1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Mysterium, wo bist du?

Die Wüstenstadt Timbuktu trägt den Beinamen "die Mysteriöse". Noch immer lockt die Mittelaltermetropole scharenweise Neugierige in den Norden Malis. Doch DW-Reporterin Tina Gerhäusser fand das Geheimnis nicht auf Anhieb.

default

Drei Worte sind mein ständiger Begleiter in den sandigen Gassen von Timbuktu: "Cadeau" - Französisch für Geschenk - "Bonbon" und "Muschet", was Monsieur heißen soll. Die Kinder schreien das, sobald sie mich sehen. Sie greifen nach meinem weißen Arm und sehen mich herausfordernd an. Diese Kinder sind nicht süß, sondern zäh. Und ein Spaziergang durch Timbuktu hat zunächst nichts, aber auch gar nichts Geheimnisvolles, geschweige denn Heiliges an sich.

333 Heilige und ein Ziel

Mali: Timbuktu Kamel, Bild 1

Wüstenschiff aus Timbuktu (Quelle: Tina Gerrhäuser)

Im 15. Jahrhundert war Timbuktu der Hafen der Wüste und der Wissenschaft. Mit den Karawanen kamen Salz, Gold und arabische Gelehrte. Die Stadt verschrieb sich früh dem Islam; heute wirbt an jeder zweiten Straßenecke ein Blechschild für die "Stadt der 333 Heiligen". Aber hinter den Stirnen unter den prächtigen Turbanen der Einwohner verbirgt sich vor allem ein guter Geschäftssinn. Der dicke Hibnou hat sofort auf unsere Straßenseite gewechselt, als er die kleine Gruppe Hellhäutiger Richtung Stadtzentrum gehen sah. Jetzt will er uns zu einem Kamelritt durch die Wüste überreden. Aber wir sind mit einem Bekannten im Haus des Handwerks verabredet.

Nomadenschmiede

Mohammed sitzt in einem wohnzimmergroßen Sandkasten. Zwischen den Füßen hält er den Ebenholz-Knauf eines Messers, mit den Händen zieht er ein Stück Sandpapier über die silberne Klinge. Das Schmiedehandwerk hat er in der Wüste gelernt: von seinem Vater und seinem großen Bruder Lamyne. Sie alle gehören zur Kaste der "Inhadanes", zu den (Gold-)Schmieden der Tamashek-Nomaden, die von vielen auch Tuareg genannt werden. Mohammed und Lamyne sind nur noch ab und zu mit Zelt und Kamel in der Wüste unterwegs. Die meiste Zeit verbringen sie in der Stadt, und zwar damit, Schmuck für Touristen zu machen. "Unsere Arbeit unterscheidet sich von der Arbeit der Kunstschmiede in anderen Regionen", sagt Lamyne stolz. "Weil Timbuktu eine mysteriöse Stadt ist". Das wisse eben jeder, und deshalb habe das Handwerk auch so einen guten Ruf in Mali und überhaupt, in der ganzen Welt.

Freies Bildformat: Mali: Timbuktu Mohammed, Bild 2

Mali / Timbuktu: Mohammed bei der Arbeit

Die Spur führt ins Dunkle

Lamynes Worte erinnern mich an das Geheimnis, das ich noch lüften wollte. Die Sonne ist inzwischen untergegangen und am Straßenrand verneigen sich die Männer Timbuktus zum Gebet Richtung Mekka. Im Vergleich zur Hauptstadt Bamako ist das Leben hier von einem konservativen Verständnis des Islam geprägt. Eine Frau in Hosen kann einen kleinen Skandal auslösen. Und trotzdem kehrt nach Anbruch der Dunkelheit keine sittsame Ruhe ein. Im Gegenteil, der Puls der "Mysteriösen" schlägt wilder. Maja, die schon seit drei Jahren als eine der wenigen Europäerinnen in der Stadt wohnt, sagt, als wir bei ihr zu Hause angekommen sind: "Das Mysteriöse an Timbuktu ist, dass alles möglich ist, sobald es Nacht wird." Das bedeutet nicht viel Gutes – Prostitution von Minderjährigen und Alkoholexzesse gehören zum nächtlichen Alltag. Dagegen haben die "Bonbon"-Schreie der Kinder am Tag fast etwas Tröstendes.