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Deutschland

Muslimbruder gegen Mubarak-Getreuen

Die erste Runde ist ausgezählt: Der Muslimbruder Mursi und der Mubarak-Getreue Schafik ziehen in die Stichwahl in Ägypten. Revolutionären und liberale Kräfte müssen nun verhandeln.

"Ich habe die Wahl zwischen Selbstmord und einem Sprung ins Haifischbecken", sagt die 25-jährige Rana Gaber, und meint damit die Entscheidung zwischen altem Regime und Islamisten. Die Revolutionärin ist enttäuscht vom Ergebnis der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Ägypten. Ahmed Schafik, ein Mubarak-Überbleibsel, und Mohammed Mursi Mosi, ein Muslimbruder, haben es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen in die zweite Runde geschafft. Mitte Juni werden sie zur Stichwahl antreten. Damit haben die Revolutionäre nicht gerechnet. "Die Muslimbrüder haben die Revolution verkauft, und Schafik hat Blut an den Händen. Wie können wir da wählen?", fragt Rana.

Dabei sah es am Freitagnachmittag, als die Stimmen ausgezählt wurden, zeitweise anders aus. Hamdin Sabahi, der nationalistische Präsidentschaftskandidat, der von vielen Revolutionären unterstützt wird, lag streckenweise vor Schafik. Bei Rana Gaber lagen die Nerven blank.

Schafik – Wunschkandidat des Militärs

Ahmed Shafik (Foto: dpa)

Mubaraks "dritter Sohn": Ex-Premierminister Ahmed Shafik

Am Ende hat es dann aber doch für Ahmed Schafik gereicht, für den Mann, der Mubaraks letzter Premierminister war und den dieser seinen "dritten Sohn" nannte. Schafik ist unter den Revolutionären besonders verhasst. Während er im Amt war, wurde der Tahrir-Platz zu Beginn der Revolution von bezahlten Schlägertrupps überfallen - ein Blutbad.

Zudem ist er der Wunschpräsident des Militärs: Unter ihm sind der Armee weiterhin Privilegien sicher. Schafik ist auch der einzige Präsidentschaftskandidat, der es nicht für nötig hielt, ein Programm aufzustellen. Dennoch erhielt er knapp 25 Prozent der Wählerstimmen. Auch die von Ragab Madbuli: "Er bringt Sicherheit, und er hat Erfahrung", sagt Ragab. "Das ist das Wichtigste in einer Übergangsphase."

Mit Mursi hätten die Muslimbrüder alle Macht

Kandidat der Muslimbruderschaft: Mohammed Mursi Morsi (Foto:Fredrik Persson/AP/dapd)

Kandidat der Muslimbruderschaft: Mohammed Mursi

Stabilität will auch der Muslimbruder Mursi zurückbringen. Er hat die meisten Stimmen erhalten, nach Hochrechnungen der ägyptischen Nachrichtenagentur MENA 25,3 Prozent. Für die Muslimbrüder ist das kein überragendes Ergebnis. Bei den Parlamentswahlen im Januar hatten sie noch die Hälfte der Wähler überzeugt, doppelt so viele wie dieses Mal. Das Vertrauen in die Muslimbrüder ist gesunken, sie scheinen keine Antworten auf soziale Fragen anzubieten, sondern nur ihre Macht ausweiten zu wollen.

Wenn Mursi Präsident wird, wäre Ägypten die erste Muslimbrüder-Republik. Bereits jetzt dominieren sie das Parlament. Und damit auch der Einzug in den Präsidenten-Palast gelingt, geben sie alles: Sie wollen gemeinsam mit den Revolutionären gegen das alte Regime antreten. "Wir müssen gemeinsam kämpfen", sagt Sayed Mustafa, "die Revolutionäre gegen die Konterrevolutionäre, gegen das alte Regime."

Angst vor den Islamisten

Einfach wird das nicht. Viele Säkulare haben Angst vor einem von Islamisten regierten Land. Doch es gibt noch viele weitere Stimmen zu holen.

Auf Platz drei der ersten Runde landete der Nationalist Hamdin Sabahi, hinter ihm der liberale Ex-Muslimbruder Aboul Fottouh, Nummer fünf ist Amr Moussa. Viele Revolutionäre, Liberale, Säkulare und Linke haben Hamdin Sabahi und Aboul Fottouh gewählt, insgesamt 40 Prozent der Stimmberechtigten.

Stimmenauszählung in einem Wahlbüro (Foto:Fredrik Persson/AP/dapd)

Stimmenauszählung nach der Wahl

Die Revolutionäre werfen Sabahi und Aboul Fottouh vor, zu egoistisch gewesen zu sein: Wäre einer der beiden rechtzeitig zurückgetreten, wäre es für den andere möglich gewesen, alle liberalen, säkularen und linken Stimmen zu bündeln und in die Stichwahl zu ziehen.

Revolutionäre und Liberale als Königsmacher

Um die Gunst dieser 40 Prozent buhlt nun vor allem Mursi. Er verhandelt mit Sabahi und Aboul Fottouh, dass sie eine Wahlempfehlung für ihn abgeben. Und die Liberalen Kandidaten können auf viele Zugeständnisse hoffen. Denn um jeden Preis will Mursi Präsident werden. Nun liegt es am Verhandlungsgeschick von Sabahi und Aboul Fottouh, bereits jetzt die Weichen für eine liberalere Politik der Muslimbrüderschaft zu stellen.

Unter diesen Umständen wäre auch die Revolutionären Rana bereit, die Muslimbrüder zu wählen - nur nicht das blutige alte Regime: "Wenn sie uns Zugeständnisse machen, dann würde ich mit Vorbehalt für sie stimmen, gegen das alte Regime."

In den nächsten Tagen wird in Kairo wohl viel verhandelt werden, und dann kann der Wahlkampf wieder von vorne beginnen. Für Rana jedenfalls steht jetzt schon fest: Egal, wer Präsident wird - sie wird wieder gegen ihn demonstrieren.

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