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Kunst

Mutter der Performance: Marina Abramovic ist 70

Sie kämmte ihre Kopfhaut blutig, legte sich auf Eisblöcke und rannte gegen Betonpfeiler. Abramovic' Kunst kennt nur den Moment, doch die projizierten Bilder und Erzählungen halten bereits Jahrzehnte.

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Begegnung mit einer Ikone: Marina Abramović

Ihren Tod hat Marina Abramovic schon vorbereitet. Natürlich als Performance: Beerdigt werden sollen drei Marinas, eine "richtige" und zwei "falsche". Und zwar an den Orten, an denen die weltweit bekannteste Performance-Künstlerin die meiste Zeit verbrachte: Belgrad, Amsterdam und New York. An welchem Ort der echte Körper begraben sein wird, soll geheim bleiben. Sich mit dem eigenen Ende auseinanderzusetzen, sei essentiell für sie. "Mit jedem Tag, den man lebt, nähert man sich dem Tod", sagte Abramovic in einem Interview mit der Kuratorin Carrie Scott. "Darauf muss man vorbereitet sein, damit man ohne Angst oder Wut stirbt." Das habe sie von ihrer Großmutter gelernt, die stets Kleidung für die eigene Beerdigung zurechtgelegt habe, jeweils angepasst an die damalige, sich ändernde Mode - ihre Oma wurde 103.

Geboren wurde Marina Abramovic in Belgrad, wo sie in den 1970er Jahren an der Staatlichen Kunsthochschule Malerei studierte. "Ich spüre deutlich, dass ich vom Balkan komme. Wir machen aus allem ein großes Drama. Entweder aus persönlichen Lebensereignissen oder aber aus dem ganz grundsätzlichen Drama des menschlichen Daseins." Diese Energie und die damit verbundenen Emotionen sind in Abramovic' Kunst ungemein intensiv. Ihre Performances provozieren, machen aggressiv, wühlen auf, beruhigen, rühren zu Tränen - kalt lassen sie wohl kaum einen.

Marina Abramovic, Ausstellungstipps 15.04.06 (Die Kunstsammlung der Erste Bank-Gruppe)

Kunst und Künstler müssen schön sein? Zwanghaftes Kämmen mit Metallbürsten in "Art must be beautiful" (1975)

Begonnen hatte Marina Abramovic ihr Werk mit extremen körperlichen Erfahrungen - eine Qual sowohl für sie als auch für die Zuschauer. Mit 26 Jahren stach sie sich bei einer ihrer ersten Arbeiten zwischen die Finger der linken Hand. Dass sie sich dabei verletzten würde, kalkulierte sie mit ein, mit jedem Stich in den Finger wechselte sie das Messer. "Wie beim Russischen Roulette geht es um Mut, Leichtsinn, Verzweiflung und Düsterkeit", erzählt Marina Abramavic in ihrer jüngst erschienen Autobiografie "Durch Mauern gehen". Wichtig sei "die andere Seite". "Wenn du das alles überstanden hast, ist die Freude unbeschreiblich. Genau dafür lebe ich", sagte sie über die Schmerzen ihrer Kunst in dem Interview mit der Kuratorin Scott. Nichts sei einfacher, als Dinge zu tun, die man gerne tut. Doch das wirkliche Erleben sei das eben nicht.

Messerstechen und Ersticken

Nach dem Messerstechen folgten viele weitere verstörende Arbeiten. Bei "Art must be beautiful" kämmte sie sich 1975 mit einer Metallbürste und einem Metallkamm gewaltsam die Haare, Abramovic dazu: "Während ich dies mache, wiederhole ich solange 'Art must be beautiful', 'Artist must be beautiful', bis ich mein Haar und Gesicht zerstört habe."

Ein Jahr zuvor bestand ihre Performance "Rhythym 5" aus einem brennenden kommunistischen Stern, in dessen Mitte sie sich legte, nachdem sie ihre Haare und Nägel geschnitten und verbrannt hatte. Doch das Feuer hatte den ganzen Sauerstoff verbraucht, Abramovic wurde ohnmächtig: "Die Zuschauer reagieren nicht, weil ich liege. Als eine Flamme mein Bein berührt und ich immer noch nicht reagiere, betreten zwei der Zuschauer den Stern und tragen mich hinaus. Ich werde mit den Grenzen meines Körpers konfrontiert, die Performance wird unterbrochen."

Performance endet in Tumult

Die direkte Konfrontation mit dem Publikum hatte sie bereits 1974 mit "Rhythm 0" zur Legende gemacht. In einer Galerie legte sie 72 Gegenstände aus, darunter eine Säge, Nägel, Alkohol, Streichhölzer, Lippenstift und sogar eine geladene Pistole. Mit einem Schild forderte die damals 27-Jährige das Publikum auf, sechs Stunden lang mit ihr zu machen, was es wollte. Eine intensive Performance, bei der manche Besucher die junge Frau verletzten, sie beschmierten und die Kleidung zerschnitten, andere hingegen versuchten sie zu beschützen.

Marina Abramovic mit Lebens- und Kunstpartner Ulay, die Haare zu gemeinsamen Zopf gebunden, Foto: YouTube.com

Symbiose und Abgrenzung: Marina Abramovic mit Lebens- und Kunstpartner Ulay

1975 lernte sie den deutschen Künstler Ulay kennen. In ihrer zwölfjährigen Beziehung loteten sie gemeinsam die Grenzen ihrer Körper aus, "eine romantische und radikale Zeit", sagte Abramovic im DW-Interview. Im Vordergrund habe ihre Liebe gestanden, danach die Kunst. Die ersten Performances bestanden aus Auf- und Abprallen ihrer nackten Körper, erzählten eindrucksvoll von Verlangen und Abgrenzung. In einer späteren Installation ohrfeigten sich die beiden 20 Minuten lang, dabei sei es um den Klang gegangen, den eine Ohrfeige erzeuge, der Körper sei hier nur ein Instrument.

Viele Jahre lebten sie wie Nomanden, reisten zu den Aborigines und Tibetern. Die beiden exzentrischen Künstler trennten sich schließlich. Ihre ursprüngliche Performance, bei der sie 2500 Kilometer auf der Chinesischen Mauer aufeinander zulaufen wollten, um dann zu heiraten, wurde schließlich nach der langen Vorbereitungszeit zur Trennungsperformance.

Bahnbrechende Kunst des Stillsitzens

Wer meint, Abramovic hätte schon alle Grenzen der Performance-Kunst überschritten, der wird bald erneut überrascht. So beispielsweise in "The Artist is Present": Anlässlich der großen Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art nahm Marina Abramovic die Aussage wörtlich: Die Künstlerin war anwesend. 75 Tage, 7 Stunden am Tag, auf einem Holzstuhl sitzend, den sie weder zum Essen noch zum Toilettengang verließ, möglich nur durch eine strenge Diät. Ihr gegenüber stand ein leerer Stuhl, der jedoch während der gesamten Schau nie leer blieb. Besucher setzten sich der Ikone gegenüber, schauten ihr in die Augen, lachten, weinten, darunter auch Prominente wie Sharon Stone, Tilda Swinton, Björk oder Lady Gaga. Auch ihre heutigen Werke sind nach wie vor intensive Erfahrungen, allerdings nicht mehr bestimmt von Gewalt, sondern von Askese und Rückbesinnung.

Marina Abramovic während ihrer Performance auf einem Holzstuhl im MoMA in New York, Foto: Getty Images/A.H. Walker

So leer war es selten in der MoMA-Retrospektive: Marina Abramovic in "The Artist is Present" (2010)

Darauf baut auch ihre "Abramovic-Methode" auf, ein Sammelsurium von verschiedenen esoterischen und fernöstlichen Entspannungs- und Meditationsübungen. Hier wolle sie die Techniken vermitteln, die es ihr während der Performances ermöglichen, Grenzerfahrungen durchzustehen. Damit reduziere sich Abramovic zur Society-Schamanin, sagen ihre Kritiker. Naserümpfend wurde teilweise auch ihr Crowdfunding für das "Marina Abramovic Institute" bewertet, das von Rem Koolhaas dafür entworfene Gebäude ist weiterhin noch nicht eröffnet.

Warum sie ausgerechnet drei Marinas beerdigen lassen möchte? Jede stünde für einen Teil von ihr: Mut, Spiritualität und Blödsinn. Früher habe sie sich immer für einen dieser Teile geschämt, heute akzeptiere sie sich so, wie sie ist. Daher habe sie auch kein Problem damit, 70 Jahre alt zu werden. "Man braucht Zeit, sich selbst zu verstehen. Älterwerden bedeutet, weiser zu werden", sagte die Performance-Ikone im DW-Interview. "70 ist eine große Zahl, jetzt beginnt der letzte Teil Deines Lebens. Also musst Du Dich auf die wichtigsten Dinge konzentrieren. Und ich habe entschieden, glücklich zu sein."

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