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Alltagsdeutsch – Podcast

Musik-Sprichwörter

Musik liegt in der deutschen Sprache: ob jemand die erste Geige spielen oder ins selbe Horn blasen will, ob der Himmel voller Geigen hängt oder neue Saiten aufgezogen werden. Diese Redewendungen drücken Vieles aus.

Sprecher:

Der Mensch ist ein Kulturwesen. Durch die Künste versucht er seit jeher, seine Gefühle und Stimmungen auszudrücken. Bilder und Skulpturen sind Zeugen dieser Bemühungen. Auch die Musik sucht nach einer Ausdrucksmöglichkeit für menschliche Gefühle – sei es Glück:

Musik:

Ludwig van Beethoven 9. Sinfonie: "Ode an die Freude"

"Freude schöner Götterfunken,

Tochter aus Elysium…"

Sprecher:

…oder Trauer:

Musik

Fréderic Chopin: "Trauermarsch"

Sprecher:

Sei es Liebe…

Musik:

Felix Mendelssohn-Bartholdy: "Hochzeitsmarsch"

Sprecher:

…oder Eifersucht:

Musik:

Wolfgang Amadeus Mozart: "Cosi fan tutte" 2. Akt

"Abbi di me pieta, dammi consiglio… [Habe Mitleid, gib mir einen Rat…]"

Sprecherin:

Nicht nur die Tonfolge – oder ob das betreffende Stück in Dur oder Moll geschrieben wurde – ist für die Wirkung auf den Zuhörer von Bedeutung. Ebenso wichtig ist die Instrumentierung, das heißt, welche Instrumente der Komponist vorgesehen hat, um eine beabsichtigte Wirkung beim Publikum zu erzeugen.

Sprecher:

Die Alltagssprache hat sich die unterschiedlichen Eigenschaften der Musikinstrumente zunutze gemacht. Etliche Redewendungen beziehen sich auf diese charakteristischen Merkmale, aber auch auf die speziellen Aufgaben oder Funktionen, die einzelne Musiker – beispielsweise in einem Orchester – übernehmen.

Sprecherin:

Eine der wichtigsten Akteure in einem Orchester ist neben dem Dirigenten der so genannte Erste Geiger. Er führt die Melodie, nach ihm haben sich die anderen Streicher zu richten. Diese besondere Funktion des Ersten Geigers ist im Laufe der Zeit sprichwörtlich geworden.

O-Ton:

"Wenn einer sich hochspielt. Einer will die erste Geige spielen, wenn man dat mit sich machen lässt, muss man aber nicht. Aber et gibt ja so Doofe, die lassen sich gerne kommandieren, oder der eine will immer der Anführer sein. Dat ist die erste Geige spielen."

Musik:

Wolfgang Amadeus Mozart: "Sinfonica concertante für Violine, Viola und Orchester Es-Dur", 1. Satz

Sprecher:

Diese Frau hält nichts von Menschen, die immer die erste Geige spielen wollen. Denn wie der Erste Violinist in einem Orchester, gibt es auch Personen, die versuchen, ihren Mitmenschen vorzuschreiben, was sie wie zu tun haben. Ähnlich dem Musiker, dulden sie keine Abweichung von ihrer Vorgabe, denn das würde den von ihnen geplanten Ablauf stören.

Sprecherin:

Es gibt eine weitere Redewendung, die die hierarchische Struktur eines Symphonieorchesters zum Vorbild hat.

O-Ton:

"In einem Team, wo mehrere arbeiten, einer muss immer denk' ich mal, der sein, der den nächsten Ton angibt, denn et is' ja ganz wichtig. Einer für alle, alle für einen, aber einer muss halt den allerersten Ton angeben."

Sprecherin:

Der Dirigent eines Orchesters legt vor Konzertbeginn mit einer Stimmgabel für alle Musiker einen verbindlichen Grundton fest, nach dem die Instrumente gestimmt werden müssen. Der Maestro gibt also den Ton an und das gesamte Ensemble hat sich danach zu richten.

Sprecher:

Die Frau überträgt sinnbildlich diese Situation auf eine Gruppe von Kollegen. Letztendlich muss es immer einen Chef geben, der festlegt, welcher Mitarbeiter welche Arbeit erledigen soll. Denn würde in diesem Team niemand den Ton angeben, würden alle nur das tun, was sie für richtig hielten – und das Ergebnis wäre ein Chaos.

Sprecherin:

Zwar ist in vielen Situationen wichtig, dass jemand den Ton angibt, jedoch sollte man alle Entscheidungen auch nach ihrem Sinn hinterfragen. Häufig übernehmen Menschen allerdings kritiklos die Vorgaben, die ihnen von ihren Vorgesetzten gemacht werden.

O-Ton:

"Wenn einer sagt, das ist Grün und in Wirklichkeit ist dat Rot und der andere sagt dann auch, das ist Grün. Dann stößt er in 's selbe Horn."

Sprecher:

Obwohl der zweite weiß, dass es nicht stimmt, gibt er seinem Vorredner Recht. Man sagt, er stößt in 's selbe Horn. Zwar sind es zwei unterschiedliche Personen, doch tatsächlich klingt das, was sie sagen, völlig identisch. Es ist, als ob zwei Musiker dasselbe Horn blasen: ein Ton klingt wie der andere.

Sprecherin:

Wie wir jetzt hören werden, kann man die Redewendung in 's selbe Horn stoßen auch mit einem anderen Bild erklären.

O-Ton:

"Ich find' Papageien. Kennen Se den Papagei? Dem sagen Se was vor, der sagt Ihnen alles nach. In dieselbe Tube blasen, oder ne selbe Flöte pfeifen."

Musik:

Wolfgang Amadeus Mozart: "Konzert für Horn und Orchester Nr. 1 D-Dur", 2. Satz

Sprecherin:

Wenden wir uns nun wieder den Saiteninstrumenten zu.

O-Ton:

"Das sind die guten Vorsätze, ne. Gerade zu Silvester oder Neujahr, da will man neue Saiten aufziehen. Mit 52 sollte man sich nicht mehr so umkrempeln, ne? Zum alten Instrument passen keine neuen Saiten."

Sprecher:

Der Ton beispielsweise einer Gitarre ist sehr variabel. Klang sie bislang eher sanft und weich [Gitarrenspiel], verändert sich ihr Charakter, wenn man andere, neue Saiten aufzieht [Gitarrenzupfen]. Und auf einmal ist ihr Klang völlig verändert und sie wirkt hart und rau [elektrische Gitarre]. Genauso will ein Mensch sich verändern, wenn er sagt, er ziehe nun neue Saiten auf. Gerade zum Jahreswechsel hat man viele gute Vorsätze für die kommenden Monate. Man möchte vielleicht weniger essen oder rauchen, nicht mehr so viel arbeiten oder einfach nur mehr Zeit für seine Familie und Freunde haben.

Sprecherin:

Aber neue Saiten aufzuziehen, ist nicht immer so einfach. Gerade wenn man sich an bestimmte Verhaltensweisen über Jahre gewöhnt hat, fällt es schwer, etwas zu ändern. Deshalb sagte auch der Mann, dass zu einem alten Instrument keine neue Saiten mehr passen. Es meint, man sollte sich mit 52 Jahren nicht mehr so umkrempeln.

Sprecher:

Auch das Wort umkrempeln steht hier sinnbildlich für eine starke Veränderung. Krempelt man einen Ärmel um, so stülpt man das Innere nach außen. Versucht man, sein Leben umzukrempeln, möchte man neue Saiten aufziehen. So hat man vor, sich und seinen Alltag grundlegend zu verändern.

Sprecherin:

Es gibt viele Gründe, warum Menschen versuchen, ihr Leben zu ändern und neue Saiten aufzuziehen. Ein Grund kann sein, dass sie krank sind und in Zukunft gesünder leben wollen, oder aber, dass sie finanzielle Probleme haben, die sie nun versuchen, zu lösen.

O-Ton:

"Wenn man die Treppe nicht mehr rauf kommt, ohne zu pusten, Asthmatiker kann natürlich sein, oder finanziell auf dem letzten Loch pfeifen. Wenn einer arbeitslos und dat Geld wird immer weniger. Und irgendwann pfeift der aus dem Loch und dann muss er zum Sozialamt."

Sprecher:

Der pfeift auf dem letzten Loch sagt man zu Menschen, die momentan nicht weiter vorwärts können. Der Asthmatiker kommt wegen seiner Atemnot nur beschwerlich eine steile Treppe hinauf. Er ist mit seinen Kräften völlig am Ende, kann nicht mehr weiter. Diese Situation wird nun sprichwörtlich auf einen Flötenspieler übertragen, der auf dem letzten Loch seines Instruments spielt. Er kann mit dieser Flöte beim besten Willen keine höheren Klänge mehr erzeugen, denn er ist am Ende des Tonumfangs angelangt. Er pfeift also auf dem letzten Loch seines Instruments.

Sprecherin:

Wie gehört, pfeift auch der Arbeitslose auf dem letzten Loch, denn er hat monatlich nur sehr wenig Geld zur Verfügung. Hat er außerdem noch Familie, muss er vielleicht sogar zum Sozialamt, um dort weitere Unterstützung zu beantragen. Dieser Mensch muss gut mit seinem Geld haushalten und kann sich keine größeren Ausgaben erlauben. Er pfeift sozusagen finanziell auf dem letzten Loch. [Flötentöne] Neben Geigen und Flöten hat auch ein Schlaginstrument Eingang in die deutsche Alltagssprache gefunden. Die Rede ist von der Pauke.

Musik:

Joseph Haydn: "Sinfonie Nr. 94 G-Dur", 4. Satz

O-Ton:

"Paukenschläge gab es ja nun mehrere in den Nachrichten. Ich persönlich bin verschont geblieben von echtem Paukenschlag, im positiven wie im negativen Sinn. Kann ja ne Überraschung sein."

Musik:

Joseph Haydn: "Sinfonie Nr. 94 G-Dur", 4. Satz

Sprecher:

Ein Schlag auf eine Pauke ist sehr durchdringend und trifft den Zuhörer unvermittelt. Bevor der Schlegel das Fell der Trommel berührt herrscht absolute Ruhe. Doch sobald der Schlagzeuger die Pauke trifft, entsteht plötzlich ein lauter und durchdringender Klang. Die Umgangssprache nutzt diese Eigenschaft, um mit dem Wort Paukenschlag eine wichtige, unvorhersehbare Neuigkeit zu bezeichnen

Sprecherin:

Vielleicht das angenehmste der menschlichen Gefühle ist die Liebe, die tiefe Zuneigung zu einem anderen Individuum. Die Alltagssprache macht sich auch hierbei die Ausdruckskraft der Musik zunutze.

O-Ton:

"Wenn man gerade frisch verheiratet ist oder man hat ein Kind, oder frisch verliebt, dann hängt der Himmel voller Geigen. Dat stimmt."

Sprecher:

Diese Frau war damals frisch verliebt wie sie sagt. Bei frisch Verliebten, also Paaren, die sich erst kurze Zeit kennen, ist das Glücksgefühl meist besonders stark. Dann hängt der Himmel voller Geigen. Mit dieser Redewendung soll zum Ausdruck gebracht werden, dass sich das glückliche Paar so überschwänglich freut, endlich zusammen zu sein, dass alle Alltagssorgen in den Hintergrund treten. Die Verliebten sind umgeben von lauter glücklichen Gefühlen. Es kommt ihnen so vor, als ob ihre Umgebung erfüllt wäre vom romantischen Klang eines großen Streichorchesters. Dann – so sagt man – hängt der Himmel voller Geigen.

Musik:

Ludwig van Beethoven: "Romanze für Violine und Orchester F-Dur"

Sprecherin:

Aber auch andere Situationen können diesen Überschuss an positiven Gefühlen erzeugen.

O-Ton:

"Ja, wenn 'n Enkelkind ankommt, ne, so lang ersehntes. Dann hat man auch so 'n Glücksgefühl. Da hängt der Himmel auch voller Geigen."

Musik:

Ludwig van Beethoven: "Romanze für Violine und Orchester F-Dur"

Sprecher:

Überlassen wir nun die Glücksseligen sich selbst. Denn es ist Zeit für den Schlussakkord.

Musik:

Carl Orff: "Carmina Burana", Ende 1. Teil



Fragen zum Text

Eine Person, die im Mittelpunkt stehen will, will …

1. den zweiten Ton angeben.

2. die erste Geige spielen.

3. neue Saiten aufziehen.

Jemand will seine Firma unerwartet verlassen. Das trifft seine KollegInnen wie …

1. ein Trommelfeuer.

2. ein Schlagzeuggewitter.

3. einen Paukenschlag.

Die Redewendung auf dem letzten Loch pfeifen geht zurück auf …

1. einen Violonisten.

2. einen Flötisten.

3. einen Trompetenspieler.

Arbeitsauftrag

Erstellen Sie eine Liste mit Gefühlen wie zum Beispiel Ärger, Trauer, Angeberei. Stöbern Sie in unseren Alltagsdeutsch- und Sprachbar-Folgen und ordnen Sie jedem Gefühl passende Redewendungen zu.

Autorin: Marcel Erlinghagen

Redaktion: Beatrice Warken

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