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Deutschland

Mutterliebe hinter Gittern

Mehr als die Hälfte aller in Deutschland inhaftierten Frauen haben Kinder. Manchmal können sie die Haft gemeinsam mit ihren Müttern in Mutter-Kind-Heimen verbringen. Die älteste dieser Einrichtungen ist in Frankfurt.

Mutter und Kind im Gefängnis (Foto: DW)

"War ich auch böse", fragt ihr Kind manchmal

Jeden Tag passiert Klaus Hermes die hoch gesicherte Schleuse des Frankfurter Frauengefängnisses. Der 51-jährige Pädagoge leitet das geschlossene Mutter-Kind-Heim im Frankfurter Frauengefängnis. Es ist ein bunt gestrichener Betonbau mitten auf dem Gefängnisgelände. Ein meterhoher Stacheldrahtzaun schirmt ihn von den anderen Gebäuden ab.

Spielzeug im Knast (Foto: DW)

Eine normale Kindheit? Wohl kaum

"Wir versuchen möglichst eine Trennung von Mutter und Kind zu vermeiden", erklärt uns Klaus Hermes. "Im geschlossenen Mutter-Kind-Heim nehmen wir nur Kinder auf, die nicht älter als drei Jahre alt werden während der Strafvollstreckung; im offenen Vollzug nur Kinder, die noch nicht schulpflichtig sind."

Kinder sollen keinen Schaden durch das Aufwachsen im Gefängnis nehmen. Deshalb prüft Klaus Hermes die Situation junger oder werdender Mütter bereits in der Untersuchungshaft. Das ist nicht einfach, denn dann gibt es ja noch kein rechtskräftiges Urteil und somit kein Strafmaß. Auch arbeitet Klaus Hermes eng mit dem Jugendamt zusammen, das letztendlich über jeden Fall entscheidet. Wenn beispielsweise eine Mutter drogenabhängig ist, dann wird eher eine Pflegefamilie in Betracht gezogen – ebenso bei Müttern, die zu lebenslanger Haft verurteilt oder psychisch erkrankt sind.

Kindheit hinter Gefängnismauern

Erzieherin Beatrix Deinhard (Foto: DW)

Erzieherin Beatrix Deinhard bringt die Kinder nach draußen

Martina Schmidt, die im wirklichen Leben anders heißt, hatte Glück. Ihr Sohn Damian kam in der Untersuchungshaft zur Welt. Anschließend wurden beide in das Heim überführt. Die zierliche 27-Jährige mit Hochfrisur sitzt wegen versuchten Mordes eine neunjährige Haftstrafe ab, mit ihrem Sohn teilt sie sich seit seiner Geburt eine Zelle. Dass er die Welt hinter dem vergitterten Fenster kennen lernen konnte, dafür sorgten Erzieherinnen. Sie nahmen ihn mit zum Einkaufen, machten Ausflüge mit ihm. Dass sie seine ersten Gehversuche draußen nicht miterleben konnte, schmerzt seine Mutter noch heute: "Ich war nicht mit ihm zum ersten Mal im Schwimmbad oder zum ersten Mal im Zoo. Das ist schon ein blödes Gefühl."

Wichtige Rolle der Erzieherinnen

Als Martina Schmidt dann in den offenen Vollzug kam, kannte ihr Sohn schon alles. Er konnte ihr die U-Bahn und seinen Kindergarten zeigen. Zu verdanken hat er das der Erzieherin Beatrix Deinhard. Sie machte ihn mit der Außenwelt vertraut. Deinhard ist im Frankfurter Frauengefängnis seit neunzehn Jahren als Erzieherin tätig. Sie weiß, wie schwer es inhaftierten Müttern fällt, ihr Kind für viele Stunden des Tages einer Angestellten des Gefängnisses zu überlassen. "Das größte Problem ist wirklich: Wenn die Kinder älter werden und die Lücke zwischen dem, was die Kinder erleben und die Mütter versäumen, immer größer wird", erzählt sie.

Es ist ein hohes Maß an Vertrauen gefordert, denn die Erzieherinnen organisieren beispielsweise auch die Arztbesuche. Manchmal spielen sich dramatische Szenen ab, etwa wenn die Kinder ins Krankenhaus müssen: "Es ist unsagbar schwer für die Mütter, dann loszulassen."

Normale frühkindliche Entwicklung

Gemeinsames Singen, Basteln oder Turnen – im Mutter-Kind-Heim werden die Kleinen gefördert. Aber alles steht und fällt mit der Mutter. Wenn sie ein gutes Verhältnis zu den Erzieherinnen aufbaut, kann sich ihr Kind auch hinter Gefängnismauern ganz normal entwickeln, erklärt Beatrix Deinhard. "Ich habe bei Kindern nicht den Eindruck, dass sie Schaden nehmen müssen. Wenn ein Schaden da ist, liegt das nicht am Mutter-Kind-Heim, sondern an dem Umfeld, aus dem Mutter und Kind kommen."

JVA in Frankfurt (Foto: DW)

Strafvollzug mit Kind: schon seit Jahren in der JVA in Frankfurt möglich

Seit einem halben Jahr ist Martina Schmidt im offenen Vollzug. Das bedeutet, dass sie das Gefängnis stundenweise verlassen kann. Sie hofft, in drei Jahren frühzeitig aus der Haft entlassen zu werden. Denn je älter der Kleine wird, desto mehr Fragen stellt er. Neulich hat er sie gefragt, warum auch er im Gefängnis ist: "Wenn du böse warst und jetzt im Gefängnis bist, war ich dann auch böse?" Bei solchen Fragen wächst bei Martina Schmidt das schlechte Gewissen.

Autorin: Claudia Hennen

Redaktion: Manfred Götzke