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Deutschland

Mustafa Cimşit: "Extremisten verführen religiöse Sinnsucher"

Das Bundesinnenministerium veranstaltet eine Tagung über die Arbeit muslimischer Seelsorger. Eingeladen ist auch Mustafa Cimşit, der Strafgefangene in Hessen betreut. Im DW-Interview berichtet er über seine Arbeit.

DW: Herr Cimşit, Sie haben als muslimischer Gefängnisseelsorger viel mit Häftlingen zu tun, die in das Umfeld eines islamistischen Extremismus geraten sind. Welche Biographien verbergen sich hinter solchen Fällen?

Mustafa Cimşit: Das ist sehr unterschiedlich, es gibt ein breites Spektrum. Jede Person hat ihre eigene Geschichte. Es sind Drogenabhängige darunter oder Schüler, die sich über den Islam informieren wollten und dabei an die falschen Leuten geraten sind. Hinzu kommen die biographischen Hintergründe: Einer der Häftlinge hatte keine Familie mehr und suchte Kontakt zu anderen. Darüber kam er bei Radikalen unter. Ein anderer berichtete von Diskriminierungserfahrungen und landete - auf der Suche nach Antworten - ebenfalls bei Extremisten. Und noch jemand anders kam über seine Freunde zum Islamismus. Sehr allgemein kann man sagen: Wenn jemand auf Sinnfragen keine angemessenen, verantwortlichen Antworten findet, kann er leicht bei Extremisten landen.

Aus welchen Gründen sind die Personen, mit denen sie zu tun haben, verurteilt worden? Wegen terroristischer Taten oder eher gewöhnlicher Kriminalität?

Auch das ist unterschiedlich. Einige kommen aus dem kleinkriminellen Bereich, etwa der Beschaffungskriminalität. Andere hingegen wollten sich dem "Islamischen Staat" anschließen oder haben das bereits getan. Andere sind aus den nahöstlichen Kampfgebieten zurückgekommen. 

Was die zweite Gruppe angeht: Wie und was diskutieren sie mit diesen Leuten?

Mustafa Cimşit (M. Cimşit)

Mustafa Cimşit, muslimischer Gefängnisseelsorger

Die meisten dieser ideologisch motivierten Häftlinge argumentieren theologisch. Es geht dann um Fragen wie die, warum sich Gewaltbereitschaft fundamental von der friedlichen religiösen Religionspraxis unterscheidet. Wie reagiere ich auf Unrecht, warum darf ich auf Unrecht nicht mit neuem Unrecht reagieren? Das kann zu tiefgehenden theologischen Diskussionen führen. In einigen Fällen muss ich sogar eigene theologische Recherchen durchführen, um angemessen informiert zu sein. Es geht dann um Fragen wie die nach der angemessenen Bedeutung einzelner Koran-Verse. Warum sind etwa gewisse Verse, die scheinbar eindeutig sind, letztlich doch anders zu verstehen, als man zunächst glaubt?

DW: Es geht also um Auslegungsfragen?

Ja - ein hochkomplexes Thema. Das Gespräch kommt dann auf die verschiedenen Traditionen der Exegese, der Auslegung. Ich weise dann oft darauf hin, dass der Islam in den anderthalb Jahrtausenden seiner Existenz die unterschiedlichsten Interpretationsverfahren entwickelt und darüber natürlich auch zu ganz unterschiedlichen Auslegungen einzelner Passagen gekommen ist. Oder, dass mehrere Bedeutungen denkbar sind oder erkläre, warum eine Interpretation angemessener als die andere ist. Letztlich findet in solchen Fällen eine Art theologischer Grundkurs statt.

Lassen sich die Gesprächspartner so etwas denn sagen?

Es erfordert eine gewisse Sensibilität. Und es setzt grundsätzlich einen Zugang zu den entsprechenden Personen voraus. Wenn ich auf einen direkten Konfrontationskurs ginge und den Leuten sagte, was sie sagten, sei extremistisch, brächte das wenig. Ein Dialog kommt nur zustande, wenn ich die Ansicht meines Gesprächspartners zunächst einmal akzeptiere. Dann frage ich, wie er zu seiner Auffassung gekommen ist. Anschließend setze ich dem meine eigenen Argumente entgegen. Damit habe ich ihn aber noch nicht überzeugt. Dazu  braucht es meist eine längere Begleitung.  

Lassen sich Ihre Gesprächspartner von diesen Argumenten denn  überzeugen?

Ein Teil durchaus. Das sind diejenigen, die auf religiöser Suche sind. Dies sind Leute, denen der Sinn nicht nach Action und Abenteuern steht, sondern die sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen. Wie soll ich leben, um Gott zu gefallen? Um solche Fragen geht es dann. Und wenn ich als Seelsorger dann aufrichtig bin und meine eigene Frömmigkeit zeige, wenn ich zudem meinen Gesprächspartner ernst nehme und seine Sorgen mittrage - dann nimmt mich auch das Gegenüber ernst, und dann kommen wir ins Gespräch. Dann diskutieren wir darüber, wie der Glaube nicht nur für einzelne Individuen - etwa für ihn oder für mich, sondern für alle Menschen - lebbar wird.

Das sind sehr komplexe Fragen.

Ja. Wenn mein Gesprächspartner etwa der Ansicht ist, er müsse dafür sorgen, dass alle Menschen auf der Welt zu Muslimen würden, ist das legitim. Wenn er aber meint, dafür auch mit Gewalt eintreten zu dürfen, beginnt die Diskussion. Ich weise dann daraufhin, dass man die Herzen der Menschen nur mit friedlichen Mitteln - und nicht mit Gewalt - erreichen kann. Dann muss man hoffen, dass der andere diesen Gedanken aufgreift, dass er den Gedanken annimmt, dass er die Herzen der anderen nur durch Güte und Aufrichtigkeit erreicht.

Was lässt sich denn tun, um die Arbeit der Gefängnis-Imame zu unterstützen?

Man muss verstärkt Seelsorger einstellen - bislang gibt es noch viel zu wenige. Und dann muss man diese Seelsorger auch als solche behandeln. Immer wieder gibt es Diskussionen, ob jemand ein Seelsorger oder nur ein Betreuer ist. Oftmals haben die muslimischen Seelsorger eine im Vergleich prekäre  Stellung. So etwas merken natürlich auch die Häftlinge. Wenn es sich dann um Islamisten handelt, spielt ihnen das natürlich in die Hände. Sie nehmen das als weiteren Nachweis, dass Muslime benachteiligt würden. Eine solche Argumentation muss man entschärfen - indem man die Seelsorger als solche akzeptiert. Auch ist es wichtig, die anderen Betreuer zum Thema Islam und Muslime qualifiziert fortzubilden. Diese Fortbildungen sollten nach Möglichkeit von Muslimen fortgeführt werden - und nicht, wie derzeit, überwiegend von Nicht-Muslimen. Die Ausbildung muss professionalisiert werden - nur dann können wir die Radikalisierung in den Griff bekommen.

Der Theologe und Islamwissenschaftler Mustafa Cimşit ist Gefängnisseelsorger an mehreren hessischen Gefängnissen.

Das Interview führte Kersten Knipp.