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Globale Zusammenarbeit

Musterknabe vor großen Herausforderungen

Brasilien gilt zwar als führendes Land bei der Bekämpfung von Hunger und Unterernährung. Doch gleichzeitig führt die Industrialisierung der Landwirtschaft zu sozialen Spannungen und geht zu Lasten der Umwelt.

Blick auf den Zuckerhut in Rio (Foto: dpa)

Die schöne Seite Brasiliens

"Am Ende meiner Regierungszeit soll jeder Brasilianer ein Frühstück, ein Mittag- und ein Abendessen bekommen", hatte Präsident Lula da Silva bei der Amtsübernahme 2003 versprochen. Als er sein Amt am 1. Januar 2011 an seine Nachfolgerin Dilma Rousseff übergab, konnte sich seine Bilanz sehen lassen: Brasilien hat als erstes Land Lateinamerikas das wichtigste Millenniumsentwicklungsziel erfüllt: Die Halbierung des Anteils hungernder Menschen im Vergleich zu 1990 schaffte das Land bereits 2010 - fünf Jahre früher als vereinbart.

Dafür ist Lula mit dem diesjährigen World Food Prize ausgezeichnet worden. Dank der unter seiner Regierung aufgelegten Sozialprogramme konnten 20 Millionen Brasilianer die Armut überwinden. Jeder zweite Brasilianer hat den Sprung in die untere Mittelschicht geschafft, die gewachsene Kaufkraft hat die Binnennachfrage gestärkt und entscheidend zur Konsolidierung der Wirtschaft beigetragen.

Hunger ist die Folge von sozialer Ausgrenzung

Kernpunkt der Maßnahmen ist das Programm Fome Zero, auf deutsch: Null Hunger. "Der Erfolg besteht darin, dass es eine umfassende und Sektor übergreifende Politik ist, die nicht nur im Agrarsektor, sondern auch im sozialen und im Gesundheitsbereich angesetzt hat", sagt Ingos Melchers, der bei der staatlichen deutschen Entwicklungsorganisation GIZ für Agrarpolitik und Ernährungssicherung zuständig ist.

Favelas vor modernen Hochhäusern in Sao Paulo (Foto: dpa)

In Sao Paulo liegen Wohlstand und Armut dicht beieinander

"Der Kerngedanke des Programms lautet: Wir wollen keine Armenfürsorge betreiben, sondern eine Politik der Eingliederung in die Gesellschaft verfolgen", erläuterte der Befreiungstheologe Frei Betto 2003 das Konzept des Fome Zero-Programms, mit dessen Umsetzung ihn Präsident Lula nach seinem Amtsantritt beauftragt hatte.

Und die Rechnung ist aufgegangen, bestätigt Ingo Melchers von der GIZ. "Rund eine Million Kleinbauern haben davon profitiert, dass sie einen besseren Zugang zu Kleinkrediten, zu Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten haben. Hier geht Sozialpolitik zusammen mit lokaler Wirtschaftsförderung." Über das Familiengeld Bolsa Familia, das Herzstück von Fome Zero, erhalten Bedürftige eine monatliche Beihilfe von 18 bis 90 Euro pro Familie.

Eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Kleines Kind sammelt Holz in Acailandia, Brasilien (Foto: AP)

Nicht alle profitieren vom wachsenden Wohlstand

Tatsächlich aber haben die Sozialprogramme der Regierung Lula nur wenig an den Ursachen der Armut geändert. Der ehemalige Regierungsberater Frei Betto prangert an: "Brasilien hat 190 Millionen Einwohner und zählt zu den fünf größten Nahrungsmittelproduzenten der Welt. Wir leiden also nicht an einem Mangel an Lebensmitteln und auch nicht an einem Überschuss an hungrigen Mündern. Wir leiden unter fehlender Gerechtigkeit: Ein Zehntel der Bevölkerung verfügt über fünfzig Prozent des Reichtums unseres Landes, und auf die ärmere Hälfte der Bevölkerung entfallen nur zehn Prozent."

Frei Betto war 2004 aus Protest gegen die seiner Ansicht nach unzureichende finanzielle Ausstattung des Null Hunger-Programms zurückgetreten. In der Tat gibt es immer wieder Kritik an der mangelnden Effizienz des Programms und an versickernden Geldern durch Korruption.

An der sozialen Kluft hat sich auch in den acht Jahren unter Lula strukturell kaum etwas geändert. Es sei zwar "wirklich toll, dass sich die brasilianische Regierung mit Sozialprogrammen um die Hungernden kümmert", so Bernhard Walter, Experte der kirchlichen Hilfsorganisation Brot für die Welt. Doch gleichzeitig wirft er der brasilianischen Politik mangelnde Konsequenz vor: "Einerseits versuchen sie den Hungernden zu helfen, andererseits erzeugt die Agrarpolitik weiterhin Hungernde."

Tank oder Teller?

Ein Traktor bei der Ernte (Foto: dpa)

Noch mehr Zuckerrohr für den Tank

Brasilien ist weltweit der größte Produzent von Zucker, Ethanol, Kaffee und Orangensaft sowie der größte Exporteur von Soja, Tabak, Rind- und Geflügelfleisch. Rund ein Viertel der gesamten Agrarproduktion des Landes ist für den Weltmarkt bestimmt. Nach Angaben des World Wildlife Fund wurden in den letzten acht Jahren, also in der Amtszeit von Präsident Lula da Silva, 70.000 Quadratkilometer Tropenwald im Amazonas zerstört - zwei Drittel davon illegal: Auf diesen Flächen entstehen Soja- und Zuckerrohr-Plantagen im großen Stil. "Diese Expansion der Agrarexportpolitik geht auf Kosten von indigenen Gemeinschaften und armen Bevölkerungsgruppen, die von ihrem Land vertrieben werden. Man schafft neue Hungernde, denen man dann mit den Sozialprogrammen helfen muss."

Vor allem durch die Ausweitung des Energiepflanzenanbaus werden zunehmend Kleinbauern und indigene Gemeinden von ihrem Land vertrieben. Die genutzte Ackerfläche Brasilien beträgt rund 50 Millionen Hektar, das entspricht dem Staatsgebiet Spaniens. Auf einem Zehntel davon wird Zuckerrohr für die Ethanolproduktion angebaut, Tendenz steigend. Das führt dazu, dass Brasilien zunehmend Nahrungsmittel wie Reis und Weizen importieren muss. Die steigenden Weltmarktpreise schlagen sich auf den lokalen Märkten nieder, was in erster Linie die Armen trifft.

Auch die Fleisch- und Milchproduktion für den heimischen Markt ist zurückgegangen. Das nationale Biospritprogramm sieht vor, dass die Beimischungsquote von Bioethanol auf bis zu 40 Prozent gesteigert werden soll. Dazu werden laut Schätzungen der Regierung ungefähr 90 Millionen Hektar Anbaufläche zusätzlich benötigt.

Kleinbauern stärken

Landlose in Brasilien (Foto: AP)

Noch immer gibt es Landlose in Brasilien

Eine umfassende Agrarreform ist in Brasilien bislang ausgeblieben. Zwar sind in den vergangenen Jahren mehrere zehntausend Familien neu angesiedelt worden, oder sie sind nunmehr auch offiziell im Besitz der landwirtschaftlichen Fläche, die sie bearbeiten.

Doch der Etat für die Agrarreform ist immer wieder gekürzt worden, sodass die Finanzierungsmöglichkeiten für die nötige Infrastruktur wie Straßen, Gesundheitsversorgung, aber auch Schulungen von Kleinbauern fehlen. Nach wie vor gibt es mehr als viereinhalb Millionen Bauernfamilien ohne Landbesitz, während sich 26.000 Großgrundbesitzer die Hälfte der verfügbaren Agrarfläche aufteilen.

Bernhard Walter sieht die Verantwortung vor allem auf Seiten der Regierung: "Die brasilianische Politik spricht nicht mit einer Stimme. Es gibt einige Ministerien, die sich um Armut und Umweltprobleme kümmern. Andererseits gibt es auch Ministerien, die die Agrarexpansion fördern. Auch Lula hat es nicht geschafft, Interessengruppen, die auf Agro-Business setzen, zu zügeln. Vielmehr hat er darauf gesetzt, dass durch diese Expansion Steuereinnahmen erzeugt werden, woraus man dann Sozialprogramme finanziert."

Umweltschutz ist ein Problem in Brasilien

Lula da Silva und Dilma Rousseff (Foto: AP)

Lula da Silva und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff

Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff steht jetzt vor der Herausforderung, die Hungerbekämpfungspolitik ihres Amtsvorgängers fortzuführen und gleichzeitig Korruption und Ineffizienz zu beseitigen. Ihr Ziel sei es, Brasilien zu einem Land des Mittelstandes zu machen, so die Präsidentin bei ihrem Amtsantritt im Januar 2011. Mit steigendem Wohlstand lässt sich auch in Brasilien dasselbe Phänomen beobachten wie in Indien und China: Nämlich eine steigende Nachfrage nach Fleisch und Milchprodukten.

Dies mit dem Schutz der Umwelt zu vereinbaren und die weitere Abholzung des Regenwaldes einzudämmen, scheint wie die Quadratur des Kreises. Denn im vergangenen Jahrzehnt sind für die Erschließung neuer Weiden und Agrarflächen durchschnittlich 26.000 Quadratkilometer Wald pro Jahr geopfert worden, wie aus Statistiken der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO hervorgeht. Von den Regenwäldern entlang der Atlantikküste seien sogar nur noch sieben Prozent erhalten.

Damit der Hunger nicht mit der Landflucht nun auch in die Städte gelangt, benötigt Brasilien eine gezielte Entwicklungsstrategie für den ländlichen Raum: Kleinbäuerliche Strukturen müssen aufgebaut und gestärkt werden, damit neben dem globalen Markt auch die Versorgung der lokalen Märkte sichergestellt werden kann - und zwar unabhängig von den Weltmarktpreisen. Denn nach wie vor ist Armut ein ländliches Problem, das vor Ort gelöst werden muss, wie Bernhard Walter von Brot für die Welt betont. "Und das wird auch bis 2050 so bleiben."

Autorin: Mirjam Gehrke

Redaktion: Birgit Görtz