″Music in Times of Tragedy″: Wie ein Musiker an den Holocaust erinnert | Musik | DW | 22.05.2018
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Musik

"Music in Times of Tragedy": Wie ein Musiker an den Holocaust erinnert

Die Konzentrationslager der Nazis waren Orte des Grauens. Und doch entstanden an diesen Orten Musikstücke, geschrieben von Inhaftierten. Der israelische Pianist Amit Weiner haucht den Werken nun neues Leben ein.

"Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen", so lautet ein altes römisches Sprichwort. Das Projekt von Amit Weiner – "Music in Times of Tragedy" (Musik in Zeiten der Tragödie) – scheint jedoch das Gegenteil zu beweisen. Er lässt die Werke der im Holocaust ermordeten jüdischen Komponisten auferstehen und zeigt, dass trotz der unfassbaren Gräueltaten, denen die Häftlinge in den Arbeits- und Vernichtungslagern ausgesetzt waren, ihr Geist nicht so leicht zu brechen war, wie die Nazis sich das vielleicht vorgestellt hatten.

Weiner, der selbst Komponist und Pianist ist, verbindet mit dem Projekt ein persönliches Anliegen. "Ich stamme selbst aus der dritten Generation von Holocaust-Überlebenden. Die komplette Familie meines Großvaters, Israel Weiner, wurde ermordet. Seine Eltern, Geschwister, Tanten und Onkel - sie alle starben." 

Israelischer Pianist Amit Weiner (privat)

Amit Weiner

Der Holocaust sei für ihn schon immer ein Thema gewesen, mit dem er sich gründlich beschäftigen wollte, so Weiner. "Im Jahr 2012, ein Jahr nach meinem Abschluss an der Bar Ilan Universität in Tel Aviv, wandte ich mich an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und fragte, ob ich mich dort ehrenamtlich engagieren könnte", erinnert sich Weiner an den Anfang seines Projektes. Yad Vashem gewährte ihm Zugang zu den Archiven, wo er das immense Erbe jüdischer Komponisten und Musiker entdeckte, das in den Ghettos und Lagern zurückgelassen wurde.

Wenn Musik wichtiger ist als Essen

Das Ausmaß des kulturellen Lebens innerhalb der Lagerwände überraschte Weiner. "Bei der Recherche stieß ich auf eine Geschichte aus dem jüdischen Ghetto von Vilnius in Litauen", erzählt er. "Musik war dort verboten, aber die Gefangenen haben es tatsächlich geschafft, ein Klavier dort hinein zu schmuggeln." Und auf die Frage nach dem "Wie", berichtet er: "Sie zerlegten es, trugen es Stück für Stück hinein und bauten es dann wieder zusammen. Sie hätten auch Medizin oder Essen schmuggeln können, aber sie haben sich für das Musikinstrument entschieden. Das zeigt, wie wichtig Musik für die Gefangenen war."

Arbeit macht frei-Schriftzug an der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen (picture-alliance/dpa/B. Settnik)

Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen ist heute eine Gedenkstätte

Es gab auch andere Fälle, in denen Häftlinge Instrumente in der Kanalisation versteckten und diese nachts herausholten, um darauf zu spielen. "Es fasziniert mich, wie viel Musik unter diesen grauenhaften Bedingungen gemacht wurde, vor allem im Konzentrationslager Theresienstadt in der damaligen Tschechoslowakei, aber auch in den Ghettos und in den anderen Lagern", so Weiner.

Jazz, Folk und Oper im Holocaust

Nun mag man sofort an klagende Melodien und traurige Texte denken. Die Musik aber, die während des Holocaust gespielt wurde, wies eine große Bandbreite auf. Die Gefangenen spielten Jazzkompositionen, Volks- und Gitarrenlieder oder sangen sogar a cappella. "Einige von ihnen waren natürlich traurig, andere aber auch sehr fröhlich und sogar im Stil des Kabaretts", berichtet Weiner. Die Vielfalt der Lieder und Melodien sei in jedem Fall beeindruckend. Jüdische Komponisten konzipierten klassische Stücke, moderne Musik im Stil von Arnold Schönberg, Igor Strawinsky oder Béla Bartók oder auch Opernwerke. Die Kinderoper "Brundibar" des tschechischen Komponisten Hans Krasa  wurde beispielsweise 55 Mal in Theresienstadt aufgeführt.

Im Gespräch erinnert Weiner auch an den österreichischen jüdischen Komponisten Viktor Ullmann (1898-1944), der vor dem Krieg zum Dirigenten der Staatsoper in Prag ernannt worden war. "Wäre er nicht in Auschwitz inhaftiert und später ermordet worden, wäre er sicher einer der wichtigsten musikalischen Kräfte des 20. Jahrhundert geworden.

Jüdische Komponistin Ilse Weber (Yad Vashem)

Die Komponistin und Folksängerin Ilse Weber begann im Lager Theresienstadt eigene Lieder zu schreiben

Weiner erwähnt auch die Komponistin Ilse Weber (1903-1944). "Sie war Folksängerin und schrieb ihre Lieder, während sie als Krankenschwester in der Kinderklinik in Theresienstadt arbeitete", so Weiner. "Ihre Lieder überdauerten nur dank ihres Mannes, der auf wundersame Weise den Holocaust überlebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er ins Lager zurück und suchte überall nach ihrer Musik ." Insgesamt erfasste er mehr als 100 Lieder und veröffentlichte sie unter dem Namen "Theresienstadt". Ilse Weber war zusammen mit ihrem Sohn in Auschwitz gestorben.

Bewusstsein wecken durch Musik

Trotz Amit Weiners fortlaufender Bemühungen und Recherchen scheint ein Großteil der Musik, die während des Holocaust geschriebenen wurde, allerdings verloren zu sein. In seinen Konzerten, die er seit 2012 veranstaltet, spielt er inzwischen Werke von sechs bis acht Komponisten. "Die erste Aufführung fand am Holocaust-Gedenktag in Israel statt und war für Jugendliche aus allen Teilen des Landes gedacht", erinnert sich Weiner. "Wir lehren die Geschichte des Holocaust von klein auf, aber wir konzentrieren uns in der Regel auf den Kampf und das Sterben und nie auf das kulturelle Leben. Die Wahrheit ist jedoch, dass Kultur auch im Holocaust existierte. Und es war ein erklärtes Ziel der Nazis, sie zu beseitigen."

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau (DW/A. Grunau)

Auschwitz-Birkenau im Jahr 2018

Die Reaktionen der jungen Menschen waren überwältigend und es dauerte nicht lange, bis die internationale Gemeinschaft darauf aufmerksam wurde. Weiner tourt inzwischen regelmäßig durch Länder wie Nepal, China, Vietnam und Myanmar und trägt so dazu bei, dass sich ein Bewusstsein für den Holocaust entwickelt – bei einem Publikum, das vielleicht noch nie davon gehört hat.

"In Europa und Israel ist der Holocaust Teil unserer Geschichte. Aber in vielen Ländern, vor allem in Südostasien, wissen die Menschen oft nichts davon", sagt Weiner und berichtet über einen Vorfall, der sich vor einigen Jahren an einer Universität in Bangkok, Thailand ereignete. "Da war ein Student, der sich für einen festlichen Anlass als Adolf Hitler verkleidet hatte. Es war keine antisemitische Geste - er hielt Hitler vielmehr für eine Comicfigur", so Weiner. "Ich wurde von der israelischen Botschaft eingeladen, auf dem Campus aufzutreten, da Musik allen Menschen gemeinsam ist und ein natürliches Mittel zur Weitergabe von Wissen ist."

Musik als Zeichen der Hoffnung

 Aber auch in Europa und den USA ist sein Projekt "Music in Times of Tragedy" wohl notwendiger denn je. "Der antisemitische Angriff in Berlin erschüttert mich noch immer. Wie ist es möglich, dass so etwas in Europa passieren kann?", fragt Weiner und verweist auf den Vorfall in Berlin, bei dem kürzlich zwei Männer wegen des Tragens einer Kippa angegriffen wurden. Und einer Studie der Opferorganisation Jewish Claims Konferen zufolge wissen 41 Prozent der US-Amerikaner nicht, was es mit Ausschwitz auf sich hatte. Immerhin ist Auschwitz das bekannteste aller Lager und somit der Inbegriff für die KZ-Gräuel.

"Mein Projekt zeigt, dass Musik weiter reicht als Kriege und Gewalt, dass Musik und Kunst den Menschen etwas geben, worauf sie hoffen können, wofür es sich lohnt zu leben", so Weiner. Ich glaube, wir brauchen diese Hoffnung wieder."

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