Muslimbrüder zwischen Glaube und Zorn | Nahost | DW | 22.08.2013
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Nahost

Muslimbrüder zwischen Glaube und Zorn

Die Massaker der Armee an Muslimbüdern hat die Fronten in Ägypten weiter verhärtet. Derzeit streitet die Bruderschaft über ihr weiteres Vorgehen. Die Chancen für einen politischen Dialog schwinden.

Identität leitet sich aus der Geschichte ab. Mit Blick auf die Lage in Ägypten bietet es sich an, die Historie der Muslimbrüder noch einmal Revue passieren zu lassen. Die wichtigsten Stationen sind schnell aufgezählt: Die Entstehung der Bewegung der Muslimbrüder 1928 unter dem Eindruck der kurz zuvor zu Ende gegangenen britischen Kolonialherrschaft. Die Opposition gegen den 1952 abgesetzten König Faruk. Danach der Widerstand gegen die von General Abdel Nasser begründete und seinen Nachfolgern übernommene Vorherrschaft des Militärs und die daraus entstandene Bedrängnis: das Leben in Untergrund und Exil.

Die "Herrschaft der Panzer"

Es ist eine Geschichte des gesellschaftlichen und politischen Engagements, die Mahmud Razlan, Mitglied im Führungsbüro der Muslimbruderschaft, dieser Tage in der zur Bewegung gehörenden Internetzeitung "ihhwanonline" nachzeichnet. Aus dieser Geschichte leitet er auch die gegenwärtige Situation der Bruderschaft ab. Einmal mehr, so stellt Razlan es dar, sind die Muslimbrüder in Bedrängnis geraten. Und einmal mehr liege die Verantwortung dafür beim Militär. Denn dessen Führung habe die demokratisch legitimierte Ordnung erneut aus den Angeln gehoben.

Die Muslimbrüder, stellt Razlan fest, seien bei den Parlamentswahlen zum Jahreswechsel 2011/12 mit großer Mehrheit gewählt worden. Darum seien sie demokratisch legitimiert. "Aber jene, die die Demokratie fürchten und den an den Wahlurnen zum Ausdruck gebrachten Volkswillen ablehnen, haben sich zum Putsch gegen die Legitimität und die Entscheidung der Bevölkerung verschworen. Sie zwangen sie mit Panzern in die Knie und nötigten ihr ihre Herrschaft auf."

Ein Ägypter geht in Kairo an Plakaten vorbei, die die Absetzung Mohammed Mursis fordern. (Foto: AP Photo/Amr Nabil)

Abgesetzt: Der Muslimbruder Mohammed Mursi

Die Geschichte, die Razlan erzählt, ist korrekt - einerseits. Andererseits erzählt sie nach Einschätzung vieler Kritiker nur die halbe Wahrheit.

Die Muslimbrüder hätten sich konstant über die Vorstellungen weiter Teile der Bevölkerung hinweggesetzt, schreibt etwa die Zeitung "Al masry al youm". Das hätte schließlich zu ihrem Sturz geführt - was die Bewegung dann wiederum veranlasst habe, sich noch weiter zu kriminalisieren. "Sie pflegen kriminelle Praktiken, verhalten sich wie Fremde oder Invasoren und sehen nicht, dass sie den Staat und die Bevölkerung gegen sich haben. Sie sehen sich als gottgesandte Gruppe, während alle anderen sich irren." Darum, folgert die Zeitung, sollten die Ägypter ihren Staat mit allen Mitteln verteidigen und Polizei und Armee in der Auseinandersetzung unterstützen.

Ein breites ideologisches Feld

Aufforderungen wie diese liest man derzeit häufig in ägyptischen Tageszeitungen. Sie, vor allem aber der ihnen vorausgegangene Putsch gegen Mursi, hätten die Muslimbrüder unausweichlich radikalisiert, erläutert die am Londoner Chatham House lehrende Politologin Maha Azzam im Gespräch mit der DW. Denn das Militär habe eine legitime Regierung mit Gewalt von der Macht gedrängt. "So haben die moderaten Islamisten vor allem eine Botschaft zur Kenntnis genommen: Obwohl Ihr die demokratischen Spielregeln akzeptiert, werden wir euch nicht erlauben, an der Macht zu bleiben."

Anhänger der Muslimbrüder während einer Demonstration in Kairo am 17.08.2013 (Foto: NurPhoto)

Bedrängt: Anhänger der Muslimbrüder während einer Demonstration

Doch der Putsch habe die Muslimbrüder nicht nur radikalisiert, erläutert der an der Universität Münster lehrende Islamwissenschaftler Ahmed Abd-Elsalam. Er habe der Bewegung auch neue Sympathisanten zugetragen. Rekrutierten sich die Anhänger der Muslimbrüder vor dem Putsch vor allem aus frommen islamischen Kreisen, hätten sich ihnen danach viele Menschen vor allem aus politischen Gründen angeschlossen. "Viele Ägypter kamen zu der Überzeugung, dass der Putsch gegen Mursi von ehemaligen Vertretern des Mubarak-Regimes ausgegangen ist. Sie sahen darin auch einen Putsch gegen die Demokratie und ein legal gewähltes Regime."

Verbindungen zum Terrorismus

Allerdings zählten die Muslimbrüder auch Fundamentalisten zu ihren Mitgliedern. "Teile der Muslimbrüder folgen einem dhschihadistischen Programm, das allerdings nicht so ausgeprägt ist wie bei den salafistisch ausgerichteten Dschihadisten. Diese haben Rache für Mursis Absetzung geschworen", so Abd-Elsalam gegenüber der DW. Diese Gruppen hätten weitreichende Verbindungen - auch auf die Sinai-Halbinsel, wo islamistische Terroristen zuletzt 24 Polizisten töteten. "Dieser fanatische und gewaltbereite Flügel war auch an den Ausschreitungen in verschiedenen ägyptischen Städten der letzten Tage beteiligt."

Mohammed Badie, der unter Hausaarrest gestellte Führer der Muslimbrüder (Foto: REUTERS)

Unter Hausarrest: Mohamed Badie, der Führer der Muslimbrüder

Für diesen Freitag (23.08.2013) haben die Muslimbrüder - wie auch ihre politischen Gegner auf Seiten des Militärs - weitere Demonstrationen angekündigt. Dass diese friedlich verlaufen werden, ist unwahrscheinlich. Denn die Muslimbrüder hätten wenig Anlass, sich mit der Entwicklung der letzten Tage und Wochen zufriedenzugeben, erläutert die Politikwissenschaftlerin Maha Azam. "Wenn sie jetzt sehen, dass ihre Gegner ihnen keinen Raum geben wollen und dabei auch noch massive Unterstützung durch ihre eigenen Anhänger erfahren, dann muss man befürchten, dass einige dieser Leute sich radikalisieren und den demokratischen Prozess insgesamt zurückweisen werden."

Sorge um politische Kultur

Das Militär dürfte darauf mit der gewohnten Härte reagieren. Doch dies werde - wie auch die Verhaftungswellen der letzten Wochen - die Muslimbrüder nicht von der politischen Bühne verschwinden lassen, vermutet Abd-Elsalam. Das Spektrum der Muslimbrüder umfasse radikale ebenso wie gemäßigte Kräfte. Derzeit würden nur bestimmte Gruppierungen innerhalb der Bewegung vom Staat verfolgt. "Die Muslimbrüder werden weiter existieren. Sie werden vermutlich auch weiterhin politisch agieren können."

Wie sich die politische Kultur, in den kommenden Wochen entwickeln wird, ist ungewiss. Die in London und Beirut erscheinende Tageszeitung "Al Hayat" hegt keine sonderlich optimistischen Erwartungen. Sie hält sowohl Muslimbrüder als auch Militärs derzeit für wenig dialogfähig: "Jede Partei will das Maximum ihrer politischen Vorstellungen erreichen, ungeachtet der Kohärenz ihrer Positionen. Das ist Absolutismus und Anmaßung, aber auf keinen Fall Politik."

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