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Musik

Musikalischer Weltenbummler auf Tournee

Branford Marsalis gehört zur bekannten Marsalis-Dynastie aus New Orleans, er spielte Saxofon für Miles Davis und Sting. Jetzt geht der weltweit gefragte Solist mit einer neuen Scheibe im Gepäck auf Europatournee.

Rückblick: Hayti Heritage Center, Downtown Durham, im US-Bundesstaat North Carolina: Von außen ist das Gebäude eine schlichte, einschiffige, aus roten Backsteinen gebaute Kirche, innen gleicht das Gotteshaus eher einem kleinen Konzertsaal denn einem traditionellen Gebets- und Andachtsraum. Überall liegen Kabel herum, sind Mikrofone, Computer und LCD-Bildschirme aufgebaut.

Auf der Bühne spielen Branford Marsalis, Pianist Joey Calderazzo und Bassist Eric Rives. Drummer Justin Faulkner sitzt in einer weißen Schallkabine aus Rigips mit Guckfenster, um so Blickkontakt mit Bandleader Branford Marsalis zu halten. "Das Hayti Heritage Center ist ein wunderbares Aufnahmestudio", erklärt Marsalis. "Kein Dröhnen, keine dumpfe Akustik bei lauten und leisen Passagen."

Hier schlägt die Geburtsstunde des virtuosen Albums "Four MFs Playin’ Tunes", das neben ambitionierten Originalkompositionen der Bandmitglieder auch noch den Thelonious-Monk-Klassiker "Teo" und erfrischend aufbereitete Standards aus den 1930er Jahren bietet.

Bloß nicht proben

Marsalis vor dem Hayti Heritage Center (Copyright: Luis-Kilian Marek)

Marsalis vor dem Hayti Heritage Center

Bereits zum fünften Mal nahm das Quartett eine CD in dem Backsteinbau auf. In jedem Ton schwingt die Eigentümlichkeit des Ortes mit. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet Marsalis in Durham, er braucht nicht die ausgefeilte Technik der Studios in New York oder Los Angeles. Aber auch aus einem anderen Grund klingt das neue Album nicht wie eine perfekt designte, standardisierte Studioproduktion.

"Wir proben nicht", erklärt Marsalis, "denn Jazz ist eine sehr spezielle Musik mit einer eigenen Sprache. Und wenn man die verstanden hat, muss jeder für sich allein üben." Deswegen verzichtete der Jazz Echo Preisträger von 2010 auch beim neuen Album "Four MFs Playin’ Tunes" aufs gemeinsame Einspielen in die Songs. "Die Solos hätten sonst wie einstudiert geklungen", ist er überzeugt. "Wir hätten dann so gespielt, als wären wir auf alles vorbereitet gewesen, alles wäre alles geplant und vorhersagbar. Aber das wollte ich nicht."

Vorzeigestar des US-Jazz

CD Cover “Four MFs Playin’ Tunes” . Copyright: Emarcy Records (Universal)

Die neue CD: "Four MFs Playin’ Tunes"

Freundlich, eloquent und selbstbewusst: So kennt man Branford Marsalis. Auf der Bühne präsentiert er sich meist im eleganten schwarzen Anzug. Der mittlerweile 51-Jährige ist gelassen, er redet mit wenigen Gesten, und er weiß, was er will. Aus dem einstigen Vorzeigestar des US-amerikanischen Jazz, der bei Art Blakey und Miles Davis spielte, ist ein etablierter Tenor- und Sopransaxofonist geworden, dessen lässige Eleganz im Spiel sich vom ersten Ton an zeigt.

"Als Musiker musst du bereit sein, auf die Bühne zu gehen und eine Menge Fehler zu machen", sagt er. "Nur so lernt man, wie man wirklich Musik macht. Und du musst sehr selbstkritisch sein. Wenn ich auf der Bühne stehe, versuche immer herauszukriegen, was wir falsch machen und wie wir diese Probleme beseitigen können."

Musik ohne Grenzen

Marsalis war immer schon ein musikalischer Weltenbummler: als Popmusiker und Begleiter von Sting, als Filmkomponist für Regisseur Spike Lee, dann wieder in der Hausband des Late Night Talkers Jay Leno. Er spielte Interpretationen klassischer französischer Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts, fungierte aber auch als Bandleader des HipHop Cross Over-Projekts Buckshot LeFonque.

Branford Marsalis (Copyright: Tom Beetz @ http://home.hetnet.nl/~tbeetz/index.html)

Marsalis hält nichts von Proben

In den letzten Jahren widmet er sich wieder verstärkt dem Jazz und verzichtet dabei bewusst auf die vielfältigen Soundmöglichkeiten heutiger Studiotechnik: "Ich mag es lieber, wenn wir versuchen, aufeinander zu hören und einen eigenen Sound zu schaffen, als wenn wir von vornherein wissen, wo’s langgeht", sagt er. "Musik ist etwas Magisches, das in der Jetzt-Zeit passiert."

Marsalis Stärke sind Balladen, die wie klassische Musik klingen. In seinem Quartett verstehen sich die Musiker wortlos, man reagiert auf Blickkontakt und selbst der scheint nicht notwendig zu sein, wenn man ihnen zuschaut. Bis auf Drummer Justin Faulkner spielt das Quartett schon seit über zehn Jahren zusammen. Dabei sei nie die CD das Ziel, sondern der Auftritt, das Zusammenspiel, sagt Marsalis.

Klassik für Kinder

Ein Leuchten erstrahlt auf Marsalis Gesicht, wenn er über seine Vorstellungen spricht, was Jazz ist und welche Bedeutung klassische Musik für ihn hat. Seine Kinder hören seit ihrer Geburt klassische Klänge: "Die meisten Eltern machen ja den Fehler, ihren Kindern nur die Musik vorzuspielen, die sie selbst mögen. Und viele haben oft nur einen sehr beschränkten Geschmack", findet er. "Wenn Eltern wollen, dass ihre Kinder nur die Rolling Stones oder die Beatles hören, kannst du das nun mal nicht ändern."

Branford Marsalis auf der Bühne (ddp images/AP Photo/Kerry Maloney)

Bei Jazz und Klassik in seinem Element: Marsalis

Marsalis gerät ins Schwärmen, wenn er auf die Musikerziehung seiner Kinder zu sprechen kommt. Letztes Jahr wollte seine älteste Tochter Gustav Mahlers "Lied von der Erde" hören und davor Tschaikowskis "Nussknacker". Sie habe das wieder und wieder gehört, erzählt Marsalis in einer Mischung aus Überraschung und väterlichem Stolz.

Natürlich kennen seine Kinder auch Popmusik, hören Justin Biber und Lady Gaga. "Aber wissen Sie, was der Unterschied zur Kleinen Nachtmusik von Mozart ist?", fragt er und gibt die Antwort gleich selbst: "Sie erlaubt den Kindern, Phantasie zu entwickeln. Die Musik hilft ihnen, sich eine eigene Geschichte auszudenken." In Poplieder gäben die Texte den Inhalt vor, findet Marsalis. "Sie programmieren dich, das zu glauben, was andere Leute dir in ihren Liedern erzählen. Meine Kinder haben einen Riesenvorteil, weil sie Musik einfach anders hören als ihre Freunde."

Buchtipp:
Christian Broecking: "Der Marsalis Komplex". Broecking Verlag 2011, Berlin, 216 Seiten, 49,90 Euro

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