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Musik

Musizieren über alle Grenzen hinweg

Ein Jugendorchester in Guatemala will die talentiertesten Musikschüler des Landes fördern und dabei gleichzeitig alle ethnischen und sozialen Unterschiede überbrücken. Das Experiment läuft gut an.

Guatemala ist ein Land, das noch unter den Folgen des Bürgerkriegs leidet. Zu den Maßnahmen, die der Staat und Hilfsorganisationen ergreifen, um dort Beriedung und Erneuerung zu fördern, gehört auch die Musik.

2012 wurde das Nationale Interkulturelle Jugendorchester (ONJI) aus der Taufe gehoben. Ziel dieses Projektes ist es, die talentiertesten jungen Musikschüler aus verschiedenen sozialen Schichten und Ethnien zusammenzubringen. Rund 60 Prozent der Bevölkerung in Guatemala gehören zu den Mayas oder anderen indigenen Völkern.

Den Zusammenhalt stärken

"Ein Orchester hat normalerweise das Ziel, ein Repertoire zu beherrschen und es dann gemeinsam aufzuführen. In unserem Fall wollen wir darüber hinaus Jugendliche aus verschiedenen Kulturen und Gegenden unseres Landes zusammenbringen", bekräftigt Martín Corleto, Direktor des ONJI. Der guatemaltekische Musiker hat in seiner langen beruflichen Laufbahn schon häufig mit Jugendlichen verschiedener Nationen gearbeitet und ist für die Aufgabe prädestiniert.

Nigel Shore, englischer Musikdozent aus Berlin, Dirigent Martin Corleto und Musikerin Rosario Saquín Foto: Óscar Gómez-Barrios

Musikdozent Nigel Shore aus Berlin (links) unterstützte Dirgent Corleto und die Musiker bei den Proben

"Das Wichtigste an diesem Projekt ist der interkulturelle Ansatz. Jemand aus dem Hinterland, der Jahre lang Musik studiert hat, hat hier die gleichen Chancen. Für uns ist entscheidend, dass er auf dasselbe Niveau eines Städters kommt", betont Diana Herrera von der Konrad Adenauer-Stiftung, die das Orchester maßgeblich unterstützt. Interkulturalität wird in diesem Fall nicht Nationen übergreifend verstanden, sondern bezieht sich ebenso auf das Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land wie auf die großen Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Ethnien in Guatemala.

Künstlerische Berufung ist aber für die Initiatoren des Musikprojektes kein Privileg der Hauptstädter; die meisten jungen Musiker im Orchester stammen aus dem Hinterland. Talentsucher haben den Nachwuchs für das ONJI in Dorfschulen und künstlerisch ambitionierten Gemeindezentren, die bis dahin auf sich allein gestellt waren, gesucht und gefunden. Was nicht heißt, dass nicht auch der ein oder andere Jugendliche aus Guatemala City mit von der Partie ist.

Verliebt in die Geige

Das ONIJ - Jugendorchester Guatemala Foto: Óscar Gómez-Barrios

Gemeinsames Musizieren überwindet kulturelle Barrieren

Eladio Roquel ist 18 Jahre alt und stammt aus dem Dorf San Juan Comalapa im Departament Chimaltenango. Seit seinem sechsten Lebensjahr spielt er Geige. Er habe sich in dem Moment in den Klang des Instruments verliebt, als jemand es in seiner Schule vorspielte, erzählt er. So bewegt sei er gewesen, dass er alles daran setzte, selbst Geige zu lernen. Wenn er gefragt wird, warum ein so junger Mann ausgerechnet Klassik spiele, ist seine Antwort eindeutig: "Ich mag akademische Musik, denn man muss sich beim Spielen sehr konzentrieren. Mit dieser Musik kann man hervorragend seine Gefühle ausdrücken, und sie hilft dabei, die Kunstfertigkeit besser zu entwickeln." Er sei dank Maestro Corleto beim ONIJ gelandet, freut sich Eladio. Bei der Suche nach Talenten war der Leiter des Jugendorchesters auch in seinem Dorf vorbeigekommen und hatte den Jungen entdeckt.

Der Initiator

Er ist groß und nordisch, und sein starker deutscher Akzent lässt kaum vermuten, dass er eigentlich Guatemalteke ist - von Geburt und aus Leidenschaft. Die Rede ist von Arnold Küstermann, der viel persönliches Herzblut und soziales Engagement in das Land einbringt. Seine vier Geschwister leben in Deutschland, er selbst ist vernarrt in Guatemala. "Ich bin dort geboren. Meine Eltern sind Deutsche, und ich bin auch in Deutschland zur Schule gegangen. Aber seit 1951 lebe ich wieder in Guatemala und fühle mich als Teil der Kultur und der Gesellschaft," betont der ONJI-Förderer.

Arnoldo Küstermann, Außenminister Luis Fernando Carrera und der deutsche Botschafter Matthias Sonn mit ihren Frauen Foto: Óscar Gómez-Barrios

Arnoldo Küstermann, Außenminister Luis Fernando Carrera und der deutsche Botschafter Matthias Sonn besuchten mit ihren Frauen ein Konzert des ONJI

Küstermann hat sich zur Aufgabe gemacht, das Jugendorchester-Projekt voranzutreiben und auf diese Weise die demokratische Entwicklung im Land zu stärken. Dabei baut er sowohl auf seine deutschen als auch auf seine guatemaltekischen Kontakte. "Wir haben uns Venezuela und andere Länder zum Vorbild genommen. Dort unterstützt man die Jugend dabei, sich künstlerisch zu betätigen und wirkt so gleichzeitig kriminellen Aktivitäten entgegen," erzählt Küstermann. Seit Jahrzehnten fördert der engagierte Deutsch-Guatemalteke zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen über die sozialen Probleme Guatemalas.

Unterstützung von mehreren Seiten

Gleich mehrere Institutionen unterstützen den Aufbau des Interkulturellen Nationalen Jugendorchesters: das Bildungs- und Arbeitsministerium, das Ministerium für Soziales, Kultur und Sport, die Deutsche Botschaft in Guatemala, die Konrad-Adenauer-Stiftung und der Verband für soziale Studien (ASIES).

"Dank solcher Orchester hilft uns die Kunst dabei, ein Guatemala aufzubauen, das wir uns alle wünschen: interkulturell, geschlossen und mit gemeinsamen Zielen", meint ASIES-Direktorin Raquel Zelaya. Und der deutsche Botschafter Matthias Sonn ergänzt: "Die Energie dieser Jugendlichen gibt Anlass zur Hoffnung. Die Gruppe setzt sich sehr unterschiedlich zusammen, aber die Dynamik ist wohltuend beeindruckend."