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Afrika

Mystik als Mittel gegen religiösen Extremismus

Islamische Bruderschaften haben in der Geschichte Marokkos eine bedeutende Rolle gespielt. Manche seien sogar eigene Machtzentren mit eigener Armee gewesen. Auch heute stoßen "Zaouias" auf Interesse bei der Bevölkerung.

Leute passieren die König Hassan Moschee in Casablanca (Quelle: AP)

König Hassan Moschee in Casablanca

Der Werdegang des jungen Régis, der in den Vorstädten von Paris und Straßburg aufgewachsen ist und heute als einer der bekanntesten französischen Rapper gilt, ist alles andere als alltäglich. Im Alter von 16 Jahren bekehrte er sich zum Islam und nannte sich fortan Abd El Malik.

Stand der junge Konvertit anfänglich der eher pietistisch ausgerichteten Tabligh-Bewegung nahe, so wandte sich der heute 31-jährige Musiker später zunehmend dem mystischen Islam zu. Politiker auf beiden Seiten des Mittelmeers dürften Karrieren wie diejenige des Rap-Musikers Abd El Malik mit größtem Interesse registriert haben. Könnte der Sufi-Islam einer traditionellen Bruderschaft vielleicht ein Mittel darstellen, um frustrierte junge Banlieue-Jugendliche auf andere Bahnen zu bringen oder gar davon abzuhalten, sich radikal-islamistischen Gruppierungen anzuschließen?

Vermehrtes Interesse an Bruderschaften

Die islamischen Bruderschaften in Nordafrika, lange als Ausdruck eines "volkstümlichen Islam" eher gering geschätzt, stoßen wieder vermehrt auf Interesse. So etwa die Boutchichiya. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründete Bruderschaft steht für einen von mystischen Traditionen inspirierten Sufi-Islam, der sich von politischen Auseinandersetzungen fernhält, gleichzeitig aber das herrschende politische System unterstützt.

De facto, so erklärt der marokkanische Politikwissenschaftler Mohamed Darif, sei die Boutchichiya die offizielle Bruderschaft der marokkanischen Monarchie. In Marokko existieren Hunderte von größeren oder auch nur lokal bekannten Bruderschaften. Oft wird zwischen "klassischen" und den eher "volkstümlichen" Bruderschaften unterschieden.

Der marokkanische Soziologe Abdelkader Mana betont dagegen vor allem den Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Bruderschaften. Während die ersteren von einem "maraboutischen" Familienclan getragen würden, der seine Ursprünge stets auf den Propheten zurückführt, seien die städtischen Bruderschaften für all diejenigen zugänglich, welche sich die Botschaft des Begründers der Bruderschaft zu eigen gemacht hätten.

Bruderschaften als Machtzentren

Unbestritten ist, dass Bruderschaften und Zaouias - die Begriffe werden in der marokkanischen Alltagssprache praktisch gleichbedeutend verwendet - in der Geschichte Nordafrikas eine eminent wichtige Rolle gespielt haben. "Hinter all den Dynastien, welche Marokko in den vergangenen zwölf Jahrhunderten regiert haben, haben bedeutende Zaouias gestanden", erklärt Darif. Manche Zaouias seien selber eigentliche Machtzentren gewesen, und einzelne hätten gar über eine eigene Armee verfügt. Für Mohamed Darif steht jedenfalls außer Zweifel, dass die Bruderschaften in der Geschichte Marokkos stets auch eine politische Rolle gespielt haben.

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit des Landes 1956 fand aber ein Prozess statt, den Darif als "Verstaatlichung des Sufismus" bezeichnet. Neben dem "gelehrten" Islam sollte auch der "volkstümliche" Islam der Bruderschaften staatlicher Kontrolle unterworfen werden. So wollte König Hassan II. sicherstellen, dass sich kein Raum für eine wie auch immer geartete Dissidenz auftun konnte. Diese Zähmung von Organisationen, die jahrhundelang eine reale politische Macht besessen hatten, ist dem marokkanischen Regime zu großen Teilen geglückt.

Opposition zum marokkanischen Königshaus

Einer allerdings hat sich nicht domestizieren lassen: der 1926 geborene Abdessalam Yassine, der nach einer Karriere im nationalen Erziehungsministerium zum schärfsten Gegner von König Hassan II. wurde. Yassine war ein führendes Mitglied der Boutchichiya, verließ aber die Bruderschaft Anfang der 70er-Jahre und gründete daraufhin eine eigene, klar islamistisch ausgerichtete Organisation, die sich heute "Gerechtigkeit und Wohlfahrt" nennt.

Diese Organisation, die in Marokko auf der politischen Bühne nicht zugelassen ist, gilt heute als eine der einflussreichsten Gruppierungen des ganzen Landes. Für Darif steht fest, dass "Gerechtigkeit und Wohlfahrt" genau genommen eine "politische" Bruderschaft ist, die in scharfer Opposition zum marokkanischen Königshaus steht.

Sufismus gegen Salafismus?

Doch haben die traditionellen Bruderschaften in den vergangenen Jahrzehnten nicht deutlich an Einfluss verloren? Mehrere Beobachter kommen zu diesem Schluss, und die marokkanische Zeitung "Le Journal Hebdomadaire" wirft gar die Frage auf, ob nicht die "neuen salafistischen Eliten" vom Verlust der politischen Autorität der Chefs der Sufi-Bruderschaften profitiert hätten.

Darif sieht die Lage etwas weniger pessimistisch. Die Bruderschaften hätten immer noch einen großen Einfluss auf die marokkanische Bevölkerung. Seit den Attentaten von New York hätten die marokkanischen Behörden zudem erkannt, welche Gefahr im saudischen Wahhabismus liegen könne. Heute setzten die Behörden in Rabat wieder stark auf die Sufi-Bruderschaften, um dem religiösen Extremismus in Form des gewaltbereiten Salafismus entgegenzutreten. Allerdings gibt auch Mohamed Darif zu Bedenken, dass der Erfolg dieser neuen Strategie alles andere als garantiert ist.



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