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Musik

Musik als Werkzeug der Diplomatie?

Kann Musik in anhaltenden Konflikten Brücken bauen? Teilnehmer des diesjährigen "European Forum on Music in Cyprus" sind davon überzeugt, warnen aber gleichzeitig davor, dass Musik auch eine mächtige Waffe sein kann.

"Wenn man sechs Politiker in einen Raum steckt und nach einer halben Stunde die Tür öffnet, werden sie sich gegenseitig beschimpfen und schlagen. Steckt man hingegen sechs Musiker in einen Raum, ist nach einer halben Stunde Musik zu hören."

Michalis Karakatsanis spricht aus Erfahrung. Der Leiter des "Cyprus Music Information Center" (CyMIC) weiß aus erster Hand wie musikalisches Zusammenspiel Menschen zusammenbringen kann, selbst in einer anhaltenden politischen Konfliktsituation. Die "Grüne Linie" ist das Symbol für einen solchen Konflikt in seinem Heimatland. Seit 1964 bildet sie eine Pufferzone zwischen dem griechisch-zypriotisch verwalteten Teil im Süden und dem türkisch-zypriotisch verwalteten Teil im Norden des Inselstaats, der seit 2004 Mitglied der Europäischen Union ist.

Am Samstag soll Musik diesen Graben überwinden, indem griechisch-zypriotische und türkisch-zypriotische Musiker gemeinsam in Paphos beim European Forum on Music 2017 auf der Bühne stehen werden. Die Aufführung, eine Kollaboration des CyMIC und des "Cyprus Chamber Ochestra", spiegelt das Motto des diesjährigen Forums perfekt wider: "Linking Continents - Bridging Cultures" - "Kontinente verbinden - Brücken zwischen Kulturen bauen".

Ian Smith 2016 European Forum (European Music Council)

Ian Smith beim "European Forum on Music" 2016 im polnischen Breslau

Zypern - eine kontinentale Brücke

Für Ian Smith, Präsident der "European Music School" (EMC), war es wichtig, den Ort mit dem Thema des Forums zu verbinden. "Wir haben die Brücke über den Bosporus, die zwei Kontinente verbindet - nämlich Europa und Asien", sagte Smith der DW und wies darauf hin, dass Zypern oft als Land zwischen Europa und Nahost gesehen werde.

Die 114 Delegierte aus über 30 Ländern erwartet in der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt Paphos eine dreitägige Veranstaltung mit Diskussionen und Workshops, bei denen die Musik als kulturelles Werkzeug der Diplomatie im Vordergrund stehen wird.

Diplomatie innerhalb Europas

Unter Diplomatie stellt man sich vor allem gehobene Empfänge und Abendessen mit striktem Protokoll und endlos langem Händeschütteln vor. Der ehemalige EMC-Präsident Stef Coninx leitet das Forum zur "European Agenda for Music". Er weiß, dass es vielmehr darum geht, Gräben auf lokaler Ebene mit Musik zu schließen.

Zypern Nicosia Demo Pro Wiedervereinigung Friedensvertrag (Reuters/Y. Kourtoglou)

Bald in Frieden vereint? Musik könnte in Zypern Gräben schließen

Als Leiter von "International Relations Classical Music" am "Flanders Art Institute" in Brüssel hat Coninx die "International Society for Contemporary Music World New Music Days" 2012 mitorganisiert. Diese ermöglichten eine Zusammenarbeit zwischen den Regionen Flandern, Wallonie und Brüssel, die schließlich sogar in einem Kulturabkommen zwischen Flandern und der Wallonie mündete. Momentan kümmert sich Coninx um das Bewerben der "Belgium Music Days" 2018, bei denen zum ersten Mal auch Partner aus dem deutschsprachigen Teil Belgiens teilnehmen werden.

Coninx glaubt, dass Musik "Menschen dazu bringen kann, miteinander zu reden und einander zuzuhören." Der erste Schritt sei der gegenseitige Respekt, auf dessen Basis eine vertiefte Entwicklung möglich sei. "So sieht Brückenbauen innerhalb Europas aus", sagte er der DW.

Eine euro-arabische Brücke 

Die Veranstaltung in Paphos soll auch über europäische Grenzen hinwegschauen und die kulturelle Bindung mit Ländern außerhalb Europas stärken. Kifah Fakhouri wird an dem Forum in seiner Funktion als Vorsitzender des "Euro-Arab Youth Music Centre" (EAYMC) teilnehmen, die sich in Limassol, im Süden Zyperns, befindet. Die europäisch-arabische Initiative arbeitet mit Musikern im Alter zwischen 15 und 30 Jahren aus verschiedenen arabischen und europäischen Ländern an bildungsfördenden und sozialen Musikprojekten. 

Ethno Cyprus 2016 (Kariem Saleh)

Das Projekt "Ethno Cyprus" brachte 2016 Musiker aus Zypern, Kroatien, Belgien , Ägypten und Jordanien zusammen

"Ethno Cyprus" war eines dieser Projekte. Musikcamps und ein Chor mit über 500 Sängerinnen und Sängern brachten junge Menschen aus aller Welt zusammen. "Das Ziel ist nicht, professionelle Musiker zu haben, sondern junge Menschen, die dazu bereit sind, andere Menschen durch Musik zu verstehen", sagte Fakhouri der DW.

Diplomatie oder Imperialismus?

Musik kann als diplomatisches Werkzeug allerdings auch missbraucht werden. Weltmächten wie den USA und Westeuropa wird immer wieder vorgeworfen, kulturellen Imperialismus unter dem Dekmantel der Diplomatie auszuüben.

Ian Smith bekräftigte diese These und bezeichnete Westeuropas Ruf als "ziemlich dogmatisch und autoritär". Gleichzeitig machte er klar, dass es bei musikalischer Diplomatie nicht darum gehe "den östlichen Kulturen westliche Kulturen aufzuzwingen", sondern um das Zusammenbringen von Menschen und den bestmöglichen Austausch zwischen ihnen. Damit das funktioniere, müssten sich die Musiker auf Augenhöhe begegnen und gleichzeitig versuchen zu verstehen, was sie unterscheidet.

Ethno Cyprus 2016 (Kariem Saleh)

Musiker von "Ethno Cyprus" bei einem Konzert

Nicht nur als imperialistisches Instrument, sondern auch zum Schüren von Hass kann Musik verwendet werden. Coninx sagte der DW, dass er eine Musiklehrerin aus der Balkanregion kenne, die ihm vom Einsatz der Musik als Waffe während der Jugoslawien-Kriege erzählt hatte. Sie sagte damals, sie habe "fühlen können, wie sich der Hass durch die Musik ausbreitete", erinnert sich Coninx. Ob für das Gute oder das Böse, Frieden oder Krieg - Musik sei "sehr mächtig", so Coninx.

"Du kannst nicht singend in den Krieg ziehen"

Während seiner Zeit beim EAYMC habe Fakhouri niemals Spannungen oder Konflikte erlebt. Musik habe die Kraft, Menschen in direkten Kontakt miteinander zu bringen wie es beim Forum in Paphos geschehen soll, so Fakhouri. Trotz allem reicht Musik allein nicht aus um Konflikte beizulegen und Frieden zu schließen. "Du kannst nicht singend in den Krieg ziehen", unterstrich Coninx und machte klar, dass es auch in anderen Bereichen eine Annäherung geben müsse, um einen Wandel herbeizuführen.