1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Afrika

Musiktheater macht Straßenkindern Mut

Es ist ein bemerkenswertes Projekt in Kinshasa: Im Ausbildungszentrum Espace Masolo lernen Straßenkinder ein Musikinstrument und spielen Theater. Was Jungen und Mädchen, die keiner haben will, Selbstbewusstsein gibt.

Straßenkind aus der Blaskapelle Fanfare Masolo (Foto: Simon)

Probt eifrig: die Blaskapelle "Fanfare Masolo"

Wenn die Fanfare Masolo probt, scheppert das ganze Viertel. Die Blaskapelle ist ein einzigartiges Projekt für Straßenkinder in Kinshasa. Die Kinder, die hier ein Instrument lernen, sind meist von zu Hause fortgejagt worden. Zum Beispiel der 12-jährige Dieu Merci. Vor drei Jahren ist seine Mutter gestorben, erzählt er. Seine Tante habe ihn dann auf die Straße geschickt. Er müsse jetzt selber für sich sorgen.

Kinder, die keiner haben will

Die jungen Musiker der Gruppe Fanfare Masolo (Foto: Simon)

Singen und spielen in der Gruppe: Straßenkinder lernen ein Musikinstrument

Im Espace Masolo hat der Junge ein neues Zuhause gefunden. In dem Ausbildungszentrum für ehemalige Straßenkinder bekommen Kinder wie Dieu Merci eine warme Mahlzeit, lernen etwas lesen und schreiben, und vor allem lernen sie ein Musikinstrument. Ausserdem ist das Espace Masolo eine der wenigen Anlaufstellen für internationale Kulturschaffende, die sich im Kongo engagieren wollen. Jedes Jahr kommen Künstler aus Europa, um Theaterprojekte mit den Kindern zu entwickeln. Die Regisseurin Stefanie Oberhoff ist schon zum neunten Mal hier. Die Probleme, mit denen sie konfrontiert wird, sind jedesmal dieselben: Stromausfall ist der Normalzustand, Wasser fließt nur wenige Stunden am Tag, und in Kinshasa ein ruhiges Fleckchen zu finden, an dem man in Ruhe arbeiten kann, ist eine enorme Herausforderung.

Ein Land am Abgrund

Tänzerin des Espace-Masolo-Theaters auf der Bühne

Tanz und Gesang: Kinder lernen das Improvisieren

Geprobt wird in einem stillgelegten Theater, das auf den ersten Blick kaum als solches zu erkennen ist. Der Boden des Zuschauerraums besteht aus Sand und Staub, die Bühne liegt komplett im Dunkeln, nur durch einige Löcher in der Betonwand fällt etwas Licht. Ohne Strom sind die großen Scheinwerfer nutzlos. Und wie hier sieht es in der gesamten Demokratischen Republik Kongo aus: Die Infrastruktur liegt am Boden. Kinshasa ist eine Millionenstadt ohne Müllabfuhr. In dem Musik-Theaterstück, das Stefanie Oberhoff und ihre Mitstreiter mit den Kindern entwickeln, geht es um die Gründe für den katastrophalen Zustand des Landes: Um die blutige Kolonialgeschichte und die über 30-jährige Terrorherrschaft des Diktators Mobutu.

Theater als Lehrstunde in Kolonialgeschichte

Ein junger Schauspieler im Theaterstück King Kongo (Foto: Simon)

Lernen und schauspielern: im Theaterstück "King Kongo"

Lambert Mousseka, Schauspieler und Ehemann der Regisseurin Stefanie Oberhoff, ist selber Kongolese. Er möchte den Kindern durch das Theaterstück die eigene Geschichte näherbringen. Von der grausamen Vergangenheit ihres Landes haben die meisten der Jugendlichen erst bei den Proben erfahren. Dass der Kongo vor gerade einmal 100 Jahren im Privatbesitz eines belgischen Königs namens Leopold II. war, wusste hier keiner.

Aus Straßenkindern werden Bühnenstars

Das Theaterstück "King Kongo“ erzählt die Geschichte des Landes wie ein Märchen. Aber die Kinder haben verstanden, dass die Handlung keine Fiktion ist. Und sie scheinen auch zu begreifen, dass ihre eigenen miserablen Lebensumstände damit zu tun haben, dass einst ein weißer König ihren Vorfahren das Land gestohlen hat. Die meisten macht das eher fassungslos als wütend. Aber auf der Bühne strotzen die jungen Schauspieler vor Selbstbewusstsein. Es ist erstaunlich, wie schnell die Kinder, die noch nie im Theater waren, geschweige denn selbst auf einer Bühne standen, ins Improvisieren finden. Sie lernen, sich aufeinander zu verlassen, und dass jede Rolle wichtig ist. Und vielleicht ist das der größte Erfolg des Projektes: Dass die Kinder, die keiner haben wollte, hier die Erfahrung machen, jemand zu sein.

Autorin: Eva Simon

Redaktion: Klaudia Pape