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Europa

Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Gotovina verhaftet

Zehn Jahre nach dem Ende der Balkankriege ist der wegen Kriegsverbrechen gesuchte kroatische Exgeneral Ante Gotovina verhaftet worden. Das Den Haager Kriegsverbrecher-Tribunal sucht nun noch nach sechs Flüchtigen.

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Kroatischer Exgeneral Gotovina (Archivfoto)

Carla del Ponte, Porträt

Carla del Ponte

Gotovina (50) wurde in der Nacht zum Donnerstag (8.12.2005) auf Teneriffa festgenommen. Das teilte die Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Carla del Ponte, in Belgrad mit. Sie dankte den spanischen und kroatischen Behörden für ihre Unterstützung. Gotovina soll nach Den Haag gebracht werden, um sich vor dem Gericht der Vereinten Nationen zu verantworten. Dem seit Jahren flüchtigen Gotovina werden Kriegsverbrechen gegen serbische Zivilisten im Jahr 1995 zur Last gelegt.

Die Festnahme beweist nach den Worten des Zagreber Regierungschefs Ivo Sanader die "Glaubwürdigkeit des kroatischen Staates". Kroatien habe immer wieder behauptet, Gotovina würde sich nicht im Lande versteckt aufhalten, sagte Sanader in der kroatischen Hauptstadt.

Held oder Verbrecher?

Für kroatische Nationalisten war und ist der General a.D. Gotovina ein Nationalheld. Er ist noch immer Ehrenbürger der Adriastadt Zadar wegen seiner "Verdienste" bei der Rückeroberung der seit 1991 von aufständischen Serben besetzt gehaltenen südkroatischen Gebiete im Sommer 1995. Gerade in dieser Zeit soll er die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, derentwegen er vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt ist.

Der Karriere-Offizier leitete im Sommer 1995 die rücksichtslose Offensive "Gewittersturm" zur Zerschlagung der serbischen Macht in der kroatischen Krajina-Region. Die Anklage macht ihn deshalb verantwortlich für die Tötung von mindestens 150 serbischen Zivilisten, für Vertreibung, Brandstiftung, Zerstörung und Angriffe auf zivile Ziele.

In der Heimat aber wurde Gotovina, der ehemalige Fremdenlegionär mit Kampferfahrungen aus Afrika und Lateinamerika, zum Generalinspekteur der Streitkräfte befördert. Nach dem Tod des autoritären und extrem-nationalistischen Präsidenten Franjo Tudjman, dessen höchstes Vertrauen er genoss, wurde Gotovina im Jahr 2000 vom neuen Präsidenten Stjepan Mesic abgesetzt und pensioniert.

Vorwürfe Del Pontes

Der am 12. Oktober 1955 auf der Adriainsel Pasman geborene Gotovina wurde 2001 vom UN-Tribunal angeklagt und verschwand darauf spurlos von der Bildfläche. Die Chefanklägerin des UN-Tribunals, Carla Del Ponte, beschuldigte in der Zwischenzeit die Regierung in Zagreb, nichts zur Festnahme des Flüchtigen unternommen zu haben. Im vergangenen Sommer warf sie sogar der katholischen Kirche vor, dem untergetauchten Gotovina zu helfen.

Wahrscheinlicher ist, dass ihm seine alten Kameraden aus dem kriminellen Umkreis der Fremdenlegion bei der Flucht geholfen haben. Gotovina war kroatischen Medienberichten zufolge schon drei Mal in Frankreich wegen Raubüberfalls und Erpressung verurteilt worden. Das letzte Mal 1995, als er schon kroatischer General war.

Steckbriefe

Nach der Festnahme Gotovinas entziehen sich noch sechs Angeklagte einem Prozess vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal. Es sind ausschließlich Serben:

  • Radovan Karadzic (60), politischer Führer der bosnischen Serben, angeklagt wegen Völkermordes (Massaker an bosnischen Muslimen 1995 in Srebrenica mit bis zu 8000 Toten)
  • Ratko Mladic (62), Militärkommandeur der bosnischen Serben mit der selben Anklage wie gegen Karadzic
  • Goran Hadzic (47), "Präsident" der von den Serben als unabhängig erklärten kroatischen Region Krajina, deren Rückeroberung Gotovina leitete. Angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, unter anderem Mord und Verfolgung
  • Stojan Zupljanin (54), Chef der regionalen Sicherheitsdienste der Serben in Bosnien, angeklagt wegen Völkermordes an bosnischen Muslimen
  • Zdravko Tolimir (57), einer der Stellvertreter Mladics, angeklagt wegen Völkermordes an bosnischen Muslimen
  • Vlastimir Djordjevic (58), ehemaliger Polizeigeneral im Kosovo, angeklagt unter anderem wegen Vertreibung von ungefähr 800 000 Kosovo-Albanern.

    Auf der Internet-Seite des UN-Tribunals werden außer diesen und Gotovina noch zwei weitere Angeklagte als flüchtig aufgeführt, weil sie noch nicht nach Den Haag überstellt sind: Dragan Zelenovic, der in Russland verhaftet wurde, und Milan Lukic, verhaftet in Argentinien. (mas)

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