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Kultur

Musik heilt und hilft

Es singen die, die sonst keiner hört: Obdachlose, Hartz IV-Empfänger, Drogenabhängige. Vor eineinhalb Jahren hat Pianist und Chorleiter Stefan Schmidt das Projekt " Berliner Obdachlosenchor" ins Leben gerufen.

Obdachlosen Chor Berlin: Foto: Jörg Degroy (rechtefrei)

Obdachlosenchor

Montagabend, 17.30 Uhr im Gemeindehaus der Berliner Zwölf-Apostel-Kirche, das zwischen Kulturforum und Straßenstrich liegt. Nach und nach trudeln sie ein: Männer und Frauen allen Alters, dick vermummt gegen die Kälte.

Im ersten Stock begrüßen sie sich laut und freudig: Wiebke, Anfang zwanzig, eilt in die Küche, in der Peter gerade die Töpfe auf den Herd stellt, der sechzigjährige Gotthold unterhält sich mit einem Kumpel und Ouzo, der Schäferhund von Chris und Lilith, bellt immer, wenn jemand den Raum betritt.

Chorleiter Stefan Schmidt im Obdachlosenchor Berlin Foto: Jörg Degroy (rechtefrei)

Chorleiter Stefan Schmidt hat reichlich zu tun

Im Straßenchor nennen sich alle nur beim Vornamen: Wiebke, Lilith, Peter, Sanchi, Nobse oder Stefan. Stefan – das ist Stefan Schmidt, der Chorleiter. Der große, schlanke Mann mit dunklen Haaren ist erfolgreicher Konzertpianist und Leiter eines Kammerchors. Er hat vor eineinhalb Jahren den Berliner Straßenchor gegründet. Als Musiker, sagt der Endvierziger, wollte er nicht nur auf der Bühne sitzen, sondern auch etwas weitergeben. Der Chor sei sein Beitrag, die Welt ein wenig zu verändern.

Ordnung im Chaos

Singen voller Hingabe, Obdachlosen Chor Berlin Foto: Jörg Degroy (rechtefrei)

Voller Hingabe

Die Chorproben verlaufen höchst unterschiedlich. Anfangs hatten die Sängerinnen und Sänger große Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und während der Proben zu stehen. Inzwischen geht es besser. Stefan Schmidt sitzt in der Mitte des Gemeindesaals am Flügel und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn um ihn herum alle durcheinanderlaufen oder laut reden. Ist es mal still, bellt ein Hund.

Der Chorgesang ist berührend. Hier geben sich alle ganz echt, ohne sich zu verstellen. Der Chor, das ist ihre Familie. Sanchi, 36 Jahre alt, hat durch das Singen und die Treffen wieder Lebensmut bekommen. Vor zwei Jahren saß er noch im Gefängnis, weil er Autos geklaut und mit Drogen gehandelt hatte - „lauter Blödsinn“, wie er jetzt sagt - weil seine Ex-Frau ihn betrogen hatte. Inzwischen drückt Sanchi die Schulbank und möchte sein Fachabitur machen.

Musik und Essen

Obdachlosen Chor Berlin bei der Probe Foto: Jörg Degroy (rechtefrei)

Chorprobe

Während im Gemeindesaal Udo Jürgens’ "Ich war noch niemals in New York“ geprobt wird, schneidet Jörg Degroy in der Küche Paprikaschoten klein. Der dunkelhaarige Mann mit der bordeauxfarbenen Kochjacke ist der Manager des Chors. Er sorgt dafür, dass die Sängerinnen und Sänger auftreten und dass dadurch etwas Geld in die Kasse kommt.

Das gemeinsame Essen gehört zum Projekt des Straßenchors dazu. Jedes Mal ist ein anderes Team zum Kochen abgestellt. Es sei wichtig, so Jörg Degroy, während er Salatblätter auf über dreißig Teller verteilt, dass viel frisches Essen zubereitet werde. Der lange Tisch im Foyer des Gemeindehauses ist gedeckt, und nach der Probe wird getafelt.

Der Chor wächst

Mehr als dreißig Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, singen im Berliner Straßenchor mit. Er ist offen für alle, und er wächst. Réné, ein bärtiger Rentner ist zum ersten Mal mit dabei, ebenso wie Tom, ein Langzeitarbeitsloser. Die Hemmschwelle sei bei diesem Chor für Leute wie ihn niedrig, sagt Tom und ist erstaunt, dass er sich aus seiner Wohnung hierher getraut hat.

Einmal in der Woche Wärme, Geborgenheit, Gemeinschaft. Der Berliner Straßenchor gibt Konzerte und tritt im Fernsehen auf. Aber seine Zukunft ist ungewiss. Ist der Chor irgendwann nicht mehr da, wäre das für Wiebke, Sanchi oder Lilith ein schwerer Verlust. Lilith sagt sogar: "eine Katastrophe!". Sie will nicht ans Aufhören denken. "Menschen wie wir" sagt die Mittdreißigern, "Hartz IV Empfänger, Straßenkinder, Drogenabhängige - wir stehen außerhalb der Gesellschaft und betrachten alles wie durch ein Fenster.“ Durch den Chor fühlen sie sich wieder wie ein Mitglied der Gesellschaft – ein Geschenk sei das und für alle, die im Berliner Straßenchor mitsingen, sehr, sehr wichtig.

Autorin: Susanne von Schenck

Redaktion: Günther Birkenstock