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Kultur

Mythos der Germanen

Blond, groß und naturverbunden - so zeigen Kunst und Literatur die Germanen. Seit sie die Römer im Jahr 9 besiegten, hält sich der Mythos der "deutschen Helden" hartnäckig. Doch wer waren die Germanen wirklich?

Terracottamaske eines Germanen (Foto: British Museum)

Terracottamaske eines Germanen

Muskulös und breitschultrig ziehen sie in die Schlacht. Auf den lockigen blonden Haaren sitzt der goldene Flügelhelm, mit goldenen Schwertern und Lanzen schlagen sie auf die römischen Feinde ein. Gemälde wie das 1909 entstandene Bild "Varusschlacht" machen die Germanen zu unbesiegbaren Helden. Was, so glaubten viele Deutsche im 19. Jahrhundert, vor allem daran lag, dass sie ein "einheitliches und unvermischtes Volk" waren.

Aber weit gefehlt. Die Ausstellung "Mythos" im Lippischen Landesmuseum Detmold hat aus Anlass des 2000-jährigen Jubiläums der Varusschlacht die neuesten historischen Erkenntnisse über die Germanen zusammengetragen. Und die zeigen, dass es die Germanen nie gab. Der Begriff stammt vom römischen Feldherrn Julius Cäsar, der alle Stämme links des Rheins als Kelten und die rechts des Rheins als Germanen bezeichnete.

Klischee vom "einigen und unvermischten Volk"

Bild 'Varusschlacht' (Foto: Lippisches Landesmuseum)

Mythos Varusschlacht

"Die Stämme selbst hätten sich nie so genannt", erklärt Ausstellungsleiter Michael Zelle. "Sie waren in einzelnen Gefolgschaften organisiert." Jedes Dorf sorgte ganz allein für sich. Es gab weder Tauschhandel noch Schrifttum. Dafür aber immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen. Umso erstaunlicher wiegt laut Zelle die Tatsache, dass es dem Cherusker Arminius gelang, die zerstrittenen Stämme zu einem Überfall auf die römischen Legionen zu motivieren. Zum Verhängnis sei ihm aber sein Machtstreben geworden, meint der Historiker. "Damit hat er sich bei seinen eigenen Leuten unbeliebt gemacht und wurde letztendlich umgebracht."

Nach dem Rückzug der Römer blieb Germanien also zweigeteilt: Die Ausbreitung der römischen Zivilisation auf der linken Rheinseite ging ungebrochen weiter. Der andere Teil Germaniens auf der rechten Rheinseite wurde durch die römische Kultur nicht weiter beeinflusst. Aber man trieb immerhin Handel miteinander. Entscheidend für die Verbreitung des Germanenbildes als ein starkes und vor allem einheitliches Volk war die Schrift "Germania" des Römers Tacitus, die er 98 nach Christus veröffentlichte und in der er die Germanen als ein "eigenständiges, reines, nur sich selbst ähnliches Volk" bezeichnet.

Germanen als Roman- und Opernhelden

Hermannsdenkmal in Detmold (Foto: Landesverband Lippe)

Hermannsdenkmal in Detmold

Eine Interpretation, die zunächst im Zeitalter der Reformation gerne aufgegriffen wurde – und zwar im Kampf gegen den Machtanspruch der römisch-katholischen Kirche. Besonders beliebt aber waren die Germanen, Arminius und die Varusschlacht im 19. Jahrhundert. "In der Zeit der Nationalstaaten, als Napoleons Armee Deutschland besetzte, war die Figur Arminius einfach gut zu gebrauchen als Einiger zerstrittener Stämme und als Befreier von Fremdherrschaft", erklärt Zelle.

Höhepunkt des Kultes um die Germanen und Arminius, den schon Martin Luther in "Hermann, den Heerführer" eingedeutscht hatte, war die Entstehung des Hermannsdenkmals im Teutoburger Wald. Das Klischee der ursprünglichen, hühnenhaften und edlen Germanen wurde in zahlreichen Gemälden und Sklupturen, in Gedichten und Romanen, Bühnenstücken und Opern bedient. Meistens sind sie dort schwer bewaffnet in Rüstung und mit Flügelhelm zu sehen. Eine völlig falsche Vorstellung, wie Ausgrabungen bewiesen.

"Zwar trugen die germanischen Stämme ihre Haare offen, zum Teil zu einem Knoten gebunden, den sogenannten Suebenknoten, aber statt einer Rüstung hatten sie Kittel und Hosen an", erzählt Elke Treude, Kuratorin der Ausstellung "Mythos". Auch Schmuck und Werkzeug konnten die Archäologen finden, Waffen und kleine Götterstatuen. All die Gegenstände lassen auf eine agrarisch geprägte Gesellschaft schließen, die mit der Hochkultur der Römer nicht vergleichbar war.

Von wegen „Vorfahren der Deutschen"

Bild von Philipp Clüver (Foto: Lippische Landesbibliothek)

Nackt und wild: Germanen bei Philipp Clüver, 1631

Das erkannte schon Adolf Hitler, der den Germanenkult in der NS-Zeit zwar wiederbelebte, aber dabei den besonderen Schwerpunkt auf den Mythos um das "reine, unvermischte Volk" legte. "Hitler belächelte die Germanentümelei seiner Gefolgsleute eigentlich", sagt Zelle. "Er orientierte sich lieber an den antiken Kulturen im Mittelmeerraum." Das zeige sich schon an der Architektur, die Hitler für seine Stadt "Germania" erträumte, so Zelle. Dennoch ließ Hitler keinen Zweifel, dass er in den Germanen die Vorfahren der Deutschen sah.

Ein Mythos, der sich bis heute hartnäckig hält. Dabei seien große Teile Deutschlands römische Provinz gewesen, betont Historiker Michael Zelle. Insofern könnten auch die Römer als Vorfahren der Deutschen bezeichnet werden. Die Geschichte zeige, dass es in so offenen Gebieten wie Mitteleuropa nie abgeschottete kulturelle Bereiche gegeben habe. "Wenn die Deutschen sich schon auf die Suche nach ihrer Identität machen", sagt Zelle, "dann müssen sie nach Europa blicken."

Autorin: Sabine Damaschke
Redaktion: Sabine Oelze

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