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Alltagsdeutsch – Podcast

Musik verbindet – und trennt

Musik ist – wie Mode – Geschmackssache. Die einen mögen Volks- oder klassische Musik. Die anderen stehen eher auf Techno, Jazz oder Funk. Alle hören Musik jedoch meist aus einem Grund: um sich zu entspannen.

Sprecher:

Musik hat von jeher eine besondere Bedeutung für die Menschen. Ob man ein Lied bei der Arbeit singt, ein Kammerkonzert besucht oder in eine Diskothek geht – Musik regt an und schafft menschliche Verbindungen. Wir haben mit einigen Deutschen gesprochen, die gerne Musik hören, gern zu ihr tanzen oder selbst Musik machen.

Sprecherin:

Aus Radio und Fernsehen, aus Musikanlagen in Kaufhäusern, Supermärkten und Einkaufspassagen prasselt pausenlos ein Klangregen auf die Menschen nieder. Musik regt an, muntert auf, lenkt auf angenehme Weise ab. Dieses Nebenherhören von Musik war in früherer Zeit unmöglich. Wer Musik hören wollte, musste entweder in ein Konzert gehen oder selbst musizieren. Oder zum Beispiel auch singen, wie Karl-Heinz vom Männerchor Kölner Bäcker 1912.

O-Ton:

"Also in erster Linie, woll'n mal sagen, ist ja Singen unsere Aufgabe. Auf der anderen Seite gibt es ja auch innerhalb des Chorgesangs verschiedene Abteilungen. Außer der schweren Kost erfreut einen ja auch die volkstümliche Musik, die bis dann hin geht zur Karnevalsmusik. Ist in Köln jar nicht anders irjendwie zu sehen. Wir beteiligen uns an Gottesdiensten, ob das jetzt evangelisch oder katholisch ist, spielt keine Rolle. Wir singen in Krankenhäusern, oder wir treten auf Seniorenveranstaltungen auf."

Sprecher:

Der Kölner Bäckerchor ist vielseitig. Er singt nicht nur schwere Kost, das heißt Lieder, die meist einen ernsten Charakter haben und eine lange Zeit der Einübung erfordern, sondern auch leichte Kost wie zum Beispiel Karnevalsmusik. Der Begriff schwere Kost kann in vielen Lebensbereichen angewandt werden. Er drückt entweder den ernsten Charakter einer Sache aus oder die Mühe, die mit ihr verbunden ist, oder auch beides. Die Formel wollen mal sagen ist wie die Füllwörter eben und halt nur dazu da, die Sätze etwas familiärer und weniger streng oder absolut klingen zu lassen. Manchmal kann sie bedeuten, dass man etwas auch auf andere Weise hätte ausdrücken können, genauso wie das Wort sozusagen.

Sprecherin:

Leichte Kost hält Karl-Heinz für wichtig. Nicht immer seien die Leute gestimmt, Ernstes zu hören. Unterhaltsame Lieder kommen an, und schließlich, so sagt er, lebt die Freude an der Sache ja auch vom Zuspruch des Publikums.

O-Ton:

"Die leichtere Muse, dat ist eben aus Operetten zu singen oder Musicals. Wir haben zum Beispiel 'Die Kinder Gottes' gesungen, das war mal so'n Schlager, oder 'Die kleine Bergkirche', was auch so ene Schnulze war in der Volksmusik, aber die musikalisch für's Ohr schmeichelhaft ist und dann sehr gut angekommen ist."

Sprecher:

Die leichte Muse bezeichnet Lieder zur Unterhaltung ohne besonders großen musikalischen Anspruch. Der Ausdruck Schnulze hat meistens einen abfälligen Unterton. Eine Schnulze ist ein besonders kitschiger oder sentimentaler Schlager. Manchmal wird der Begriff auch für einen Film oder Unterhaltungsroman verwendet.

Sprecherin:

Den Bäcker verbindet viel mit seiner Chorgruppe. Hier konnte er früher von den Lebensweisheiten der Älteren profitieren, er verbrachte einen großen Teil seiner knappen Freizeit im Chor und reiste zu Veranstaltungen im In- und Ausland. Der Männerchor Kölner Bäcker 1912 ist keine Ausnahmeerscheinung in der musikalischen Landschaft Deutschlands. Allein in Köln gibt es rund 400 Chöre und mehrere hundert Rock- und Popbands. Das hat Dr. Astrid Reimers herausgefunden, die als Musikvolkskundlerin das Laienmusizieren in Köln erforscht.

Astrid Reimers:

"Wenn man an Laienmusik denkt, denkt man natürlich zuerst an Männergesangvereine, an Chöre, aber das Spektrum reicht ja natürlich viel, viel weiter. Das geht dann eben über die Spielmannszüge, Blaskapellen, bis hin zur Rockmusik. Dann geht's bis zur Migrantenfolklore, den Streichorchestern auch ausländischer Mitbürger, es geht über die Schulen, die außerhalb des Musikunterrichts Musik machen, also das Spektrum ist sehr, sehr vielfältig. Laienmusik findet also nicht nur in Vereinen statt, Laienmusik findet überall statt, auf der Straße, in der Kirche und auch in Betrieben und Unternehmen. Akkordeonorchester, Chöre, Tanzgruppen, alles, was man sich denken kann, in den einzelnen Bereichen."

Sprecherin:

Musik verbindet und schafft Gemeinschaftsgefühl. Manchmal ist sogar die Gemeinschaft, die durch eine Gruppe entsteht, wichtiger als die Musik selbst.

Astrid Reimers:

"Wenn Menschen in so einen Musikverein, sei es in einen Chor oder in ein anderes Ensemble, eingebunden sind, so ist das fast wie eine zweite Familie. Wenn ich zum Beispiel an meinen eigenen Chor denke, einen Kammerchor, da gibt es quasi keinen Solo-Menschen, alle sind miteinander irgendwie verbandelt. Es gibt jede Menge Pärchen, Hochzeiten sind jede Menge dagewesen. Es sind Leute in unseren Chor gekommen, um andere Menschen kennenzulernen. Und das geht im Chor wunderbar. Man lernt sich dann eben auch menschlich kennen und hängt zusammen."

Sprecher:

Mit Solo-Menschen meint Frau Dr. Reimers natürlich diejenigen, die noch keinen Partner haben. In ihrem Chor gibt es kaum noch Solo-Menschen, weil alle miteinander verbandelt sind. Ein Ausdruck, der, aus einer altertümlichen Sprache entlehnt, hier ironisch wirkt und mit etwas Witz auf die menschlichen Verbindungen im Chor hinweist. Pärchen haben sich jede Menge im Chor von Frau Reimers gefunden. Jede Menge ist eine oft gebrauchte Formel, um die Vielzahl einer Sache zu betonen.

Sprecherin:

Dass Musik verbindet, zeigt sich nicht nur bei Menschen, die selbst Musik machen. Hörer und Hörerinnen bilden große Gruppen von Jazz-, Volksmusik oder Klassikliebhabern. Auch wenn man hier nichts verallgemeinern kann – tendenziell lassen sich am Musikgeschmack bestimmte Altersgruppen und soziale Schichten festmachen. Wie in Deutschland bei Jugendlichen Techno-Musik. Mit ihrem Erscheinungsbild schreckt sie die Elterngeneration meist ab, und das soll Techno auch. Das hilft, sich von den Eltern zu distanzieren und einen eigenen Stil zu finden. Vor einer Techno-Diskothek habe ich Jugendliche gefragt, was diese Musik für sie bedeutet.

O-Töne:

"Ist mehr so Party, einfach nur, kurzum Spackmusik. / Ja, weil man da gut zu abzappeln kann. / 'Ne Zeitlang halt die Sau 'rauslassen."

Sprecher:

Jugendliche hören ihre eigene Musik, und sie bilden ihre eigene Sprache. Techno ist Party-Musik, und da kann man für eine Zeitlang die Sau 'raus lassen. Diese Formel bedeutet, dass man für eine bestimmte Zeit etwas ganz anderes machen kann als im Alltag, ein Fest feiern, laut sein, tanzen. Man kann den Ausdruck aber auch benutzen, wenn jemand sich unbeherrscht grob, rüpelhaft und egoistisch verhält.

Sprecherin:

Techno ist nicht nur Musik. Es verbindet sich damit auch eine Idee, wenn nicht sogar eine Ideologie.

O-Töne:

"Keine großen Texte, Blabera über irgendwat weiß ich so, Seelsorge, einfach nur Spaß haben und Musik hören, so, ohne großes Drumherum. / Vor allen Dingen wird durch Techno viel mehr innerlich bewegt. / Gibt auch wat. Da kannste kommen, wie du bist, wirst akzeptiert, wie du bist. Wenn ich Stress hab und so, und ich gehe auf eine Party, bin halt happy, freu' mich gut so, gibt mir Gutes, gute Gefühle, so, danach bin ich halt ausgelastet. / Urlaub für die Seele, Techno ist Spirit."

Sprecher:

So hart die Musik scheint, so friedlich sind ihre Hörer. Jeder betont, dass man in der Techno-Szene nicht aggressiv ist, nicht ausländerfeindlich und Kleidung und Aussehen keine Rolle spielen. Wenn er Stress hat, geht der junge Techno-Liebhaber in die Disco, um zu tanzen. Stress ist schon lange nicht nur bei Jugendlichen gleichbedeutend mit Ärger geworden. Man hat Stress im Betrieb, Stress mit seinen Freunden oder seiner Familie.

Sprecherin:

Techno ist Musik, um die Welt bewusst zu vergessen. Sie ist nicht politisch, nicht moralisch, nicht gegen irgendwas oder irgendwen. Techno ist das Katapult, um sich akustisch in eine andere Welt zu schleudern und mit anderen ein Fest der Freude zu zelebrieren. Michael Rappe:

Michael Rappe:

Professor für Populäre Musik an der Musikhochschule Köln

"Es geht einfach darum, zu tanzen und damit freitagabends um 12 anzufangen und sonntagnachmittags aufzuhören. Da geht man Freitagabend in die Disco und tanzt, dann gibt es sogenannte After-Partys, das heißt, das sind einfach dann irgendwelche Events – in Klammern – weitere Discos oder Veranstaltungsorte, wo weitergetanzt wird. Und dann gibt's inzwischen After-After-Partys, das heißt, es geht dann bis nachmittags, dann wird 'nen bisschen geschlafen, und dann geht's wieder in die Disco, und dann ist es Samstag und irgendwann ist es Sonntag. Und es geht letzten Endes darum, zu tanzen, zu tanzen, zu tanzen. Und eine der ganz wichtigen, herausragenden Funktionen ist das Schaffen von tranceähnlichen und ekstaseähnlichen Zuständen."

Sprecherin:

Eine bizarre Jugend, mögen viele denken. Doch auch andere Generationen erfreuen sich an der Zerstreuung und haben ihre eigene Musik dazu. Der krasse Unterschied von Volksmusik oder volkstümlicher Musik und Techno ist nur ein oberflächlicher. Das meint zumindest Michael Rappe.

Michael Rappe:

"Es sind für mich ähnliche Muster drin, ohne dass ich jetzt eine Wertung reinbringen will. Egerländer ist Kunstretortenmusik, das heißt, es gibt keinen ursprünglichen Boden, zum Beispiel, wo das herkommt. Und zum anderen ist es wichtig, zu sehen, es ist eine Musik einfach für eine bestimmte Gruppe ist mit bestimmten Funktionen. Und wenn ich mir angucke, was Techno macht, das ist meinetwegen 'ne Musik für 12- bis 18-Jährige, die gern tanzen, die das zu Hause gern hören. So ist das bei den Egerländern einfach 'ne Musik für 'ne ganz bestimmte Gruppe von Leuten mittleren Alters, sag ich mal, die gern Zerstreuung haben wollen, was es bei den anderen im Grunde genommen auch ist. Es geht um Zerstreuung, es geht um – im positiven Sinne gemeint – Realitätsflucht, und ja, einfach abhängen, ausruhen."

Sprecher:

Die Retorte, die ursprünglich ein Laborgerät bezeichnet, wird in gängiger Weise als Ausdruck für künstlich Geschaffenes gebraucht. In den siebziger Jahren zog der Begriff des Retortenbabys für das im Labor entstandene Kind weite Kreise. Weil die Volksmusik, zu der auch die Egerländer gehören, heute oft kommerziell hergestellt wird, das heißt als Schlager mit einfacher Struktur und ohne den ursprünglichen regionalen Bezug konsumiert werden, spricht der Musikdozent von Retortenmusik.

Sprecherin:

Dass Volksmusik künstlich ist, und im Grunde nur der Zerstreuung dient, sehen deren Hörer natürlich anders. Sie betonen deutlich ihr Interesse am Inhalt der Musik.

O-Töne:

"Ja, das kommt auch auf die Inhalte an, würd' ich sagen, denn die modernen Schlager, die haben ja oft Texte, die man gar nicht anhören kann. Da würde mir die Volksmusik mehr zusagen. / Bei der Volksmusik bin ich aber davon überzeugt, dass es da irgendwo ernste Texte bei gibt. / Mir ist es wichtig, dass der Text und die Melodie 'nen bisschen harmonisch zusammenpassen, dass es nicht so blablabla ist oder hotmahot."

Sprecherin:

Was für die einen die heile Welt mit Alpen- oder Schwarzwaldatmosphäre ist, ist für die anderen das lautstarke, aber friedliche Herausdröhnen aus dem Alltag.

Fragen zum Text

Wenn ein Klangregen auf jemanden niederprasselt bedeutet das, dass …

1. es sprichwörtlich Töne regnet.

2. man ungewollt von Musik umgeben ist.

3. es regnet, während ein Orchester spielt.

Ein gefühlvoller oder kitschiger Song ist …

1. eine Schnulze.

2. eine Retorte.

3. eine Muse.

Wenn jemand sich ständig überlastet fühlt, dann ist er/sie …

1. voller Tatendrang.

2. nachdenklich.

3. gestresst.

Arbeitsauftrag

Welche Musikrichtung mögen Sie? Gibt es einen bestimmten Musiker oder eine Musikgruppe, den oder die Sie ganz besonders lieben? Schreiben Sie einen kleinen Bericht darüber und begründen Sie Ihre Wahl.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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