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Kultur

Mustersiedlung mit Höhen und Tiefen

Walter Gropius, Mies van der Rohe, Hans Scharoun oder Le Corbusier – sie entwarfen die Häuser der Weißenhofsiedlung, die sich seit 1927/28 auf dem Stuttgarter Killesberg befindet. Ein architektonisches Kleinod.

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Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret

Anfangs wurde die Siedlung ausgelacht, danach verfemt, teils zerbombt und sogar von der Abrisskugel bedroht. Schließlich wurde sie als Symbol Neuen Bauens gefeiert. Schmucklos wirken die Bauten heute, ohne Ornament und mit nur wenig Glas, schlicht und vor allem hell. Dennoch: Die lange umstrittene Weißenhofsiedlung gilt als ein Kleinod der Baukunst der Moderne.

Weißenhofsiedlung Stuttgart

Bei Architekturliebhabern in aller Welt sind die Reste der Mustersiedlung aus den zwanziger Jahren bekannt, die Stuttgarter selbst wissen ihr bedeutendes Baudenkmal dagegen nicht ausnahmslos zu schätzen. Es gibt nur wenige Hinweisschilder zu den Gebäuden. In der einstigen Mustersiedlung informiert lediglich ein kleines Büro über die Motivation der Architekten und ihre Bauten. Erst im Jahr 2005 soll das derzeit leere Haus von Le Corbusier fertig zum Museum umgebaut sein.

Grundlegende Erneuerung der Baukunst

In seinem "Haus auf Säulen" mit damals revolutionärem Dachgarten wird dann gezeigt, wie sich in der Zeit der Weimarer Republik auch in Stuttgart das Interesse für eine grundlegende Erneuerung der Baukunst regte. Bis zum Frühjahr 1926 konnte ein Team europäischer Architekten um Ludwig Mies van der Rohe gewonnen werden: Peter Behrens und Josef Frank aus Wien gehörten dazu, ebenso Ludwig Hilbersheimer, Hans Poelzig, Bruno und Max Taut aus Berlin, der Franzose Le Corbusier und dessen Cousin Pierre Jeanneret, Walter Gropius aus Dessau oder Mart Stam aus Rotterdam.

Kampf um neue Lebensformen

Die Wohnungsnot in jener Zeit, der Wunsch vieler nach eigenen vier Wänden und der pathetisch formulierte "Kampf um neue Lebensformen" schrieben sich die Baumeister des Weißenhofs in ihr Programm. Wie gerufen kam die Stuttgarter Ausstellung "Die Wohnung" des Deutschen Werkbundes, zu dem sich 1927 Architekten, Künstler, Industrielle und Kaufleute zusammengeschlossen hatten. Innerhalb von nur acht Monaten waren nicht nur die Entwürfe, sondern auch die Bauten einschließlich großer Teile der Einrichtungen unter Dach und Fach.

Erst Beifall, dann Ablehnung

Der öffentliche Beifall für die 21 Häuser mit insgesamt 63 Wohnungen war zunächst groß. Rund eine halbe Million Menschen besuchten die Ausstellung. Die Kritik vor allem konservativer Kreise um Paul Schmitthenner hingegen war verheerend. Als "Vorstadt Jerusalems" wurde das Projekt verhöhnt, als "schwäbisches Wohnmaschinele", "Einfamilienhäuser im Quetschsystem" und "Produkte von Theater-Architekten" verspottet. Im "Dritten Reich" wurde die Weißenhofsiedlung als "Araberdorf", "kulturbolschewistisch" und "entartet" diffamiert und sollte einem riesigen Baukomplex für das Generalkommando V der Wehrmacht weichen. Der Weltkrieg machte diesen Plänen ein Ende.

Nur elf Originalbauten erhalten

Acht Einfamilienhäuser am Berg wurden im Krieg zerstört. Was die Bomben verschont hatten, machten die "Meister des Wiederaufbaus" fast zunichte. Die Häuser wurden an Bundesbedienstete vermietet, vernachlässigt, umgebaut oder sogar abgerissen, aufgestockt oder durch Giebel verfremdet. Erst 1956 wurden die noch erhaltenen elf Originalbauten unter Denkmalschutz gestellt und bis 1982 weitgehend restauriert. 2005 soll nun auch die Öffentlichkeit im ersten Weißenhof-Museum die Geschichte der Siedlung verfolgen können. Bis dahin finden wöchentliche Führungen (im Sommer zwei Mal die Woche) durch die Siedlung statt. (pg)

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