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Musik

Musik hilft beim Wiederaufbau in Nigeria

Terrormilizen wie Boko Haram zerstören nicht nur Kulturdenkmäler, sondern auch Musiktraditionen. Alte Musikaufnahmen im Archiv des Centers for World Musik in Hildesheim könnten jetzt beim Wiederaufbau in Nigeria helfen.

Über zwei Millionen Flüchtlinge leben im Nordosten Nigerias. Damit gehört die Region zu den größten Binnenflüchtlingsregionen der Welt. "Gerade im Nordosten Nigerias sind im Zuge von Boko Haram die Dörfer weitestgehend über ganze Landstriche hin zerstört", erläutert Raimund Vogels, Direktor des "Center for World Music" in Hildesheim. Er kennt die Gegend gut, denn schon in den 1980er Jahren hat er zu Forschungszwecken eng mit der Universität in Maiduguri zusammengearbeitet.

Nigeria Stadt Borno State Maiduguri (Getty Images/AFP/Stringer)

Boko Haram hat in Maiduguri im Nordosten Nigerías ein Bild der Zerstörung hinterlassen

Durch die islamistische Terrormiliz Boko Haram wurden die Menschen vertrieben und aus ihren traditionellen Dorfstrukturen herausgerissen. Die Terroristen wollten auch ihre kulturelle Identität zerschlagen. Künstler und Musiker wurden gezielt verfolgt und ermordet. Seit fast fünf Jahren leben die vertriebenen Menschen in Flüchtlingscamps. Jetzt sollen sie allmählich wieder in ihre Heimatgebiete zurückkehren können. "Ihre einstigen dörflichen Gemeinschaften werden sie aber nicht wiederfinden, denn zu viele Menschen sind gestorben", sagt Vogels. "Es werden neue Dorfstrukturen entstehen".

Konflikte lösen mit Musik

Genau in dieser Phase des Wiederaufbaus könnten Kunst und Musik einen wichtigen Beitrag leisten, meint der Musikethnologe Raimund Vogels. Etwa dann, wenn es darum geht, Konflikte und traumatische Erlebnisse zu bewältigen. "Dahinter steckt die Idee, dass sich Konflikte über Musik besser ansprechen lassen. Das kann man beobachten." Außerdem ist Vogels davon überzeugt, dass die Friedenssicherung umso nachhaltiger sein wird, je mehr die Menschen die Kultur und die kulturellen Werte ihrer Nachbarn kennen und verstehen lernen.

Studiengang musik.welt Universität Hildesheim (Isa Lange/Universität Hildesheim)

Reimund Vogels, Leiter des "Center for World Music" in Hildesheim

Wie das vor Ort funktionieren könnte, das sollen Doktoranden aus Nigeria und Ghana jetzt in einem neuen Graduiertenkolleg "Perfoming Sustaniability – Cultures and Development in West-Africa" (Nachhaltigkeit gestalten - Die Kraft der Künste in der westafrikanischen Gesellschaft) erforschen. Dabei arbeitet das Weltmusikzentrum in Hildesheim zusammen mit der Universität in Maiduguri in Nigeria und mit der University Cape Coast in Ghana. Im Rahmen der Nachhaltigkeitsziele der UN hat das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) Fördergelder zur Verfügung gestellt, die auch 18 Stipendiaten aus Afrika zugute kommen werden.

Zum Auftakt des Kollegs sind vom 11. bis zum 17. Dezember Wissenschaftler und Dozenten aus Nigeria und aus Ghana in Hildesheim zu Gast. Neben ersten Gesprächen über die neue Graduiertenschule geht es in Workshops auch um die Frage, welche Rolle Musik und Kunst beim Wiederaufbau von Gemeinschaften spielen können.

Musikarchive nutzbar machen

Seit 2006 gibt es das Center for World Music. Zu diesem Zentrum für Musikethnologische Forschung und Lehre, das der Universität Hildesheim angeschlossen ist, gehört auch ein Archiv. Hier werden über 4500 Musikinstrumente und rund 45.000 Schallplatten aufbewahrt. Es handelt sich um eine der größten Sammlungen Europas.

Audio anhören 02:18

Xylophonmusik aus dem Nordosten Nigerias

Doch den Musikethnologen geht es nicht nur darum, Musikbeispiele zu sammeln und zu bewahren. "Die Wissenschaftler wollen auch sehen, welchen Zweck die Archive für die Gestaltung von Gesellschaft in der Zukunft haben können", sagt Raimund Vogels. Wie so etwas aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus der Musik der Australischen Aborigines. "Da werden in den Liedern die Landrechte beschrieben, welches Land ihnen ursprünglich gehört hat", erläutert Nepomuk Riva, einer der Koordinatoren des neuen Doktorandenkollegs in Hildesheim. "In der Musik werden rechtsverbindliche und soziale Traditionen überliefert, mit denen man dann arbeiten kann."

Auch Musikaufnahmen aus Nigeria, die in den 1980er Jahren gesammelt wurden, sollen keine Relikte der Vergangenheit bleiben. Die sonst nur mündlich überlieferten Musikstücke könnten beim Wiederaufbau der Dörfer im Nordosten Nigerias von Nutzen sein. In einem Projekt wurden bereits viele Videos und Tonbeispiele traditioneller nigerianischer Musik digitalisiert. Teile davon stehen online über eine Webplattform zur Verfügung. Was diese alten Aufnahmen bewirken können, das sollen die Doktoranden des neuen Graduiertenkollegs jetzt erforschen.

Forschen mit der Expertise vor Ort

Neues Graduiertenkolleg Hildesheim (Isa Lange)

Alte Tonbandaufnahmen werden von nigerianischen Forschern ausgewertet

Die Stipendiaten werden hauptsächlich in Cape Coast und Maiduguri, in ihrem eigenen lokalen Kontext arbeiten. "Wir wollen nicht mehr nur, dass Europäer und Amerikaner nach Afrika gehen, da forschen und Vorschläge unterbreiten", sagt Nepomuk Riva. Das sollten besser Studierende machen, die die lokalen Traditionen kennen. "Im Fall Nigerias kommt hinzu, dass sie sich dort auch noch relativ sicher aufhalten können", fügt Riva hinzu. "Wir als Europäer können in diesen Norden von Nigeria im Augenblick gar nicht fahren. Das ist aus sicherheitspolitischen Gründen nicht möglich."

Vor Ort werden die Studierenden nicht nur ihren Forschungsfragen nachgehen, sondern auch die Nichtregierungsorganisationen, die sich um den Wiederaufbau kümmern, praktisch unterstützen. "Wir haben nicht den Anspruch, dass wir dort die Welt retten. Dass die Traditionen wieder neu erblühen, wenn wir nur die alten Videos auf die Mobiltelefone schicken." Die Onlineplattform sei lediglich ein Angebot, das den Leuten eine Entscheidungsmöglichkeit gibt, was für ihre zukünftige Gesellschaft von Nutzen sein könnte. "Wir geben ihnen etwas aus ihrer Kultur zurück. Das ist in der Musik leichter als bei der Nofretete. Ob das tatsächlich so wirkt, wie wir uns das vorstellen, wissen wir noch nicht."

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