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Wirtschaft

Muss der Euro überhaupt gerettet werden?

Ein 750-Milliarden schweres Hilfspaket soll dem schwächelnden Euro helfen. Was aber ist schlimmer? Der Wertverlust des Euro oder die Gefahr durch das zusätzliche Geld, das nun in das Finanzsystem gelangen könnte?

Euro- und Dollarnoten an einem Wechselschalter (Foto: apn)

Weniger Dollars für den Euro - na und?

Die Politik hat vermeintlichen Spekulanten gegen den Euro den Kampf angesagt – den Finanzjongleuren, die den Euro angreifen, und damit die Stabilität der gesamten Eurozone untergraben würden. Doch ist dem wirklich so? Oder wollen Europas Politiker von ihren eigenen Versäumnissen ablenken - nämlich die Eurozone zu einem wirtschaftlich stabilen Raum zu machen mit geringer Staatsverschuldung und ordentlichen Wachstumsraten? Wie also kann der Euro nachhaltig gerettet werden - und muss er das überhaupt?

Wenn man den vergangenen Sonntagabend Revue passieren lässt, muss man jedenfalls den Eindruck haben: "Au weia, da hat aber die Luft gebrannt." Die Kanzlerin lässt sich am Abend einer wichtigen Landtagswahl nicht blicken und leitet eine nationale Krisensitzung, die EU-Finanzminister tagen in Brüssel bis spät in die Nacht und trommeln 500 Milliarden zusammen, der Währungsfonds in Washington legt noch einmal 250 Milliarden drauf. Und das alles nur, weil böse Spekulanten auf den Staatsbankrott einiger Euroländer wetten und nebenbei am zwangsläufigen Wertverlust des Euros gegenüber dem Dollar verdienen wollen. Aber mal halblang: "Die Frage ist, haben sie das wirklich getan oder haben sie nicht einfach nur ihren Job gemacht, zu sagen: unsere makroökonomische Analyse ergibt, dass der Euro an Wert verlieren wird", sagt Udo Steffens, Präsident der Frankfurt School of Finance. Ins gleiche Horn stößt Clemens Fuest, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des Finanzministeriums. "Die Krise haben nicht die Spekulanten verursacht, sie decken nur die Schwächen auf", sagt er.

Entzug von der Schuldendroge

Professor Dr. Udo Steffens, Vorsitzender der Geschäftsführung und Präsident der Frankfurt School of Finance & Management

Professor Dr. Udo Steffens: "Die machen nur ihren Job"

Und Udo Steffens ergänzt: "Man muss vorsichtig sein, denn die Verursacher der Krise waren sicherlich staatliches Handeln und Regierungen, die die Droge Schulden über alle Maßen genossen haben und jetzt nicht richtig wissen, wie sie den Entzug hinbekommen sollen." Die unsolide Haushaltspolitik einiger Euro-Länder ist also eine der Ursachen für die Spekulation gegen den Euro. Und dass die Spekulation Erfolge zeigt, daran sind nicht nur die Hedgefonds schuld. Wenn sie alleine gegen eine Zentralbank wetten würden, würden sie verlieren. Aber sie können über die Bande spielen, sie können auf den Märkten eine Art Panik erzeugen: Bloß raus aus dem Euro. Wenn sich dann der Zug der Lemminge in Gang setzt, weil alle Marktteilnehmer überzeugt sind, der Euro werde an Wert verlieren, dann sind alle Zentralbanken machtlos. Soziale Überzeugungen schaffen soziale Realitäten, der Euro fällt.

Ist das schlimm? "Ich gehe gar nicht mal davon aus, dass der Euro so sehr in Gefahr war", sagt Professor Wolfgang Gehrke, Leiter des Bayerischen Finanzzentrums. "Der jetzige Preis ist ein guter Preis, hilft vielen Euro-Ländern. Die Amerikaner haben mit dem Dollar genügend Schwierigkeiten, es wäre auch durchaus denkbar gewesen, dass der Kurs weiter sinkt, ohne dass das Probleme bereitet, im Gegenteil, es hätte vielen Ländern, gerade auch Spanien und Griechenland geholfen, attraktiver zu werden auf den Weltmärkten." Tatsächlich gab es schon einmal Zeiten, in denen man für eine Euro nicht 1,30 Dollar, sonder nur 88 US-Cent bekam. Dadurch werden zwar der Urlaub in den USA und die Rechnung für Rohstoffe und Energie teurer, aber man kann damit leben, denn es beflügelt auf der anderen Seite den Export.

Inflationsgefahren viel größer

Wolfgang Gerke, Finanzexperte (Foto: dpa)

Bankenexperte Gerke: "kein Problem mit einem sinkenden Eurokurs"

Der Außenwert des Euro ist für den Normalbürger uninteressant, sagt auch Udo Steffens, Präsident der Frankfurt School of Finance. "Für Sie und mich bedeutet das eigentlich nicht viel. Wir sind ja im Wesentlichen am Binnenwert des Euros orientiert." Die Inflationsrisiken sind nach seiner Ansicht viel höher einzuschätzen als ein schwächelnder Euro. Werden die 750 Milliarden, die bislang nur in Form von Garantien existieren, tatsächlich in Anspruch genommen, geraten sie in den Geldkreislauf und erzeugen Inflation.

Deshalb bleibt die Frage akut: Wie kriegt man wieder Ruhe in den Karton, wann hören die Spekulationen auf? Udo Steffens hat dafür ein Rezept, das allerdings nur langfristig wirksam werden kann: "Wir dürfen diese großen Ungleichgewichte im Währungsraum nicht auf Dauer zulassen. Die Frage ist nur, wer passt sich an wen an?" Deutschland hat durchaus eine gewisse Sparsamkeitspolitik betrieben, die anderen hätten das Geld mit vollen Händen ausgegeben. Man müsse einen Kompromiss finden, um Ungleichgewichte in einem Währungsraum nicht zu groß werden zu lassen.

Mehr Geld, mehr Konsum!

Mit anderen Worten: Auch Deutschland muss sich an die eigene Nase fassen, muss sich überlegen, ob eine übertriebene Lohnzurückhaltung und eine exzessive Exportorientierung nicht auch zu den gewaltigen Unterschieden in den Handels- und Leistungsbilanzen der Euro-Länder beigetragen hat. Das trifft sich gut: Viele Bürger hätten vermutlich nichts dagegen, dass ihre Gewerkschaft eine Lohnerhöhung von, sagen wir, 15 bis 20 Prozent durchsetzt. Sie würden bestimmt auch hoch und heilig versprechen, alles in die private Nachfrage zu stecken. Alles für den Euro. Ehrlich!

Autor: Rolf Wenkel

Redaktion: Insa Wrede

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