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Kultur

"Musik gemacht, es geht voran!"

Den Riesen der Plattenindustrie geht es schlecht, das Jammern ist groß. Die kleinen Independent Labels sind dafür umso euphorischer. Mit Kreativität, Mut und einer Portion Schadenfreude umschiffen sie die Krise.

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Musikmesse für kleine Labels: Die 'Pop Up' in Leipzig

Wir schreiben das Jahr 1979: Die Bundesrepublik steuert in eine Rezession. Doch das unabhängige Musikgeschäft feiert Erfolge: Im Untergrund regieren Punk, New Wave, Elektro und Hip Hop. 2004 ist die Wirtschaft wieder in einer schweren Krise. Im Untergrund regieren Punk, New Wave, Elektro und Hip Hop. Nach der Depression der letzten Jahre reiten viele Independent Label jetzt die Euphorie-Welle. "Das ist wie ein Déjà-vu, das ich habe", sagt Michael Reinboth, Kopf vom Münchner Kult-Label "Compost Records" ("Future Sound of Jazz"), "wir kommen in eine sehr interessante, sehr kreative Phase."

Saure Gurken, keine Panik

Mit dieser Meinung ist Reinboth nicht allein. 120 Independent- Labels gaben sich unlängst auf dem "Pop Up"-Festival in Leipzig ein familiäres Stelldichein. In einer alten Backsteinfabrik mitten im Alternativ-Stadtteil Connewitz. Zur subkulturellen Revolution wurde in Leipzig nicht geblasen. Stattdessen herrschte enorme Heiterkeit. Zwischen Wurstbroten mit sauren Gurken und Plattentellern wurden schon mal wild Ideen für die Zukunft gesponnen.

Von Krise fast keine Spur, auf dem ersten Treffen der Musikbranche seit dem "Schwarzen Freitag" Ende März. Damals hatten gleich drei Major-Labels ihr Personal drastisch reduziert. Gespielte Euphorie bei den Indies? "Es gibt keine 'wir sind down, wir haben Panik-vor-der-Zukunft-Stimmung'", sagt Raik Hölzel, Chef des Berliner Lables "Kitty-Yo", "wir konzentrieren uns darauf, wieder enger zusammenzurücken, uns wieder viel mehr auszutauschen."

Popexport als Rettungsanker

Bei den Majors hingegen kracht es gewaltig. Seit 1999 ist der Umsatz um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Kleine Labels wie "Kitty-Yo" aber steigern ihren Umsatz. Speziell die Berliner, die Künstler wie Elektroclash-Provokateurin Peaches und Maximilian Hecker im Repertoire haben, profitieren vom weltweiten Berlin-Hype. Musik aus deutschen Landen gilt in New York und London als schick. Und vom Pop-Export, längst Schwerpunkt vieler Indies, kann man gut überleben. Zumal die Indies - anders als die Major-Labels - nicht Unsummen für groß angelegte Marketing- und Werbefeldzüge verpulvern.

MP3 als Marketing

Während die Majors noch immer den Schock verarbeiten, den sie angesichts von Tauschbörsen im Internet und kostenlosen MP3-Downloads erlitten haben, fordern viele Indies souverän zum Kostenlos-Shopping im Netz auf: "Wir haben das Internet schon seit langer Zeit als Promotion-Tool erkannt. Bei uns kann man sich schon lange MP3's für lau runterladen und wir haben festgestellt, dass dadurch auch die Verkäufe in die Höhe gegangen sind", sagt "Kitty-Yo"-Chef Hölzel.

Authentizität zahlt sich aus

Die Krise der Majors ist für Uwe Viehmann von der Musikzeitschrift "Spex" hausgemacht. Die Großen seien nur aufs schnelle Geld aus, und sie würden nicht mehr langfristig in den Aufbau von Künstlern investieren wollen. Aber mit Musik aus der Retorte kann keiner punkten, ist sich Michael Reinboth von Compost Records sicher. Langfristig würde nur funktionieren, was authentisch ist. Mit dieser Strategie ist er bereits seit zehn Jahren erfolgreich. Bei Compost gehören die Künstler fast zur Familie. Manchmal allerdings zerrt die Krise dann doch an den Nerven, wie Reinboth zugibt. Wie im letzten Jahr, als wegen einer Reihe von Vertriebs-Pleiten das Geld von bereits verkauften Scheiben verloren war. In solchen Momenten hält er sich trotzig an den Schlachtruf aus den frühen Jahren des Punk, als die Welt auch nicht rosig aussah: "Musik gemacht, es geht voran".

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