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Kultur

Musik gegen das Schweigen

In Algerien hat sich eine lebendige und selbstbewusste Rapszene entwickelt. Eine Szene mit politischer Dimension, da die Missstände in dem Maghrebstaat bis heute konsequent kritisiert werden.

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"Rabah Président" - CD der algerischen Hip-Hop-Gruppe "Le Micro Brise la Silence"

Hip-Hop als Jugend- und Protestkultur ist im heutigen Algerien in fast jeder Metropole allgegenwärtig. Seit den 1990er Jahren hat sich der Musik-Virus von der Hauptstadt Algier rasch in andere Städte wie Oran, Constantin oder Annaba und mittlerweile bis in entlegene kabylische Dörfer verbreitet. In Anbetracht der widrigen Bedingungen im Algerien der letzten 20 Jahre ist das besonders bemerkenswert.

Algeriens Hip-Hop-Musikern geht es bis heute darum, die politische Misere ihres Landes offen anzuprangern, "die Stille zu brechen", wie Rabah Ourrad, Lead-Sänger der bekannten Hip-Hop-Gruppe "Le Micro Brise Le Silence" (MBS), betont.

Die Unruhen von 1988 als Geburtsstunde des Rap

Die Geburtsstunde des algerischen Rap fällt auf den 5. Oktober 1988: Damals gingen Tausende Schüler und junge Arbeitslose gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise und das marode Bildungssystem unter Präsident Chadli Benjedid auf die Barrikaden und begannen sich zu politisieren. Doch die Staatsmacht reagierte mit äußerster Härte auf das Aufbegehren der revoltierenden Jugendlichen. Während einer mehrtägigen, regelrechten Menschenjagd von Einheiten der Armee auf friedliche Demonstranten in der Hauptstadt Algier wurden über 500 bis Tausend Menschen getötet.

Es war ein gewaltiger Schock vor allem für die jüngere Generation - denn zum ersten Mal schoss die Volksarmee, das Symbol des nationalen algerischen Unabhängigkeitskampfes, gegen die eigene Bevölkerung. Die Hip-Hop-Band "Hamma" thematisierte ihre Eindrücke von den Oktober-Unruhen in ihrem Song " L'Algerie le conte des fées". Darin geht es um die Jugendlichen vom Oktober 1988, die sich fortan "Oktobermärtyrer" nannten - im polemischen Gegensatz zu den "November-Märtyrern" - der älteren Generation, die den Unabhängigkeitskrieg gegen die französische Kolonialmacht geführt hatte.

Die "Märtyrer von Bab el-Oued"

Gegen diese ältere Generation führte die algerische Jugend nun ihre eigenen Helden ins Feld: "Die Märtyrer von Bab el-Oud" - Schüler und Studenten aus einem verarmten Stadtteil Algiers. Anfang der 1990er Jahre formierten sich die drei Pionier-Bands "Intik", "Hamma" und "Le Micro Brise Le Silence", um ihrem Protest gegen die staatliche Entmündigung und die soziale Misere ihres Landes Ausdruck zu verleihen - mit Songs gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, gegen die Ungerechtigkeit der Justiz und die Arroganz der Macht.

Doch nach dem so genannten "algerischen Frühling" - einer relativ kurzen Phase der Demokratisierung und der Abschaffung des autoritären Einparteiensystems in Algerien - folgte ein weiteres düsteres Kapitel in der Geschichte des Maghrebstaats: Der Ausbruch des Bürgerkriegs 1992, der bewaffnete Konflikt zwischen radikalen Islamisten und der Armee, der den Musikern erneut Stoff bot, in einem "Klima der Angst" das Schweigen zu brechen und gegen Willkür und Gewalt zu rappen.

Deprimierender Alltag

Obwohl der algerische Bürgerkrieg seit der Amnestie islamischer Extremisten unter Präsident Bouteflika vom Juli 1999 als beendet gilt, hören Algeriens Rap-Musiker nicht auf, die politischen Missstände in ihrem Land zu kritisieren. Einer ihrer couragiertesten Köpfe ist Rabah Ourrad von MBS. Mit schwärzestem Sarkasmus schildert er die politischen Zustände in Algerien. Mehr denn je trifft Hip-Hop heute das Lebensgefühl der algerischen Jugend. Denn auch Jahre nach Ende des Bürgerkriegs haben sich ihre Lebensbedingungen nicht wesentlich gebessert: Hohe Jugendarbeitslosigkeit, Wohnungsmangel, Bildungsmisere und generelle Perspektivlosigkeit bestimmen den Alltag.

Wenn Hip-Hop-Kultur gerade in ihrem Ursprungsland nur mehr für Hedonismus, Konsum, für Illusionen von Sex und Gewalt zu stehen scheint, wird in Algerien ein schon beinahe vergessenes Potenzial der Hip-Hop-Kultur hörbar: Rap heißt hier Sprechen über die Realität, über einen oftmals nur allzu deprimierenden Alltag, über politisches Unrecht, Terror und Krieg. Und es bleibt wichtig, seine Stimme zu erheben - auch nach Ende des Bürgerkriegs, da von einem Ende der algerischen Tragödie und einer wirklichen Lösung der gesellschaftlichen und politischen Probleme des Landes nach wie vor nicht die Rede sein kann.

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