Mut zum Neuanfang | Spurensuche | DW | 13.01.2017
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Spurensuche

Mut zum Neuanfang

Keine Angst vor einem Neuanfang in diesen ersten Tagen des Jahres – dazu rät Christine Hober im Beitrag der katholischen Kirche. Ihr Vorbild für neuen Wagemut sind die weihnachtlichen Hirten, die dem Engel vertrauten.

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Sonnenaufgang: wie ein neuer Tag neues hervorbringt, bietet auch das neue Jahr die Chance, Neues zu wagen.

Endlich ist der Weihnachtsschmuck wieder in Kisten verpackt und der Weihnachtsbaum liegt abholbereit an der Straßenecke. Etwas Wehmut ist dabei – ohne Kugeln, Kerzen, Engel und Tannengrün wirkt das Haus seltsam nackt und kahl. Trotzdem fühle ich mich erleichtert und froh: Mit dem Wegräumen des Weihnachtsschmucks habe ich nun endgültig das alte Jahr verabschiedet. Aufräumen tut gut. Es hilft die Gedanken zu sortieren. Gerade der Jahreswechsel ist ein guter Anlass, um das eigene Leben mal wieder auf den Prüfstand zu stellen. Die ersten Tage in einem neuen Jahr sind eine gute Zeit, sich von eingefahrenen Gewohnheiten zu lösen und sich neu für anderes zu öffnen. Neu anfangen zu können, tut gut – innehalten, sich besinnen, das Leben neu planen. Ein neues Jahr verspricht neue Herausforderungen und Chancen, neue Begegnungen und Erfahrungen.

Die Rückkehr der Sonne

Der Jahreswechsel fällt mitten in die Weihnachtszeit, in der wir Christen die Geburt Jesu feiern. Weihnachten ist das Fest der Zeitenwende: Gott selbst hat sich auf den Weg gemacht zu uns Menschen. Seine Ankunft markiert den Beginn einer neuen heilvollen Zeit. Das Weihnachtsfest fällt zusammen mit der Wintersonnenwende. Die Wintersonnenwende bezeichnet die dunkelste und längste Nacht des Jahres, die schon in vorchristlicher Zeit als Sieg des Lichtes über die Dunkelheit der Nacht gefeiert wurde. Den Mythos von der Wiedergeburt der Sonne und des Lichts findet man in allen Kulturen der Welt. Es ist die Zeit des Neubeginns: Die Rückkehr der Sonne bedeutet auch die Rückkehr des Lebens.

Natürlich freue ich mich auf die Rückkehr der Sonne, die längeren Tage, die Aussicht auf Frühling und Sommer. Doch der Neuanfang im Jahreskreislauf erinnert immer auch daran, dass ein neuer Zeitabschnitt den des letzten Jahres unwiederbringlich ablöst. Jedes gelebte Jahr ist ein verbrauchtes Stück Lebenszeit. Realistisch gesehen werden mit jedem Jahr, das unsere Lebensuhr anzeigt, unsere Perspektiven weniger, unsere Möglichkeiten begrenzter, unser Lebenserwartung geringer. Wichtige persönliche und berufliche Entscheidungen sind Vergangenheit und vieles, was wir heute anders beginnen würden, lässt sich leider nicht mehr ändern. Wie also neu anfangen, wenn wir wissen, dass ein neuer Zeitabschnitt, ein Stück unserer Lebenszeit am Ende verbraucht ist und wir mit ihm? Woher sollen wir die Kraft und die Hoffnung nehmen, dass es sich immer wieder lohnt, neu anzufangen?

Vielleicht kann die Botschaft von Weihnachten dem Leben eine neue Orientierung geben. Die Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist, hilft, immer wieder mutig neu zu beginnen, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen und Neues zu wagen.

Das Leben steht unter einem neuen Stern

So wie die Hirten in der Weihnachtsgeschichte: sie sehen den Stern leuchten, sie hören die Botschaft des Engels. Sie ahnen, dass etwas ganz Besonderes, etwas Unglaubliches geschehen ist. Die Hirten, deren Jahreslauf der immer gleiche ist, die Tag für Tag bei ihren Herden stehen und sie bewachen, werden aus ihrer alltäglichen Routine herausgerufen. Um wirklich Weihnachten zu erleben, müssen sie von ihrem gewohnten Platz bei den Herden fortgehen. Sie machen sich auf den Weg inmitten der Nacht, um das Kind in der Krippe zu suchen. Sie machen sich auf den Weg, Gott zu suchen. Und wenn sie zu ihren Herden zurückkehren, haben sie sich verändert. Sie werden zwar nach wie vor ihre Herden versorgen – ihr Leben wird jedoch unter einem neuen Stern stehen.

Und wir? Wir sollten uns die Hirten zum Beispiel nehmen: Gewohntes hinter uns lassen, weg von dem Vertrauten, das wir oft ängstlich hüten. Einen Neuanfang wagen, heißt nicht, das Leben vollständig verändern zu müssen, sondern wie die Hirten die Ohren für die Stimme des Engels öffnen, der uns den Weg zeigt. Einen Neuanfang wagen, heißt vielmehr, Mut zu haben, vom sicheren Lagerfeuer weg in die Nacht hinauszugehen und dem Stern zu folgen.

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Kirchliche Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Senderbeauftragter und Alfred Herrmann