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Musik

Musikalische Glaubensfragen

Das Musikfest Stuttgart ist eines der größten Klassikevents im Südwesten Deutschlands. Seit vier Jahren präsentiert es sich mit einem festen Motto, diesmal stand das Thema "Glaube" im Fokus.

Für die Komponisten des 16. und 17. Jahrhunderts war es mitunter keine einfache Sache, ihrem Glauben musikalisch Ausdruck zu verleihen, denn in Zeiten von Reformation und Gegenreformation und den daraus resultierenden Kämpfen zwischen Katholiken und Protestanten konnte auch opportunes Komponieren gefährlich werden. Viele zogen sich in die innere Emigration zurück und schrieben heimlich für ihre Glaubensgenossen – immer von der Furcht begleitet, entdeckt zu werden.

Verfolgung und Exil

Der russische Komponist Alfred Schnittke Foto: @dpa

Alfred Schnittke wurde in der Sowjetunion wegen seiner Musik drangsaliert

In über 80 hochkarätigen Konzerten, ergänzt von Vorträgen, Symposien und Ausstellungen, widmete sich das Musikfest Stuttgart in diesem Jahr den Licht- und Schattenseiten des Themas 'Glaube'. Zu den dunklen Kapiteln gehörten die Schwerpunkte 'Verfolgter Glaube' und 'Diaspora'.

Beides, so Programmplaner Michael Gassmann, sei keine Angelegenheit vergangener Zeiten: "Das Beispiel des sowjetischen Komponisten Alfred Schnittke zeigt, dass es immer wieder Situationen gibt, wo Komponisten religiöse Musik unter schwierigen politischen Umständen schreiben", betonte er. "Und ich glaube, diese Konstellationen wird es genauso wie die Diaspora-Situation immer wieder geben."

Eindrucksvoll bewies das beim Musikfest ein Werk des israelisch-palästinensischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi über Glaubensnot und Märtyrertod, das in Stuttgart uraufgeführt wurde.

Glaubensverständigung

Helmut Rilling, deutscher Komponist und Musiker

Helmut Rilling gründete die Bachakademie

Konfessionelle Bedrängnisse kannte Johann Sebastian Bach nicht; der protestantische Komponist arbeitete ausschließlich im Kreis von Glaubensbrüdern – und dennoch setzte er sich intensiv mit seinem Glauben auseinander.

Die 1981 vom Dirigenten Helmuth Rilling gegründete Stuttgarter "Bachakademie" setzt sich intensiv für die Aufführung von Bachs geistlichen Werken im Ausland ein. Das Nachdenken über Bachs Werk und dessen Vermittlung sei noch heute eine wichtige Aufgabe, findet auch Christian Lorenz, Intendant der Bachakademie: "Wir wollen die Inhalte der Bachschen Musik einem breiteren urbanen und vielleicht nicht so klar christlich oder gar evangelisch orientierten Publikum nahe bringen", sagt er. "Das zeichnet die Bachakademie und das Musikfest Stuttgart aus."

Von alt bis zeitgenössisch

Obwohl das Musikfest federführend von der Bachakademie veranstaltet wird, bildet Bachs Musik nur einen Schwerpunkt in dem facettenreichen Programm: Das reicht von "Alter Musik" bis zur zeitgenössischen Moderne und bietet auch Uraufführungen.

Aufführung im Straßenbahndepot Foto: Holger Schneider

Ungewöhnlicher Konzertort im Straßenbahndepot

An über 30 Spielorten, in Kirchen, Konzertsälen, Kongresszentren, Schlössern oder Straßenbahndepots in und um Stuttgart, traten international bekannte Interpreten wie beispielsweise das Auryn Quartett, der Pianist Martin Stadtfeld, der Organist Cameron Carpenter oder auch Helmuth Rilling auf, daneben bekamen begabte Nachwuchstalente ihre Chance. Und selbstverständlich gab es neben den Klassikern des Konzertrepertoires etliche Kostbarkeiten, die selten zu hören sind. Dazu gehörten unter anderem geistliche Werke des italienischen Komponisten Niccolo Jommelli.

Diaspora und Toleranz

Dirgent und Musiker Foto: Holger Schneider

Klassik beim Musikfest Stuttgart

Der Katholik Jommelli, der 1753 an den Stuttgarter Hof kam, lebte gewissermaßen in einer Glaubensdiaspora, denn die Stadt war protestantisch. Doch der Komponist lebte unter der Patronage des katholischen Herzogs Carl Eugen und hatte somit nichts zu befürchten, erzählt Programmplaner Michael Gassmann: "Er sollte vor allem Opern schreiben und hat auch einige Werke für den katholischen Hof komponiert; das war aber eher eine geschlossene Gesellschaft."

Offen präsentiert sich dagegen das Musikfest Stuttgart, das zusammen mit Juden und Muslimen auch interreligiöse Projekte gestaltet und damit neue Impulse und Ansätze gibt. Ein Erlebnis hat Bachakademie-Intendant Christian Lorenz besonders tief berührt: "Einer unserer Partner aus dem islamischen Bereich stand auf und sagte mit voller Inbrunst: 'Bach schreibt nicht nur für Christen!'"