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Asien

Myanmar: Bürgermedien im Aufbruch

Ein neues Rundfunkgesetz erlaubt ab 2016 Bürgermedien in Myanmar. Jede Dorfgemeinde könnte damit im Prinzip ein eigenes Radio betreiben. Die DW Akademie hilft den neuen Medienmachern bei den ersten Schritten.

Zusammen mit UNDP, Fojo und IMS Sweden organisiert die DW Akademie eine Reihe von Workshops für Vertreter und Unterstützer von Bürgermedien in Myanmar (Foto: Pyay Kyaw Myint).

Was braucht ein Bürgerradio, um erfolgreich zu sein? Über Leitungsstrukturen, Gleichberechtigung und Technik wurde gesprochen, ebenso wie über solide Finanzierung und Sicherheit von Reportern

Nan Paw Gay ist im roten Longyhi erschienen. An der Musterung ihres traditionellen Gehrocks erkennt man, dass sie der Karen-Minderheit angehört, der drittgrößten unter mehr als 100 ethnischen Gruppen in Myanmar. Die Journalistin leitet ein lokales Nachrichtennetzwerk, das Themen der Karen-Bevölkerung aufgreift. "Meine Medienarbeit beschäftigt mich 24 Stunden am Tag", sagt sie. "Aber ich muss meinen Leuten einfach helfen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern." Seit 14 Jahren kämpft Nan Paw Gay um öffentliche Aufmerksamkeit für die Leiden und die Herausforderungen der Menschen ihrer Heimat, einer vom Bürgerkrieg gezeichneten Bergregion an der Grenze zwischen Myanmar und Thailand. Es ist ein schwieriges Unterfangen.

Wie gibt man denen, die jahrzehntelang bekämpft, benachteiligt, ausgegrenzt wurden, ihre Stimme zurück? Diese Frage beschäftigt in Zeiten der Öffnung Myanmars nicht mehr nur Journalisten und Medien-Experten. Die Menschen in der Provinz diskutieren inzwischen selbst und haben Bürgerradios als eine mögliche Antwort ins Auge gefasst. In gemeinsamer Initiative mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und zwei skandinavischen Partnern (Fojo, International Media Support) hat die DW Akademie eine Reihe von Workshops zum Thema organisiert. Das Ziel: Die 'Idee' der Bürgermedien im Land bekannt zu machen. Ausländische und lokale Experten - wie Nan Paw Gay - sind eingeladen, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit jenen zu teilen, die Bürgerradios gründen, oder auch nur besser verstehen wollen, wozu sie gut sind.

Neue rechtliche Grundlagen

Radio Direktor Ze Yar stellt das neue Rundfunkgesetz vor (Foto: Pyay Kyaw Myint).

Ze Yar, Radio-Direktor bei MRTV, stellte neues Rundfunkgesetz vor

Der Medienboom in Myanmar ist ein Boom der Großstädte. Alle privaten Tageszeitungen, aber auch staatliche und halbprivate TV- und Radioprogramme konzentrieren sich auf die Metropole Yangon und die politische Hauptstadt Nay Pyi Taw. In den Provinzen existiert ein Medienmarkt nur in Ansätzen. Nicht zuletzt die Sprachenvielfalt Myanmars - 135 nationale Minderheiten nutzen mehr als hundert Sprachen und Dialekte - erschwert den Informationszugang. Im Ergebnis ist eine Mehrheit der Bevölkerung vom Medien-Mainstream faktisch abgeschnitten.

Bürgermedien können diese Lücke schließen, indem sie lokale Informationen in lokalen Sprachen verbreiten. Doch nicht nur das unterscheidet sie von kommerziellen oder staatlichen Medienangeboten. Kern der 'Idee' vom Community Radio ist, das die lokale Gemeinschaft Betreiber, Produzent, Zielgruppe und Thema des Programms ist. Es kann journalistische Beiträge enthalten, genauso gut aber auch Hörspiel, Musik, Wetterberichte oder Preisinformationen für Saatgut auf dem Wochenmarkt.

Möglich macht all dies ein neues Rundfunkgesetz in Myanmar, das seit Ende August 2015 in Kraft ist und neben öffentlichen und kommerziellen Radio- und TV-Anbietern auch Bürgermedien begünstigt. Ein durchaus revolutionärer Schritt - standen bis dato doch alle Rundfunksender des Landes - ganz oder zumindest teilweise - unter staatlicher Kontrolle.

Community-Medien

Per Oesterlund, Berater und Bürgermedienexperte der DW Akademie, sprach beim jüngsten Workshop in Yangon daher von einer einmaligen Entwicklungschance für Myanmars Mediensektor. Dabei ging er auch auf Befürchtungen einiger Teilnehmer ein, die starken Regierungs-Einfluss auf künftige Bürgermedien erwarten - bis hin zu einem Verbot jeder politischen Berichterstattung. "Es mag zu solchen Einschränkungen kommen, wenn es um nationale Politik geht", erklärte Oesterlund. "Aber Bürgerradios können natürlich die Auswirkungen dieser Politik vor Ort thematisieren und zum Beispiel fragen, warum es an der Dorfschule zu wenige Lehrer oder im Laden kein Kochgas zu kaufen gibt."

Medienexpert/innen, Journalisten lokale Entwicklungsorganisationen während des Workshops (Foto: Pyay Kyaw Myint).

Zweitägiger Workshop brachte Medienexperten, Journalisten, lokale Entwicklungsorganisationen und zukünftige Radiomacher zusammen


Aus Nepal war Suman Basnet nach Yangon gereist. Der Asien-Pazifik-Koordinator für das weltweite Community Radio-Netzwerk AMARC berichtete von Erfahrungen der Bürgerradio-Macher in anderen Ländern der Region. "Die Geburt eines Bürgermedien-Sektors ist ähnlich wichtig, aber auch ähnlich schwierig wie die Geburt der Demokratie", so Basnet. "Aber der Trend ist stark und positiv, weil die Menschen verstehen, dass solche Medien kulturelle und sprachliche Vielfalt stärken und gesellschaftliche Teilhabe fördern können. Sie geben all diesen Gruppen eine Stimme." Rund 10.000 Bürgerradios hat AMARC weltweit gezählt. Etwa die Hälfte hat sich dem globalen Netzwerk bereits angeschlossen. Suman Basnet lud auch Myanmars künftige Radiomacher zur Zusammenarbeit ein.

Sicherheitsbedenken dominieren

In insgesamt vier Paneldiskussionen erörterten Experten und Teilnehmer Herausforderungen und Chancen für Bürgermedien in Myanmar: Leitungsstrukturen ("Governance"), soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung der Geschlechter, technische Anforderungen und Ausbildungsmöglichkeiten für Radiomacher. Viele Teilnehmer des Workshops waren zudem an Sicherheitsfragen rund um ihr Engagement für Bürgermedien interessiert. Insbesondere in multi-ethnischen Gebieten, wo bewaffnete Rebellen und Militär um die Macht ringen, könnten Medienmacher zwischen die Fronten geraten, weil sie als Sprachrohr der jeweils "falschen" Seite betrachtet werden.

Ein teilnehmender Journalist warnte vor naivem Glauben an Wandel allein durch neue Gesetze: "Die Wahrheit ist, dass Journalisten in Konfliktgebieten regelmäßig in gefährliche Situation geraten, bedroht und unter Druck gesetzt werden." Folglich müssten Bürgermedien in mit ähnlichen Problemen rechnen. Während einige Experten dies als Hindernis für die Entwicklung des Sektors sahen, wiesen andere auf die Fähigkeit von Bürgerradios hin, zur Vertrauensbildung beizutragen. Sie empfahlen, bereits beim Start einer Radio-Initiative Rebellengruppen und Militärangehörige mit einzubeziehen.

Unterstützung durch die Regierung

Kyle James und Patrick Benning, die Initiatoren des Bürgermedien-Projekts (Foto: Pyay Kyaw Myint).

Kyle James (links) und Patrick Benning setzen das Bürgermedien-Projekt der DW Akademie in Myanmar um

Große Aufmerksamkeit fand auch der Regierungsbeitrag zum Workshop in Yangon. Ze Yar Myo, Radio-Direktor beim staatlichen Sender MRTV und Mitverfasser des neuen Rundfunkgesetzes, erklärte zentrale Aspekte des Gesetzestextes und ihre Auswirkungen auf den künftigen Bürgermedien-Sektor. Plänen der Regierung zufolge, soll der Staatssender auch beim Monitoring möglicher Bürgermedien-Pilotprojekte helfen. Alle Beteiligten nutzten des die Gelegenheit für einen intensiven Meinungsaustausch.

Für DW Akademie-Projektkoordinator Patrick Benning lag in der konkreten Debatte während der beiden Workshop-Tage ein besonderer Gewinn: "Es war das erste Mal, dass sich die Regierung zu diesem Thema mit den lokalen Aktivisten an einen Tisch gesetzt hat", betonte er. "Und natürlich freut es mich, dass die DW Akademie das hierfür nötige Vertrauen auf beiden Seiten schaffen konnte."

Eine Gemeinschaft der gemeinsamen Interessen

Ein besonderes Highlight hielt der Workshop zum Abschluss bereit: In zwei kurzen Workshops demonstrierten Medientrainer des Myanmar Journalism Institute (MJI) und der britischen Organisation BBC Media Action wie schnell und einfach Interviews mit digitalen Audio-Recordern oder dem eigenen Smartphone produziert und für die Ausstrahlung aufbereitet werden können. Wem es noch nicht klar war, der begriff spätestens jetzt: Bürgermedien sind kein "Hexenwerk".

"Unsere Workshops zu 'Community'-Medien haben uns geholfen, eine eigene Community zu formen", freute sich Kyle James, Trainer der DW Akademie. "Auf diese 'Community' des gemeinsamen Interesses, werden wir mit den nächsten Projektschritten aufbauen." Für Teilnehmer wie Experten stand am Ende aber außer Frage, dass zum Interesse auch Leidenschaft und Eigenverantwortung treten, damit der neue Sektor in Myanmar tatsächlich aus den "Startlöchern" kommt.

In spätestens einem halben Jahr - so ist es nun Gesetz - soll die neue Regulierungsbehörde "startklar" sein und mit ihr die ersten Bürgerradios in Myanmar.

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01_02_2012 Themenbild für Newsletter Ansprechpartner für weitere Verwendungszwecke: Sabrina.Tost@dw-world.de

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