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Asien

Myanmar: Von Rundfunkbürgern, Utopien und risikofreudigen Frauen

300 Journalisten, Politiker und Experten debattierten ein Jahr nach dem Wahlsieg von Aung San Suu Kyi und ihrer Partei NLD zur Lage der Medien. Patrick Benning, kommissarischer Ländermanager, berichtet.

Panel zu Frauen in den Medien, Myanmar 5th Media Development Conference, Foto: DW Akademie/Patrick Benning

Myanmars Medienfrauen wollen als Reporterinnen und Chefredakteurinnen ernst genommen werden

Aufbruch und Wandel hatten 2012 die erste "Media Development Conference" geprägt. Damals schaffte eine neue Regierung aus ehemaligen Generälen die Pressezensur ab, ließ private Tageszeitungen zu und diskutierte öffentlich über die Transformation der Staatsmedien. Fünf Jahre später ist die Konferenz längst zu einer Institution geworden, gleichwohl ein Ort an dem man - vielleicht mehr noch als damals - den Medienpolitikern und Medienmachern Myanmars die "Temperatur fühlen" kann. Die Debatten werden offener, ernsthafter und leidenschaftlicher geführt. Und "Klartext" sprechen dabei immer öfter die Medienfrauen.

Die fünfte Medienentwicklungs-Konferenz war zugleich Zeitpunkt für den ersten Rechenschaftsbericht des neuen Informationsministers: Doch nur wenig, was Dr. Pe Myint - im früheren Leben ein respektierter Schriftsteller, unabhängiger Verleger und Mitglied des Presserats - auf seinem Sprechzettel hatte, passte zu den hehren Zielen des NLD-Wahlkampfs von 2015: Das Ministerium für Information, von Aung San Suu Kyi damals als "für die Demokratie unnötig" bezeichnet, blieb unter neuer Regierung ebenso wie die staatlichen Medien bestehen. Diese verlautbaren - fast übergangslos - nun die Erfolgsmeldungen der neuen Staatsführung und ihrer Partei.

Unterstützung in WE love NLD T-Shirts bei Wahlkampfauftritt von Aung San Suu Kyi in Yangon, Myanmar, Foto: DW Akademie/Patrick Benning

Hoffnung auf Demokratie auch für die Medien? NLD-Wahlkampf im November 2015

Prominente Redner der Medienentwicklungs-Konferenz wie U Thiha Saw, Direktor am Myanmar Journalism Institute (MJI), kritisierten diesen Sinneswandel der NLD-Medienpolitik von Beginn an. Der Informationsminister hat stets mit gleichem Nachdruck dagegen gehalten. Freilich zeugt das dafür verwandte Argument, man brauche weiterhin "eigene" Kanäle, um die Bevölkerung zu erreichen, auch von Ideenlosigkeit darüber, wie politische Öffentlichkeitsarbeit in demokratischen Mediensystemen funktionieren kann.

Weiterhin Übergriffe auf Journalisten

Myanmar 5th Media Development Conference, photo: DW Akademie/Patrick Benning

Mehr Teilnehmer als je zuvor bei der Medienentwicklungs-Konferenz

Ein anderes Ärgernis sind für Viele die staatlichen Übergriffe auf kritische Journalisten (und ihre Medien), die auch unter Aung San Suu Kyi weiterhin geschehen. Erst wenige Tage vor der Medienentwicklungs-Konferenz hatte die englischsprachige Tageszeitung Myanmar Times eine Reporterin entlassen müssen, nachdem sie über mutmaßliche Vergewaltigungen muslimischer Frauen durch Armeeangehörige im Krisen-Staat Rakhine berichtet hatte. Der Sprecher des Präsidenten war gegen den Bericht via Facebook vorgegangen. Minister Dr. Pe Myint äußerte sich dazu nicht in seiner Rede.

Immerhin: Die Grundsatzfragen kamen dann doch zur Sprache. Das Recht der Medien auf Auskunft durch staatliche Stellen (Right to Information) steht weit oben auf der Minister-Agenda und soll schnellstmöglich Gesetz werden. In der Paneldiskussion wird aber deutlich, dass ein Gesetz allein den Unwillen der Behörden, Ministerien, Polizei und Armee, überhaupt mit Journalisten zu reden, nicht wird beheben können. "Viele Staatsbeamte denken, eine schriftliche Pressemitteilung sei genug", bemängelt Presserats-Mitglied U Myint Kyaw. Nachfragen seien meist unerwünscht. In Yangon und der Hauptstadt Naypyitaw bessere sich die Lage allmählich. In der Provinz aber erhielten Journalisten weiterhin so gut wie keine Auskünfte.

Krisenberichte werden behindert

Myanmar 5. Medienentwicklungs-Konferenz 2016 in Yangon (DW/P. Benning)

Presseoffiziere der Streitkräfte

Dies gilt insbesondere dann, wenn sie etwa planen, aus Konfliktgebieten zu berichten, in denen sich die myanmarische Armee und bewaffnete Rebellengruppen gegenüber stehen. Ein Journalist aus dem Konferenzpublikum schildert in bemerkenswerter Sachlichkeit seine "unerwünschten" Erlebnisse als Recherchereisender - von Feindseligkeiten der Bevölkerung über Schikanen durch Militärposten bis zu vorsorglicher Ingewahrsamnahme durch lokale Polizei.

Die erstmals im Plenum vertretenen Presseoffiziere der Streitkräfte (Tatmadaw) suchen die Vorhaltungen förmlich zu entkräften: Um ihrer Sicherheit willen sei die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden für Journalisten unabdingbar. Viele im Plenum hätten sie wohl gern beim Wort genommen, doch noch wirkt die Idee wie Utopie, Myanmars Armee werde eines Tages mit Journalisten kooperieren und sie vielleicht sogar selbst dafür schulen. Dabei ist allen Diskutanten im Konferenzraum klar, wie ruinös unüberprüfbare öffentliche Anschuldigungen - wie die über Soldaten als Vergewaltiger in Rakhine - für das Image der Truppe sind.

Dagegen hilft auch keine noch so konstruktive Debatte über journalistische Ethik, ein fester Bestandteil des jährlichen Konferenzprogramms ab der allerersten "Ausgabe" und - seit Oktober 2015 - auch ein institutionalisiertes Angebot an Nutzer und Vertreter myanmarischer Medien: Ein ständiger Presserat wirkt als Mediator im Streit über falsche oder unethische Medienberichterstattung. Fast zwei Jahre hat die DW Akademie den Weg dieses Gremiums vom Provisorium zu einer nun gesetzlich geschützten Instanz der Medienselbstregulierung begleitet. Ein Nebenprodukt dieses Prozesses ist die Entwicklung eines nationalen journalistischen Ethik-Kodex, den - stellvertretend für ihre Mitglieder - alle Journalistenverbände des Landes unterschrieben haben.

"Mehr Lokaljournalismus"

In diesem Jahr verknüpfen der Informationsminister und andere Redner Fragen der Ethik mit Gedanken zur Entwicklung eines kommunalen, zumeist ethnisch geprägten Mediensektors sowie einer Würdigung der wachsenden Bedeutung sozialer Medien (alles überragend: Facebook). Sorge vor Hasssprache und politischer Vereinnahmung von Medien bleibt ein Angst- und Dauerthema auch der neuen Staatsführung, die sich ansonsten klarer als je zuvor zur Förderung etwa eines Sektors für Bürgerrundfunk (Community Broadcasting) bekannt hat. Dieser durch ein neues Rundfunkgesetz privilegierte Medientyp, dessen besondere Stärke - bei geringer technischer Reichweite - im Informationsaustausch lokaler Gemeinschaften in ihren lokalen Sprachen liegt, könnte noch im Jahr 2016 mit einem von der DW Akademie unterstütztem Pilotprojekt an den Start gehen.

Myanmar 5. Medienentwicklungs-Konferenz 2016 in Yangon (DW/P. Benning)

Medienvertreter ethnischer Minderheiten

Das alles sehr zur Freude auch von DW-Kommunikationsexperte Per Oesterlund, für den feststeht: "In Myanmar brauchen wir insgesamt viel mehr Lokaljournalismus." Weder kurz- noch langfristig können nationale Anbieter den Informationsbedarf von Myanmars offiziell 135 ethnischen Gruppen mit über 100 Sprachen und Dialekten decken.

Dennoch existieren bislang nur wenige Erfolgsgeschichten von in Minderheitensprachen erscheinenden kommerziellen Medien. Manche davon hoffen auf bessere Geschäfte und wirtschaftliche Nachhaltigkeit dank Rundfunklizenz, andere - wie sich in einer Diskussionsrunde erweist - gar auf direkte Staatssubventionen. Der DW Akademie-Experte rät allerdings zu einer anderen Strategie: "Organisieren! Und zusammenarbeiten!" Nur so, sagt Per Oesterlund, ließen sich politische Forderungen durchsetzen und gemeinsame Finanzquellen erschließen.

Zum Beispiel in einem jüngst gestarteten Sonderprojekt der DW Akademie, das dauerhaft Zusammenarbeit zwischen lokalen Medien und dem nationalen Sender MRTV stiften soll. Ziel ist ein Austausch digitaler Inhalte über ein gemeinsames Internetportal - zum publizistischen und wirtschaftlichen Vorteil aller teilnehmenden Partnermedien.

Emanzipation der Medienfrauen

Myanmar 5th Media Development Conference (DW)

Mediales Interesse an hochrangiger Konferenz

Seit Jahren befasst sich die nationale Medienentwicklungs-Konferenz mit wiederkehrenden Themen: Aspekte von Nachhaltigkeit in Medienorganisationen gehören dazu, jedoch auch Fragen zur Gleichstellung von Mann und Frau. In diesem Jahr interessierte sich - mangels männlicher "Freiwilliger" - ein rein weibliches Panel für die auffällige Überzahl von Frauen in den Redaktionsstuben Myanmars.

Eine Studie des schwedischen Fojo Media Instituts konstatiert, dass Medienfrauen in Myanmar kaum in Führungspositionen aufstiegen und seltener als männliche Kollegen von ihren Redakteuren mit Auswärts-Recherchen beauftragt werden. "Ich musste unterschreiben, dass ich für alles, was mir draußen geschieht, selbst verantwortlich bin", berichtet Daw Eaint Khine Oo, die einen Club für Journalistinnen gegründet hat. "Den Männern hat das niemand abverlangt." 

Als ein Mann im Plenum provokant behauptet, Frauen zögen ja den redaktionellen Innendienst ausdrücklich vor, bricht ein Sturm weiblicher Entrüstung aus. Dutzende Hände strecken nach oben, als der Mann fragt, welche Journalistin im Raum denn überhaupt für riskante Recherchen bereit sei. Ganz klar: Dieser Provokateur hat sich verrechnet.

Neue Institutionen

Es sind solche Momente, die Entwicklung deutlich dokumentieren. Ein anderer Faktor der Hoffnung ist, dass sich zu denen, die mit Medien arbeiten, heute jene gesellen, die Medien brauchen: Unternehmer, Juristen, Polizisten, Beamte, selbst Soldaten. Noch führt nicht jede Debatte zum Konsens. Doch Tabus verschwinden, die richtigen Fragen liegen auf dem Tisch.

Respekt und Verantwortung wachsen und womöglich auch die Bereitschaft sie zu teilen: Staats- mit Bürgermedien, Militärs mit Journalisten, Medienmänner mit Medienfrauen. Vielleicht erwächst daraus einmal Vertrauen. Selbstverständlichkeit. Professionalität. Neue Institutionen sind bereits entstanden: Mediennetzwerke, Interessenverbände, Pressestellen, Bildungseinrichtungen, ein Medienrat. Nun müssen sich Menschen in ihnen bewähren.

Wir jedenfalls sind gespannt auf die sechste Medienentwicklungs-Konferenz in Myanmar.

 

Patrick Benning ist seit Juli 2016 kommissarischer Ländermanager der DW Akademie für Myanmar. Bereits im Januar 2012 begann er seine Arbeit vor Ort als TV-Trainer und verantwortete zwischen 2013 und 2016 die Beiträge der DW Akademie zum Aufbau des Myanmar Journalism Institute (MJI) in Yangon. Darüber hinaus managte er ein Kooperationsprojekt sowie ein Pilotprojekt zum Aufbau eines Bürgermediensektors in Myanmar.

Aktuelle Projekte unter seiner Gesamtverantwortung sind außerdem: Die Beratung des ständigen Presserats (Myanmar Press Council) sowie der nationalen Rundfunkanstalt Myanma Radio and Television (MRTV). Gemeinsam mit MRTV implementiert die DW Akademie auch ein Digitalportal zur Stärkung der kommunalen Informationsversorgung durch Austausch von lokalen bzw. lokal relevanten Programminhalten.

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