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Kultur

Mut zum Experiment

Grüne Fahnen künden in Berlin von einem neuen Festival. Mit dem "Designmai" will die Hauptstadt zu einer neuen internationalen Designmetropole avancieren. DW-WORLD berichtet über die Pilotveranstaltung.

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Berliner Entwurf: Garantiert schwindelfrei

Ein Gartenstuhl aus Binsengeflecht hat Kufen bekommen - und nicht nur das: Durch einen Lederriemen verbunden ist er mit einer Babywiege im Gespann. Fruchtbare Zeiten. Im Loft des Berliner Vitra Design Museums befindet sich der originelle Schaukelstuhl gerade in bester Gesellschaft mit anderen Arbeiten, die einen repräsentativen Querschnitt durch die junge Berliner Designszene geben.

Auch ohne Moos viel los

Light Club Stiletto, DESIGNMAI

"Light Club", Stiletto

Wie sieht es nun aus, DAS "Design-Berlin"? Ist die wippende Sitzgelegenheit tatsächlich typisch für Gestaltung "Made in Berlin"? "Weder in der Architektur noch im Design lässt sich ein Berliner Stil konstatieren", räumt Mateo Kries alle Zweifel aus. Der Mittdreißiger ist nicht nur Direktor des Vitra Design Museums. Er gehört auch zu den wortführenden Repräsentanten von Transform e.V., einer frisch gegründeten Organisation, die den "Designmai" initiiert hat. Agenturen, Designbüros, Einzelkämpfer, jung Diplomierte, Hochschulen und Institutionen sind dem Aufruf gefolgt, der erklärtes Ziel der Non-Profit-Veranstaltung ist: Es gilt "wichtige und innovative Tendenzen des internationalen Designs in Berlin zu zeigen".

Typisch Berlin ist dabei allem voran eines: die desolate Finanzlage der Stadt und der Mangel an großen Auftraggebern. Auch das Fehlen einer größeren finanzkräftigen Käuferschicht verlangt viel eigenes Engagement. So kann die Not auch zur Tugend umgedeutet werden: Gerade die Eigenbestimmtheit der Berliner Designszene ist ihr großes Charakteristikum.

Freude am Experiment

Unabhängigkeit fördert die Freude am Experiment. Ein Paradebeispiel hierfür ist "rein raus" von "realities united", eine Art Liegestuhl, der auf einer kranartigen Vorrichtung aus dem Wohnungsfenster in den freien Luftraum geschoben wird. Der Prototyp dieses Balkon-Ersatzes ist im Vitra Design Museum zu bestaunen. Technologisch ist er einwandfrei - bis zur behördlichen Zulassung allerdings feilen seine Entwerfer noch an der Sicherheit.

"Berliner widmen sich häufig dem Experiment, dem Versuch, der Improvisation", sagt Oliver Vogt, der mit seinem Partner Hermann Weizenegger zu den Mit-Initiatoren des Festivals gehört. Aus eigener Erfahrung wissen die beiden, was das

Sinterchair

"Sinterchair", Vogt + Weizenegger

heißt. Inzwischen gehören sie zwar zu den bekannten Design-Größen der Stadt und fertigen für große Industriekunden. Ihre Arbeiten jedoch sind geprägt von der Suche nach neuen Materialien und technologisch innovativen Produktionsverfahren. "Sinterchair", ein futuristisch aussehender Stuhl mit weißem Wabenmuster, ist in einem bisher nur in der Auto- und Flugzeugindustrie verwendeten Verfahren hergestellt worden.

Stadt im Umbruch

Innovation kann nur an wenigen Orten so viele Facetten haben wie in Berlin, dessen ist sich Kries vom Vitra Design Museum sicher. Mitunter sei die Auseinandersetzung mit der Stadt kennzeichnend für die Berliner Designszene, die jetzt vorgestellt wird. Es handelt sich um die Nachwende-Generation, für die das Leben in Berlin eine einzige Baustelle war: Baulücken, Brachflächen und Großbaustellen bestimmten das Bild lange Zeit.

Werner Aisslinger, DESIGNMAIl Loft Cubes 3.-18. Mai Designmai Berlin

"Loft Cube", Werner Aisslinger

"Ein wichtiger Teil von Berlins kreativem Potenzial liegt deshalb auch in den Grenzbereichen von Architektur und Design. Schwimmende Häuser auf der Spree und Wohneinheiten in schwindelnder Höhe sind die neuen Utopien aus der deutschen Hauptstadt. Während das "Floating Home" - das "schwimmende Zuhause" - nur als Entwurf zu besichtigen ist, kann Werner Aisslingers "loft cube" sogar besichtigt werden. Auf dem Hochhaus von Universal Music nahe der Oberbaumbrücke ist der Prototyp installiert. Wie im Cockpit eines Raumschiffs blickt man aus dem transparenten Würfel über die Dächer der Hauptstadt.

Ein Festival von unten

Auch der "Designmai" selbst hat viel von dem Experimentellen, das einem Gros der Berliner Designszene anhaftet. Als ein "Festival von unten" definieren die Organisatoren ihr Event. Inhalt und Aufwand der Beiträge haben die Teilnehmer selbst bestimmt. Und mehr noch als die Ausstellungsfläche im Design Museum sind Galerien, unzählige Läden und auch Clubs die Orte, an denen sich jetzt der Testlauf bewahrheiten kann. Schließlich existiert im Ausland ein regelrechter Berlin-Hype, der sogar japanische Trend-Scouts mobilisiert. Warum also nicht endlich ein groß angelegtes Festival?

Design aus Berlin hat die Grenzen des klassischen Möbel- und Produktdesigns längst verlassen. Sogar bei einem Friseur weht eine grüne Fahne an der Fassade. Neugierig geworden? Kreuz und quer durch die ganze Stadt verteilt kann man sich noch eine Woche lang von der Vielfalt überzeugen.

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