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Politik & Gesellschaft

Mutter mit 14 - aber nur drei Tage auf Probe

Wie wäre es wohl, als Teenager ein Baby zu haben, das versorgt werden muss? Genau hier setzen Präventionsprogramme an, mit denen die Zahl minderjähriger Mütter weiter verringert werden soll. Dazu gehört 'Babybedenkzeit'.

Eine Jungen-Säuglings-Puppe in einem blau gestreiften Strampler (Foto: DW/Anja Fähnle)

Ein Baby zur Probe

In Deutschland wurden im Jahr 2009 drei von 1000 minderjährigen Mädchen schwanger. Im Jahr 2001 waren es noch vier, und hinter diesem Rückgang um 35 Prozent steht auch eine engagierte Aufklärungs- und Präventionsarbeit. Eines dieser speziell auf Teenager zugeschnittenen Programme wird von der Schwangerschaftsberatungsstelle des katholischen Wohlfahrtsverbandes Caritas in Euskirchen angeboten.

"Babybedenkzeit" heißt dieses Projekt einer mehrtätigen simulierten Elternzeit auf Probe. Mit Hilfe von fünf Puppen, die wie echte Babys schreien und umsorgt werden wollen, können die Jugendlichen mehrere Tage lang ein sogenanntes Elternpraktikum absolvieren.

Das Programm richtet sich insbesondere an Mädchen und Jungen zwischen 14 und 16 Jahren, die Lust haben drei Tage Mama oder Papa zu sein, sich um ein "Baby" zu kümmern und dabei praktisch zu erleben, wie ein eigenes Kind ihr Leben verändern würde.

Sie fühlen sich wie echte Babys an

Dazu bekommen die Jugendlichen unter anderem ein sogenanntes "RealCare-Baby", eine Säuglingspuppe, die mit Sensoren ausgestattet ist, mit nach Hause. Jedes Baby wird gesondert für die drei Tage Elternpraktikum programmiert und bekommt seine eigene Identität. Diese ID ist auch auf einem Armband gespeichert, das die Jugendlichen am Handgelenk tragen. Die Babys erkennen die Person, die sich um sie kümmern soll, an dieser ID.

Schreit eines der Babys, müssen die Mütter oder Väter auf Probe zunächst ihr Armband an den Bauch oder den Rücken des Kindes legen, damit es sie erkennt. Das wird mit einem leisen Geräusch quittiert. Erst dann können die Jugendlichen "ihr Baby" beruhigen. Und das sieht wirklich täuschend echt aus und liegt mit gut dreieinhalb Kilo wie ein echtes Baby im Arm. Die Spezialpuppen unterscheiden sich voneinander durch die Gesichtsform sowie die Haar- und Augenfarbe.

Drei Tage lang Mutter sein

Die Teilnehmerinnen des Babybedenkzeit-Programms der Caritas mit ihren RealCare-Puppen (Foto: DW/Anja Fähnle)

Spaziergang mit den Babys

Sechs Mädchen haben sich für die "Babybedenkzeit" angemeldet. Sie sind alle 14 Jahre alt. Die Deutschlehrerin einer 8. Klasse eines Gymnasiums hatte auf das Projekt der Euskirchener Caritas aufmerksam gemacht. Lara, Katharina, Merve, Jacqueline und Melanie waren sofort begeistert.

Denn sie alle mögen Babys und fanden die Idee "cool", mal drei Tage lang Mutter zu sein. Als Merve ihrer Zwillingsschwester Melike zuhause davon erzählte, wollte die auch gleich mitmachen.

Da es nun sechs Teilnehmerinnen gab, aber nur fünf Babys, wurde gelost: Lara und Melike teilen sich schließlich ein Baby. Einen Tag und eine Nacht ist die eine verantwortlich, den zweiten Tag und die darauffolgende Nacht die andere.

Melike und Lara mit Baby Emely zwischen ihnen und dem Ausrüstungspaket mit Windeln, Flasche und Babytrage vor ihnen auf dem Tisch (Foto: DW/Anja Fähnle)

Gut ausgrüstet: Melike und Lara mit Baby Emely

Ein Baby hat Schlaf- und Schreizeiten. Das erfahren die Mädchen bei der Einführung, bevor ihnen die Babys ausgehändigt werden. Schläft das Baby, ist ein gleichmäßiges Atemgeräusch zu hören, wenn man den Kopf auf den Bauch des Babys legt, wie Anne Winter erläutert. Die Diplompädagogin ist bei der Caritas Beraterin im Rahmen der Schwangerschaftsberatung Esperanza, das Babybedenkzeit-Projekt ist ihr Steckenpferd. Unterstützt wird sie diesmal von Elisabeth Halbherr, Sozialarbeiterin in der Jugendvilla der Caritas, wo das Projekt stattfindet.

Nicht nur füttern und Windeln wechseln

Elisabeth Halbherr und Anne Winter vor ihrem Ausrüstungskoffer (Foto: DW/Anja Fähnle)

Anne Winter (r.) und Elisabeth Halbherr bereiten eine Trainingsstunde mit den Eltern auf Probe vor

Die Mädchen lernen zunächst, mit einem Baby umzugehen: Schreit es, soll es in den Arm genommen werden, um herauszufinden, was das Baby möchte, erzählt Anne Winter. Entweder möchte es gefüttert werden, oder es hat Luft im Bauch und muss aufstoßen. Vielleicht möchte es aber auch nur im Arm gewiegt werden. Halten die Mädchen das Fläschchen an den Mund des Babys, aber es fängt dann nicht gleich glucksend an zu trinken, sondern schreit weiter, dann ist möglicherweise die Windel voll, erklärt die Diplompädagogin. Also müsse das Baby vorsichtig ausgezogen und die Windel gewechselt werden. Wenn hier das Problem lag, gebe es kurz danach einen glücklichen Laut von sich, sagt Anne Winter.

Falls das Baby allerdings weiter schreie, sollten die Jugendlichen probieren, das Baby im Arm zu wiegen oder es einfach hochnehmen. Denn es könne ja Luft im Bauch sein, die einfach raus müsse. Spätestens, wenn das Baby aufgestoßen (ein "Bäuerchen" gemacht) habe, werde es sich wohl beruhigen, sagt Anne Winter lächelnd. Sie weiß, dass eine dieser vier Maßnahmen das Baby garantiert beruhigt: Schließlich ist es ja so programmiert.

Katharina, Merve und Lara kuscheln mit ihren Babys (Foto: DW/Anja Fähnle)

Die Babys gehören jetzt zu uns!

Als die 14-Jährigen ihre Babys "auf Zeit" in den Arm gelegt bekommen, geben sie ihnen zuerst Namen. Die hatten sie sich vorher schon überlegt. Und zwar jeweils einen Mädchen- und einen Jungennamen, da sie nicht wussten, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen würden. Katharina nennt ihren Jungen Jaimie, Lara und Melike haben sich auf den Mädchennamen Emely geeinigt, Merve hat sich den Jungennamen Özgür ausgesucht, Jacqueline tauft ihren Jungen Jordan und Melanie nennt ihr Mädchen Evelyn.

Müde Augen nach der ersten Nacht mit dem Baby

Nach der ersten Nacht mit ihrem Baby wirken einige Mädchen etwas müde. Die Babys haben bei ihnen im Zimmer geschlafen, teils in eigenen Bettchen, teils mit ihnen zusammen. Jacqueline verrät, dass sie vor Aufregung kaum schlafen konnte: "Um halb zwei hat Jordan angefangen zu schreien, da wusste ich erst gar nicht, wo ich bin und was los ist." Ihre Mutter habe gesagt, solange sie lieb sei zum Baby, sei es auch lieb zu ihr. Um halb sechs habe sie ihn dann wieder füttern müssen, vierzig Minuten lang. Das sei ihr ganz schön lang vorgekommen, erst dann sei er zufrieden gewesen. Und erst dann habe sie sich auch mal um sich kümmern können.

Melanie mit Evelyn auf dem Arm (Foto: DW/Anja Fähnle)

Dreimal hat sich Melanies Baby Evelyn in der Nacht gemeldet

Lara erzählt, sie habe in ihrem Traum ein Schreien gehört und erst gar nicht bemerkt, dass es aus der realen Welt von Baby Emely kam. Dann sei sie aber aufgewacht und habe ihr Baby schnell versorgt.

Und Melanie sagt, in der Nacht habe sie gemeinsam mit ihrer zehnjährigen Schwester Nicole nach Evelyn geschaut und versucht, sie zu beruhigen. Als das Baby gegen halb drei geweint habe, sei auch ihre Mutter ins Zimmer gekommen und habe von früher erzählt, als sie und ihre Schwester noch klein waren. Das sei schön gewesen und habe die Zeit schneller vergehen lassen beim Flasche geben.

Oma und Opa nehmen ihre Rolle auch ernst

Die Eltern der 14-Jährigen, die an der Babybedenkzeit teilnehmen, stehen hinter ihren Kindern und finden es gut, dass ihre Töchter auf diese Weise das Elternsein kennenlernen. Die meisten Mütter und Väter der Mädchen haben das Trainings-Enkelkind auch selbst mal auf den Arm genommen und hin- und hergewiegt, damit ihre Töchter zum Beispiel zu Ende Abendbrot essen konnten.

Merve gibt ihrem RealCare-Baby die Flasche (Foto: DW/Anja Fähnle)

Merve gibt die Flasche

Merve erzählt lächelnd, ihre Mutter habe mit dem Baby auch gesprochen: "Ja, hier ist die Oma, soll ich dir mal die Flasche geben?" Und ein Mädchen verrät, dass ihre Mutter das RealCare-Baby am liebsten behalten und der Caritas abkaufen würde, weil es "einfach so süß" sei.

In der gemeinsamen Projektarbeit tauschen sich die Mädchen über ihre Erfahrungen mit den Babys aus und erhalten Informationen rund um das Thema Schwangerschaft. So erstellen sie mit Unterstützung von Anne Winter und Elisabeth Halbherr eine Zeitschiene über die Entwicklung des Babys im Mutterleib von der Befruchtung bis zur Geburt. Jederzeit können sie natürlich auch Fragen stellen.

Außerdem steht noch Perspektivenplanung auf dem Programm, also wie sich die Mädchen ihre Zukunft vorstellen. Dazu gehört die Frage, wann sie vielleicht wirklich Kinder bekommen wollen.

"Alle haben mich im Bus angestarrt"

Einig sind sich die Mädchen, dass sie nicht noch einmal Bus fahren wollen mit "ihrem Baby". Da gucken die Leute so komisch, erzählen Jacqueline und Katharina. Und außerdem habe genau im Bus das Baby angefangen zu schreien, und sie habe versuchen müssen, es zu beruhigen, berichtet Jaqueline. Da hätten sich die Leute umgedreht und sie angestarrt. Nein, das wolle sie lieber nicht noch einmal erleben.

Lara wurde in der Stadt, als sie mit dem Baby unterwegs war, von einem älteren Mann erst gemustert und dann angesprochen. Ob es ein Junge oder ein Mädchen sei, habe er gefragt. Sie habe ihn mit den Worten beruhigt, dass das ja nur eine Mädchen-Puppe sei und dass sie am Programm "Babybedenkzeit" teilnehme. Da habe der Mann sie gelobt, dass sie bei so einem Projekt mitmache.

Auf der Babykarte wird alles dokumentiert

Anne Winter scannt die Informationen am Baby Özgür auf dem Arm von Merve (Foto: DW/Anja Fähnle)

Baby Özgur hat sich "gemerkt", wie es gepflegt wurde - und Anne Winter scannt alle Informationen

Und, verrät Anne Winter den Teenagern, alle Handlungen und Versuche der Mädchen, das Baby zu beruhigen, werden aufgezeichnet. Zum Beispiel, ob die Mädchen auch immer den Kopf des Babys gestützt haben. Um an die entsprechenden Daten zu kommen, hält die Diplompädagogin einen Scanner an den Bauch des Babys.

Den schließt sie anschließend an einen Drucker an und der spuckt innerhalb von ein paar Minuten einen kleinen Zettel mit allen abgefragten Daten aus. Merve hat mit ihrem Baby Özgür bisher alles ganz toll gemacht. Sie hat ihn in den Armen gewiegt, wenn es erforderlich war, die Windeln gewechselt, ihm beim Aufstoßen geholfen und ihn gut gefüttert. Sie bekommt 100 Prozent bei der Tagespflege.

Der Zettel, auf dem die Versorgung des Babys dokumentiert ist (Foto: DW/Anja Fähnle)

Sehr gute Tagespflege!

Sie hat nur einmal die Kopfstütze vergessen, verrät der Zettel. Ja, erinnert sich Merve. Da habe Özgür kurz laut geweint, aber dann habe sie ihn wieder durch Hin- und Herwiegen beruhigen können, sagt Merve lächelnd. Sie hat Özgür fest in ihr Herz geschlossen und findet es schon jetzt schade, ihn nach einigen Tagen wieder abgeben zu müssen. Das gehe den meisten Mädchen und Jungen so, erzählt Anne Winter.

Die 14-Jährigen sind rundum froh, dass sie an dem Babybedenkzeit-Projekt teilnehmen. Es seien wichtige Erfahrungen für die Zukunft, sind sie sich einig. Die meisten von ihnen haben den Verlauf des Programms so auch erwartet. Nur die anstrengenden Nächte, die konnten sie sich vorher nicht so vorstellen.

Meine Schwester möchte das in ein paar Jahren auch machen

Katharina mit Jaimie auf dem Arm (Foto: DW/Anja Fähnle)

Katharina mit Jaimie

Aber das ist ja nach einigen Tagen vorbei, meint Katharina, "dann kann ich ja wieder schlafen". Obwohl sie die Erfahrungen, selbst nachts, nicht missen möchte, fügt sie müde lächelnd hinzu. Sie habe schon immer so etwas machen wollen, toll, dass es jetzt die Möglichkeit dazu gebe. Später wolle sie auch mit Kindern arbeiten, allerdings mit etwas größeren, verrät sie: als Grundschullehrerin.

Und auch Melanies zehnjährige Schwester hofft, dass es das Projekt in ein paar Jahren noch geben wird, wenn sie 14 ist. Sie möchte nämlich ebenfalls gerne mal mehrere Tage "Mutter auf Probe" sein.

An diesem RealCare-Elternprogramm im Herbst 2011 haben nur Mädchen teilgenommen. Das könnte schon beim nächsten Mal anders sein. Auch Jungen würden sich für die Vaterrolle interessieren, berichtet Anne Winter. Sie habe auch schon ein Programm mit drei Jungen und zwei Mädchen gehabt. Im Dezember ist ihr nächstes Babybedenkzeit-Projekt. Diesmal an einer Schule.

90 Prozent aller Teenagerschwangerschaften sind Unfall

Sigrid Weiser vom Bundesverband von Pro Familia, einer gemeinnützigen Organisation, stellt übrigens klar, dass 90 Prozent aller Teenagerschwangerschaften ungewollt sind. Die Mädchen seien entweder nicht ausreichend aufgeklärt gewesen, hätten die Pille nicht zuverlässig eingenommen oder ohne zu verhüten mit ihrem Freund geschlafen, so Weiser.

Die 14-Jährigen mit ihren RealCare-Babys auf dem Arm (Foto: DW/Anja Fähnle)

Kinder ja, aber nicht zu früh!

In einer Pro-Familia-Studie zu Teenagerschwangerschaften fand Weiser außerdem heraus, dass Hauptschülerinnen ein fünfmal höheres Risiko haben, schwanger zu werden, als Gymnasiastinnen. Entscheidend sei, wie zuverlässig die jungen Mädchen verhüten, so Weiser.

Viele wüssten zwar, wie es gehe, täten es aber nur unzureichend oder gar nicht. Und einige würden sogar aus Berechnung und gewollt schwanger, um ihrem Leben dadurch einen Sinn zu geben.

Davon sind die Teilnehmerinnen in diesem Kurs weit entfernt. Kinder ja, aber besser irgendwann später, da sind sich die 14-Jährigen einig. Denn Melike, Lara, Melanie, Jacqueline, Katharina und Merve (im Bild von links nach rechts) haben bis dahin noch einiges vor.

Autorin: Anja Fähnle
Redaktion: Hartmut Lüning