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Livemusik und Bierkonsum

Musikfestivals ohne Alkohol? Litauen geht voran

In dem baltischen Land wird weltweit am meisten getrunken. Jetzt sagt Litauen dem Alkohol den Kampf an: Ein neues Gesetz verbietet Werbung und reduziert den Ausschank bei Konzerten. Ein Vorbild für andere Länder?

Lady Gaga, die Red Hot Chili Peppers oder The xx - in den vergangenen fünf Jahren haben einige große Acts Litauen zum ersten Mal einen Besuch abgestattet und waren selbstverständlich ausverkauft. Seit dem Ende der Sowjetunion hat sich das kleine baltische Land als Gastgeber für den westlichen Musikmarkt behauptet. Einen nicht unbedeutenden Anteil daran hatten internationale Bierkonzerne, die diese Konzerte nutzten, um ein junges Publikum zu erreichen. Aber ein neues Gesetz, das Alkoholkonsum künftig erst ab 20 Jahren erlaubt, wird diese Art der Werbung künftig beeinträchtigen. 

Bierhersteller sind wichtige Sponsoren 

"Ohne die Sponsoren hätten wir Künstler wie Ellie Goulding, Moderat oder Nicolas Jaar niemals nach Vilnius einladen können. Und Bierkonzerne waren nun mal die einzigen, die bereit waren, diese Musik zu unterstützen", sagt Victoras Diawara, Musiker und Direktor von Loftas, einer der geschäftigsten Musikclubs in Vilnius, der auch ein eigenes Musikfestival organisiert.

"Ich erinnere mich noch an mein erstes Konzert, das war 1991: AC/DC. Da waren auch ultra-religiöse Gruppen, die Flyer verteilten, auf denen stand, dass Konzertbesucher in der Hölle schmoren würden. Und das nur, weil die Lieder 'Highway to Hell' oder 'Hell Bells' hießen. Irgendwie ist das heute ganz ähnlich, mit der Einstellung dem Alkohol gegenüber", meint Diawara. "Natürlich hat Litauen ein massives Alkoholproblem und wir müssen da was tun. Aber ich glaube nicht, dass eine solch radikale Politik funktioniert. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, dort kann man schon mit 16 legal Bier trinken. Aber wenn mir jemand sagen würde, die Deutschen, das seien doch alles Alkoholiker, da würde ich absolut widersprechen."

Konzerte und Alkohol - ein unzertrennliches Paar?

Offensichtlich gehören Bier und Live-Musik bisher zusammen - nicht nur kulturell sondern auch finanziell. Viele führende Musikfestivals in Europa wie beispielsweise Rock am Ring in der Eifel, das am 02. Juni startet, oder Roskilde in Dänemark werden von Bierkonzernen gesponsert. Open'er, das größte Open-Air-Festival in Polen, hat sich erst kürzlich von seinem früheren Namen "Heineken Open'er" getrennt. 

Lady Gaga und Elton John posieren vor der Kamera, Lady Gaga hat ihren Arm um Elton John gelegt. (Foto: Getty Images/P. Le Segretain)

Der Alkoholverkauf ermöglichte es, auch teure Acts wie Lady Gaga oder Elton John nach Litauen zu holen

Aufklärung vs. Restriktionen

Organisatoren größerer Musikevents in Litauen haben die Sorge, dass sich das Land mit den Restriktionen ins eigene Fleisch schneidet, anstatt Vorbild für andere zu sein: "Jedes Konzert ist eine Mischkalkulation. Dazu gehören auch die Einnahmen aus den Verkäufen von Bier und anderen alkoholischen Getränken. Wenn der Alkoholverkauf eingeschränkt oder gar verboten wird, müssen die Organisatoren die Ticketpreise erhöhen", erklärt Aleksandras Karablikovas, Leiter der Firma "Live Nation Lithuania", die Konzerte von Popgrößen wie Lady Gaga, Depeche Mode oder Elton John in Litauen organisiert. "Ich glaube nicht, dass Restriktionen das Alkoholproblem in Litauen lösen. Aber sie werden auf jeden Fall den Musikmarkt beeinträchtigen. In den vergangenen fünf bis acht Jahren haben die Litauer ihren Lebensstil doch bereits geändert. Joggen ist eine Massensportart und viel mehr Menschen machen sich Gedanken über ihre Gesundheit. Da muss es hingehen - Menschen aufklären, so dass sie mehr Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen", sagt Karablikovas. 

Regierung: Neue Regelungen zum Alkoholkonsum müssen her

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) trinkt ein durchschnittlicher Litauer 18,2 Liter reinen Alkohol pro Jahr - doppelt so viel wie ein Spanier oder Schwede. Damit sind Litauer nicht nur in Europa die stärksten Trinker, sondern auch auf der Welt. Die OECD lieferte 2013 ähnliche Zahlen: Während der Alkoholkonsum in Europa langsam sank, stieg die Rate in Litauen schneller als in jedem anderen EU-Land während des vergangenen Jahrzehnts an. Grund für die neu regierende Koalition aus "Bund der Bauern" und "Grünen", die Alkoholpolitik umzukrempeln. Koalitionsführer Ramūnas Karbauskis verkündete stolz, er selbst habe in seinem Leben noch keinen Tropfen Alkohol getrunken.

Mehrere Menschen stoßen mit einem großen Glas Bier an (Foto: picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Deutsche trinken durchschnittlich 11,4 Liter reinen Alkohol im Jahr

Strengstes Alkoholgesetz in Europa

Laut dem Gesetz, das nun vom litauischen Parlament verabschiedet wurde, wird Alkoholwerbung ab kommendem Jahr verboten sein, das Mindestalter von 18 auf 20 angehoben und damit auch der Verkauf von Alkohol an unter 20-Jährige bei öffentlichen Veranstaltungen untersagt. Zudem wird der Verkauf künftig zeitlich beschränkt: montags bis samstags von 10 bis 20 Uhr und sonntags von 10 bis 15 Uhr anstatt, wie bislang, täglich von 8 bis 22 Uhr.

Auch in einem weiteren kleinen europäischen Land, in Island, gilt das Mindestalter von 20 Jahren. In den meisten Ländern auf dem Kontinent gilt jedoch das Mindestalter von 18, in Deutschland und einigen anderen Ländern dürfen Bier und Wein bereits ab 16 getrunken werden. Ähnliche Werbeverbote wie in Litauen gibt es nur in Norwegen, Frankreich und Russland, doch in dem baltischen Land sind die neuen Regelungen am restriktivsten.

Dalia Grybauskaitė (DW/V. Over)

Dalia Grybauskaitė, Litauens Präsidentin

Das verabschiedete Gesetz ist eine leicht abgeschwächte Version des Ursprungsentwurfs, der ein pauschales Alkoholverbot bei öffentlichen Veranstaltungen vorsah - unabhängig vom Alter. Bevor das Gesetz nun in Kraft tritt, muss noch Präsidentin Dalia Grybauskaitė in letzter Instanz zustimmen, wovon jedoch allgemein ausgegangen wird.

Menschen wollen selbst entscheiden können

Die Gesetzesinitiative ist umstritten: Mehr als 40 lokale Musikveranstalter und Künstler hatten einen offenen Brief unterschrieben, in dem sie das Parlament aufforderten, das Gesetz nicht zu verabschieden. Am 16. Mai spielten gar einige der größten Acts Litauens das kostenlose Konzert "Freedom for Rock 'n' Roll" neben dem Parlamentsgebäude und machten sich dafür stark, dass jeder selbst entscheiden kann, wie er feiern möchte - ob mit oder ohne Alkohol. Es war das erste große Protestkonzert seit den Demonstrationen gegen die Sowjetunion.

"Vor 27 Jahren war Rockmusik die größte Waffe der Freiheitskämpfer", schrieb Rimvydas Valatka, einflussreicher Kolumnist und einer der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung von 1990, auf Facebook. "Ich hätte nie gedacht, dass wir ein solches Konzert jemals brauchen würden, um uns gegen unsere eigene Regierung zu wenden."

Dass nun Alkohol nur noch an mindestens 20-Jährige verkauft werden darf, wird die Musikfestivals hart treffen. Nicht nur macht die Altersgruppe der 18 bis 20-Jährigen einen Großteil der Besucher aus, das Werbeverbot bedeutet auch einen Wegfall der wichtigsten Sponsoren. 

Festivals ohne Alkohol immer beliebter 

Es gibt aber auch Festivals, die ohne Sponsoren alkoholischer Getränke auskommen: So zum Beispiel "Butserfest", laut Veranstalter das größte drogenfreie Festival Großbritanniens, das bereits seit 2007 stattfindet. Bands wie You Me at Six und Young Guns traten hier schon auf. Auch Buddhafield, ein anderes britisches Festival, verzichtet darauf, Alkohol zu verkaufen. Das 1992 gegründete Fest basiert auf buddhistischen Werten und bittet daher die Besucher: "get into the spirit ... but leave the spirits at home" - "komm in die Stimmung, aber lass' den Sprit zu Hause". Das Festival zieht jährlich 1500 Menschen an.

Größere Festivals bemühen sich ebenfalls immer stärker ums alkoholfreie Feiern. Das US-amerikanische Bonnaroo Music and Arts Festival, das in diesem Jahr U2, The Weeknd und Lorde im Line-up hat, veranstaltet "Soberoo"-Treffen (von engl. sober - nüchtern) für diejenigen, die die Konzerte ohne Rausch erleben wollen. Zu jedem der vier täglichen Treffen kommen mehr als 50 Leute, von trockenen Alkoholikern und früheren Drogenabhängigen bis zu Menschen, denen es einfach nur um die Musik geht.

Jugendliche sitzen am Campingtisch bei Deutschland Rock im Park 2012. Daneben ist ein Stapel Bierdosen zu sehen (Foto: picture-alliance/dpa/D. Karmann )

Für die meisten gehört ein großer Alkoholvorrat beim Festival ganz selbstverständlich dazu

 Musik anders erlebbar

"Die Musik wirkt ganz anders, wenn du nüchtern bist", sagt Simonas Dailidė, Organisator des alkoholfreien Festivals "Varom!" in Litauen. "Ich war auf allen großen Festivals in Litauen und auch auf vielen internationalen: Es ist völlig unmöglich, dort nüchterne Menschen zu treffen, vor allem nachts. Und betrunkene Leute scheren sich nicht wirklich um die Musik."

Früher trank Dailidė selbst viel Alkohol, hatte es aber irgendwann satt. Daher rief er "Varom!" ins Leben, um zu beweisen, dass man so ein ganz neues Partyerlebnis haben kann. Seit seiner Gründung 2013 sind die meisten der wichtigsten Acts Litauens bei ihm aufgetreten. Niemand habe die Einladung ausgeschlagen, erzählt er.

Dailidė unterstützt auch die Pläne zur neuen Alkoholpolitik in Litauen. "In keinem anderen Land wird so viel getrunken wie bei uns. Wir können nicht bei anderen nach Lösungen suchen, wir müssen sie selbst finden. Litauen braucht einen drastischen Wechsel. Wenn wir das hinkriegen, werden wir ein globales Vorbild sein."

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