuldigen kann, sondern eine Tradition, die auf der Basis großer Erfahrung gewachsen ist. Das ist tatsächlich mein Credo, diese Authentizität herzustellen, einen archaischen Charakter heute auf die Bühne zu bringen und verstehbar zu machen.
 
Wird das durch diese Inszenierung erreicht? 
 

Tannhäuser -Bayreuther Festspiele Proben 2011(c) dpa - Bildfunk)

Umstrittene Inszenierung

Ich glaube, man kann es so sagen: Diese Inszenierung stellt viele Fragen und gibt wenige Antworten. Es bleibt viel Arbeit am Zuschauer hängen. Ich finde, das ist genau der richtige Prozess ist auf diesem Weg der Authentizität.
 
Wie gehen Sie mit Tradition um? 
 
Es wird für meine Begriffe oft sehr respektlos über Tradition gesprochen, auch was Bayreuth angeht. Und es ist hier viel Neues geschaffen worden bis heute. Ich finde aber nicht, dass es als Entschuldigung für Eitelkeiten dienen darf. Es ist für mich sogar ein persönliches Ärgernis, wenn ich merke, dass Traditionen als Entschuldigung für eigene Eitelkeiten verwendet werden. Wenn das nicht passiert, ist alles wunderbar, dann kann man sich auf künstlerischer, professioneller und persönlichen Ebene mit den Stoffen, die es gibt, auseinandersetzen. Das wünsche ich mir, und das erfahre ich auch hier in Bayreuth.
 
Das Gespräch führte Rick Fulker
Redaktion: Suzanne Cords

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