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Aktuell Amerika

Muslime in den USA: "Die Schwelle ist gesenkt"

Donald Trumps Attacken haben muslimische Bürger in den USA tief verunsichert. Sie fühlen sich hilflos ausgeliefert, gewalttätige Übergriffe häufen sich. Gero Schließ hat eine junge Muslimin getroffen.

Als Rabiah Ahmed zum Interview kommt, flimmern über den Fernsehbildschirm die jüngsten Umfrageergebnisse zu Donald Trumps Vorschlag eines Einreisestops für Muslime: Laut NBC News sind 57 Prozent der Amerikaner dagegen. Aber 25 Prozent unterstützen diesen Vorschlag, den viele in den USA als eine noch nie dagewesene Diskriminierung einer ganzen Religionsgruppe sehen: "Das ist positiver als das, was wir in früheren Umfragen gesehen haben", macht sich Rabiah Ahmed Mut.

Trump spaltet

Immer mehr Amerikaner seien der beleidigenden Rhetorik Trumps überdrüssig, glaubt sie. "Die Menschen wollen keine Spaltung, sie wollen die Vereinigten Staaten von Amerika", formuliert die 38jährige Muslima ihre Hoffnung. Rabia Ahmed kümmert sich um Kommunikation beim Muslim Public Affairs Council, die als Lobby-Organisation der amerikanischen Muslime auf die Regierungsarbeit in Washington Einfluss nehmen will.

Doch in unserem Gespräch ist die in Detroit geborene Rabiah Ahmed vor allem persönlich betroffen - als Bürgerin und Mutter von drei Kindern. Jene 25 Prozent, die Trumps Einreiseverbot für Muslime befürworten, machen ihr große Sorgen: "Trump ist nur ein Symbol der Furcht und der Angst, die die Leute haben", sagt sie.

Schwieriger als mit Trump fertig zu werden sei, "diese Amerikaner zu erreichen und zu sagen, wer wir wirklich sind." Obwohl die muslimischen Gemeinden in den USA besser integriert sind als etwa in Frankreich oder Deutschland, haben sich auch in den USA Vorbehalte gegenüber den mehr als 6,6 Millionen Muslimen im Lande gehalten, die etwas mehr als 2 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Muslime in den USA Flagge Symbolbild

Muslime in den USA sind verunsichert

"Furcht und Frustration"

Und das, obwohl sie als Soldaten bei Einsätzen in Afghanistan oder Irak ihre Leben lassen und wichtige Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft einnehmen, unter anderem auch als Abgeordnete im US-Kongress. "Wir wissen, dass diese Einstellungen seit langem existieren in unserem Land", gibt Rabiah Ahmed zu bedenken. Häufig hätten diese Menschen keine persönliche Beziehung zu Muslims oder verständen den Islam nicht. "Sie sprechen aus Furcht und Frustration", so die junge Frau.

Diese Furcht hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Trump immer wieder zielgenau bedient. Anfeindungen und Haßtaten gegen Muslime gab es schon immer in Amerika, sagt Catherine Orsborne von der Organisation "Shoulder to Shoulder", die sich für religiöse Freiheit engagiert.

Todesdrohungen gegen Muslime

Doch was sich nun nach Trumps Tiraden abspiele, sei so noch nicht dagewesen. "Das ist ein neuer Höhepunkt. Amerikanische Muslime sind in großen Schrecken versetzt". Orsborn hat alleine an diesem Morgen zwei alarmierende Anrufe von muslimischen Freunden bekommen. Einem von ihnen wurden in Texas die Fenster seines Hauses mit Steinen eingeworfen. Ein anderer berichtet von Todesdrohungen und einem verdächtigen Paket im Büro einer Interessenvertretung für Muslime. Am Ende musste das Büro evakuiert werden. "Die Menschen sind zutiefst persönlich getroffen" von der gegenwärtigen Diskussion um Muslime in den USA, sagt Orsborne. Gerade wenn die Frauen einen Hidschab, also ein Kopftuch, trügen und in der Öffentlichkeit als Muslime erkennbar sind, hätten sie Furcht vor Übergriffen.

Rabiah Ahmed trägt Kopftuch (Foto: DW)

Rabiah Ahmed möchte trotz der Feindseligkieten auf ihr Kopftuch nicht verzichten

Mehr Solidarität als früher

Rabiah Ahmed trägt einen Hidschab. Der Schleier sei Teil ihrer Identität und es komme für sie nicht infrage, ihn in der gegenwärtigen Situation abzunehmen. In diesen Tagen bedeute es aber schon "mehr Mut", den Schleier draussen auf der Strasse zu tragen. "Ich bin nicht ängstlicher, aber vorsichtiger, was meine Umgebung angeht, in der ich gerade bin," sagt Rabiah Ahmed. Als Studentin der Universität von North Carolina wurde sie unmittelbar nach den Terroranschlägen von 9/11 plötzlich anders behandelt als vorher. Es gab "Belästigungen, feindliche Blicke und schlechte Bedienung beim Einkaufen". Diesmal ist es ganz anders, erzählt die junge Frau: "Menschen sprechen mich an und verwickeln mich in Gespräche, ob im Fitness-Studio oder im Aufzug". Das sei ihre Art, Solidarität zu zeigen. Die junge Frau sieht darin einen Fortschritt gegenüber früher. "Das Gegenteil würde auch nur dem "Islamischen Staat" in die Hände spielen, der das Land und die Muslime gegeneinander ausspielen will."

Seit den Anschlägen von San Bernardino und der Kampagne von Donald Trump macht sich Rabia Ahmed Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder. "Ich mache mir schon Gedanken, wenn ich sie auf die Strasse lasse. Ich bin ja nicht naiv", sagt sie mit Blick auf das aufgeheizte politische Klima und die Umfragen. "Als gute Eltern versuchen wir uns gewissenhaft um ihre Sicherheit kümmern"

Es bleiben Ohnmacht…

Auf jeder Dinnerparty ist die Trump-Kampagne mittlerweile Gesprächsthema. Sie und ihre Freunde würden sich die quälende Frage stellen: "Was können wir tun, um die Deutungshoheit für unseren Glauben und unsere Community zurückzuerlangen", erzählt Rabiah Ahmed. Man fühle sich hilflos, denn keiner von ihnen habe Macht über jene, die für die Kampagne gegen ihre Religionsgruppe verantwortlich sind. "Diese Leute sind so weit weg von unserer Realität und unserem Leben. Wir verstehen ihr Denken und ihre Handlungsweisen nicht," erklärt Rabiah Ahmed ihre Ohnmacht.

...und die gemeinsamen Werte

Es bleibe als einziges die Möglichkeit, zum Glauben und den gemeinsamen Werten zu stehen. Für sie heißt das auch, "gut zu unseren Nachbarn zu sein, uns freiwillig zu engagieren, uns in die Gemeinschaft einzubringen."

Doch für Catherine Orsborn von "Shoulder to Shouledr" besteht die Gefahr, dass der Tabubruch Trumps selbst nach einem Scheitern seiner Kandidatur Folgen haben wird: "Die Schwelle ist gesenkt, es ist ein neuer Ton angeschlagen", stellt sie fest. Es reiche nicht für die Politiker von Republikanern und Demokraten, Trumps Provokationen zu verurteilen. Das Verhältnis der Amerikaner zu ihrer muslimischen Gemeinde müsse auf neue Beine gestellt werden: "Wir brauchen eine neue Agenda für unser Zusammenleben".