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Deutschland

Musizieren für den guten Zweck

Die Wirtschaftskrise setzt auch die über 16.400 deutschen Stiftungen unter Druck. Ihr Bundesverband rechnet mit weniger Neugründungen und Geld. Wie wichtig ihre Arbeit ist, zeigt das Beispiel der Yehudi-Menuhin-Stiftung.

Yehudin Menuhin mit Kindern (Foto: Stiftung)

Der 1999 verstorbene Stiftungsgründer Yehudin Menuhin in Aktion

Menschenfreund, Menschheitslehrer, Botschafter der Humanität, Lichtgestalt, Weltgewissen. So und ähnlich haben Politiker, Künstler, Journalisten und Wissenschaftler den begnadeten amerikanischen Geiger Yehudi Menuhin genannt. Noch in seinem Todesjahr 1999 gründete er in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt den deutschen Ableger seiner Stiftung, um das Programm MUS-E in Deutschland zu verbreiten. Dabei steht die Abkürzung MUS-E für "music for schools in europe".

Ziel des Programms ist es, über die Arbeit mit Künstlern die Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen zu entfalten, ihre Kreativität und künstlerische Ausdrucksfähigkeit zu fördern und so ihre soziale Kompetenz zu stärken, erklärt der Geschäftsführer der Stiftung, Winfried Kneip. "Das MUS-E-Programm ist die konkrete Umsetzung des Stiftungszwecks." Den beschrieb der Stiftungsgründer, Yehudi Menuhin, in den 1990er Jahren mit dem Wunsch, die Umweltbedingungen von Kindern und Jugendlichen durch den Einfluss der Künste verbessern zu wollen.

Jede Woche eine Doppelstunde MUS-E

Kinder (Foto: Stiftung)

Kinder im Unterricht, die am MUS-E-Programm teilnehmen

Dazu geben Künstler aus Theater, Tanz, Musik und bildender Kunst einmal pro Woche zwei Schulstunden im Kernbereich des Unterrichts unter Mitwirkung der Klassenlehrer. Sie tun dies vorzugsweise an rund 700 Grundschulen, weil Menuhin, der selbst sehr früh das Geigespielen erlernte, der Überzeugung war, dass man nicht früh genug mit einer musischen Förderung beginnen könne. Dabei hatte der "Engel auf Erden", wie er in einem Nachruf einst genannt wurde, vor allem die sozial Schwachen und Benachteiligten im Auge, erläutert Winfried Kneip weiter: "Es war ihm ganz besonders wichtig, dass mit den Kindern begonnen wird, die sonst keinen Kontakt zu Kultur haben und die eine in der Regel bildungsferne Schicht besetzen." Damit spricht Kneip vor allem die Kinder an, die in sozialen Brennpunkten aufwachsen.

Um das zu realisieren, benötigt die Yehudi Menuhin Stiftung rund 3,2 Millionen Euro im Jahr. Davon müssen unter anderem die 25 festen Stiftungsmitarbeiter sowie etwa 250 freiberuflich arbeitende Künstler bezahlt werden. Da die Stiftung nicht auf staatliche Unterstützung setzen kann, muss das Geld aus anderen Quellen kommen, wie Winfried Kneip erklärt: "Die Yehudi Menuhin Stiftung selber ist eine operativ tätige Stiftung. Wir haben ein Stammkapital, was es uns ermöglicht hat, diese Form der Stiftung zu wählen." Allerdings, schränkt Kneip ein, verfügt die Stiftung über keine finanziellen Mittel, um eigenständig ihre Projekte und Programme umsetzen zu können. "Deshalb sind wir auf Förderer angewiesen", so Kneip weiter.

Mit viel Engagement dabei

Winfried Kneip (Foto: Frank Gazon)

Geschäftsführer Winfried Kneip

Doch von diesen Problemen bekommen die rund 18.000 in Deutschland geförderten Kinder zum Glück nichts mit. Sie können sich voll auf die Arbeit mit den besonders geschulten Künstlern konzentrieren und freuen, was in einzelnen Fällen aber auch schon mal ein bisschen länger dauern kann, wie die Chefkoordinatorin Kirsten Scherwitz erzählt.

Sie und ihre Mitarbeiter sind sozusagen das Bindeglied zwischen Künstlern und Stiftung: "Für manche Kinder ist es eine Herausforderung, weil zum Beispiel vor allem Jungs in der 4. Klasse bei der Vorstellung, mit einem klassischen Tänzer zu arbeiten, Vorbehalte haben." Aber nur anfangs, denn wenn die ersten Hemmungen einmal überwunden sind, kommen die Kinder mit wachsender Begeisterung zum MUS-E-Unterricht, weiß die studierte Pädagogin aus Erfahrung: "Viele Kinder sind regelrecht traurig und enttäuscht, wenn ein MUS-E-Künstler mal krank ist und die Stunde nicht stattfinden kann."

Selbstbewusstsein stärken

Kinder (Foto: Stiftung)

Menuhin war fest von der völkerverständigen Kraft seiner Idee überzeugt

Allein dafür hätte sich der große Aufwand der gemeinnützigen Stiftung schon gelohnt. Aber es gibt noch weitere positive Auswirkungen, die ganz im Sinne des Stiftungsgründers sind. Denn Menuhin war fest von der völkerverständigenden Kraft seiner Idee überzeugt. Als Musiker wusste er viel vom Segen, sich künstlerisch ausdrücken zu können, und er war tief davon überzeugt: Wer sich der Musik, der Kunst und der Kultur verschiedener Nationen zuwendet, begegnet den Menschen nicht mehr als Fremder.

So sind es häufig gerade ausländische Kinder mit Sprachdefiziten, die durch die MUS-E-Stunden Selbstbewusstsein entwickeln, erklärt Kirsten Scherwitz: "Kinder, die sonst keine Erfolgserlebnisse in den klassischen Schulfächern haben, tun sich in MUS-E in der Regel hervor." Denn in diesen beiden Stunden können sie zeigen, wozu sie fähig sind. Ein Erlebnis, das ihr Selbstbewusstsein fördert und damit der gesamten Gesellschaft dient.

Autor: Frank Gazon

Redaktion: Dirk Eckert

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