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Kultur

Musikalischer Angriff

Verrissen, verboten, verstummt? DW-Autorin Nadine Wójcik porträtiert fünf Künstler, die den Kampf mit der DDR-Zensur aufgenommen - und auf ihre persönliche Art gewonnen haben. Heute: die Jazzsängerin Angelika Weiz.

Die Jazz-Sängerin Angelika Weiz (Foto: dpa)

"Schon in der Schulzeit hat es angefangen. Da bekam ich als Sängerin unserer Schulband mein erstes Auftrittsverbot." Angelika Weiz lacht kurz auf, ihre volle Stimme erfüllt mühelos den Raum. Auf einem Schulfest hatten sie die Lehrer beim Rauchen erwischt. "Der Direktor sprach mir Spielverbot auf Lebenszeit aus. Was für ein Unsinn! Das Singen kann mir doch keiner verbieten, das geht doch gar nicht - und schon gar nicht auf Lebenszeit."

Ein anderer Beruf als der einer Sängerin kam für Angelika Weiz nie in Frage. Zwar macht sie nach der Schule sicherheitshalber erst einmal eine Ausbildung zur Fotografin und arbeitet eine Zeitlang. Doch schon bald darauf beginnt sie ein Gesangsstudium in Weimar, Abteilung Tanz- und Unterhaltungsmusik. Hier verfällt sie schnell der Jazz- und Bluesmusik, wird Sängerin in mehreren Bands und tritt in Studentenklubs auf.

Am Anfang war ein musikalischer Ritterschlag

Ihre volle Stimme spricht sich herum, und so werden auch die Produzenten des staatlichen Schallplattenlabels Amiga auf die Sängerin aufmerksam. Als in der Günther-Fischer-Band, einer der bekanntesten Jazzbands in der DDR, eine Sängerin gesucht wird, fragt Amiga bei Angelika Weiz an.

"Da ging's eigentlich richtig los für mich", erinnert sich Angelika Weiz. "Aber es war auch sehr anstrengend. Ich bin ja praktisch ins kalte Wasser gesprungen. Es war erstens eine Zeit des Lernens, zweitens hatten wir wirklich tolle Mucken, und drittens kannten mich plötzlich 'ne Menge Leute."

Zicken-Image: "Mit mir nicht!"

Angelika Weiz (Foto: privat)

Selbstbewusst und erfolgreich: Die Sängerin in den frühen 80ern

So tritt sie gemeinsam mit der Günther-Fischer-Band auch im "Palast der Republik" auf, dem größten Veranstaltungsort der DDR. Mit zunehmenden Erfolg wird Angelika Weiz auch selbstbewusster: "Vorher war ich immer lieb und brav. Aber bei den Proben im Palast habe ich gemerkt, wenn du jetzt nicht mal ein bisschen rumzickst, dann machen die mit dir, was sie wollen. Also habe ich mal an eener Stelle kurz rumgezickt, wo es eigentlich nichts zu zicken gab, und plötzlich hatte ich das Image, dass ich schwierig sei. Wunderbar! Das war mir sehr recht, denn mit manchen Sachen ist man mir einfach nicht gekommen. Es hat mich nie einer gefragt, ob ich mit einem FDJ-Hemd vor Erich Honecker auftrete."

Nach drei Jahren verlässt Angelika Weiz die Fischer-Band und gründet das Good Vibrations Orchestra. Sie macht ihre eigene Musik, eine ganz eigene Mischung aus Jazz und Rock – mit Texten in Englisch. Damit beginnt auch Angelika Weiz' Spießrutenlauf mit den Zensurbehörden.

"Texte in Englisch – um Gottes Willen!"

Ihre Auftritte hatten die Behörden zwar geduldet, doch als es darum geht, eine Platte aufzunehmen, erfährt sie die totale Blockade. Deutsch in der Popmusik sei eine kulturpolitische Errungenschaft, die lasse man sich nicht kaputtmachen, heißt es von Seiten des staatlichen Plattenlabels Amiga. Angelika Weiz und ihre Band knicken nicht ein. "Wenn Sie sich das nicht kaputt machen lassen, Ihre Errungenschaft, dann haben wir auch keine Gesprächsgrundlage, da brauchen wir doch gar nicht miteinander zu reden", kontert Weiz.

Obwohl ihr Amiga die Produktion einer eigenen Platte verwehrt, wird Angelika Weiz mit ihrer Band 1988 eingeladen, auf einem Popfestival aufzutreten, auf dem der Plattenpreis "Goldene Amiga" verliehen wird. Weiz nutzt die Gelegenheit und spricht bei ihrem Auftritt deutlich über ihre Probleme mit dem Label: "Morgen wird hier die 'Goldene Amiga' verliehen. Wir kriegen auch einen Preis, wir kriegen die 'Eiserne Amiga', weil Amiga eisern daran arbeitet, keine gemeinsame Sprache mit uns zu finden."

Im Publikum sitzen auch Mitarbeiter des Zentralkomitees. Kurz nach dem Festival erhält Angelika Weiz einen Anruf: Es solle nun doch eine Platte aufgenommen werden. "Endlich hatte ich meine englischen Liedtexte durchgesetzt!" Doch die lang ersehnte Zusage hat auch einen Haken: Zwei Titel müssen auf Deutsch sein. Und sie müssen sich zu den Gegebenheiten des Landes äußern.

"Unsre Heimat" – offene Kritik mit Hilfe eines Pionierliedes

"Mir war natürlich klar, dass ich mich nicht hinsetzen würde und etwas eigenes schreiben würde. Mir schwebte sofort vor, ein bekanntes Lied zu nehmen, dessen Inhalt im Laufe der Zeit eine neue Bedeutung bekommen hatte." Angelika Weiz stößt auf das Lied "Unsre Heimat", ein Lied, das 1951 für ein Pioniertreffen geschrieben wurde.

Junge Pioniere singen auf der Bühne (Foto: dpa)

Junge Pioniere in der DDR: "Für Frieden und Sozialismus seid bereit! - Immer bereit!"

Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
Unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld,
Und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde
Und die Fische im Fluss sind die Heimat.

Und wir lieben die Heimat, die schöne
Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
Weil sie unserem Volke gehört.


Für Angelika Weiz sind diese Zeilen in Hinsicht auf die drastischen Umweltverschmutzungen in der DDR bereits eine Art Protest. Doch diese versteckte Kritik reicht ihr noch nicht aus. Gemeinsam mit ihrem Komponisten und Pianisten Wolfgang Fiedler erweitertet sie das Lied:

Was ist denn von alledem geblieben,

Wo die schöne Heimat, die wir lieben,

Was soll denn geschehen,

Wenn uns die Träume vergehen, in dem Land der Paläste,

Wo wir jedes Jahr ein Stück von dem, was uns heilig war, verderben sehen,

Und was sollen wir unseren Kindern sagen,

Wenn sie uns nach ihrer Heimat fragen,

Ein jedes Volk schützt seine Welt,

Die ihm gehört, bis sie in Scherben fällt.

Angelika Weiz 'Heimat': Plattencover und Brief der Plattenfirma Amiga (Foto: privat)

"Ihre Bearbeitung des Liedes 'Unsere Heimat' […] akzeptieren wir aus politischen Gründen nicht."

Erste eigene Schallplatte muss auf die Wende warten

Die Platte geht in Produktion. Nächtelang sitzt die Band an der Mischung. Als die LP im März 1989 fertig ist, scheint zunächst alles gut zu gehen. Trotz der neuen kritischen Version von "Unsre Heimat" gibt das Lektorat seine Zustimmung. Doch dann wird es plötzlich still. Das Plattenlabel Amiga entschließt sich, die LP doch nicht zu veröffentlichen. Angelika Weiz wird vorgeworfen, ein Lied, das eine immense patriotische Bedeutung für die DDR habe, beschädigt zu haben. Die fertig produzierte Platte verschwindet in der Schublade.

Überrascht hat das die Sängerin nicht: "Ich hab die ganze Zeit gedacht, das kommt schon noch, und ich hätte gekämpft, aber dann kam die Wende. Mir wären schon noch ein paar Sachen eingefallen, um weiter zu pieken."

Nach der Wiedervereinigung bringt Angelika Weiz die Platte "Unsre Heimat" Anfang der 90er selbst heraus, doch ein Feedback, wie sie das noch zu Zeiten der DDR gewohnt war, bleibt aus. "Naja, von uns Ostlern wollte anfangs keiner was hören. Das war mir auch völlig verständlich, weil sich ja alle erst einmal umgucken und orientieren mussten."

Von Zensur befreit?

Angelika Weiz im Jahr 2002 bei einer Premiere im Friedrichstadtpalast (Foto: dpa)

Neue Vielfalt: Angelika Weiz im Berliner Friedrichstadtpalast

Nach der Wende bleibt sich Angelika Weiz treu. Ihre Band bleibt unter dem neuen Namen "Loud People" erhalten. Hinzu kommt das "Angelika Weiz Trio", das Gospelprojekt "United Voices" und mehrere Gastauftritte, etwa mit dem Filmorchester Babelsberg oder im Berliner Friedrichstadtpalast, dem bekanntesten Revue-Theater der ehemaligen DDR. Die neue Vielfalt befreit sie. Und doch gebe es nach der Wende weiterhin Beschränkungen: "Ich würde gern mehr Musik produzieren, aber da fehlen mir die finanziellen Mittel. Heute ist das Geld die Zensur."


Autorin: Nadine Wójcik
Redaktion: Ramón Garcia-Ziemsen

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