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Kultur

Museumsbesuch für Demenzkranke

Teilnehmen statt herumsitzen: Die Berliner Gemäldegalerie bietet Führungen für Demenzkranke an. Eine Herausforderung, aber auch ein Gewinn für beide Seiten. Inklusive Gekicher und eigener Kunst.

Besucher gehen am Mittwoch (13.06.2012) in Berlin in die Gemäldegalerie am Kulturforum. Der Haushaltsausschuss des Bundestages bewilligte am Dienstag überraschend 10 Millionen Euro für den Umbau der Gemäldegalerie am Kulturforum. Damit seien die Weichen für eine dauerhafte Unterbringung der weltberühmten Sammlung Pietzsch im Kontext der Nationalgalerie gestellt. Foto: Maurizio Gambarini dpa/lbn

Gemäldegalerie in Berlin Rembrandt

"Etwas lauter, ich versteh' überhaupt nichts", sagt eine ältere Dame, "Ich will weiter", eine andere, die im Rollstuhl sitzt. Museumspädagogin Jaqueline Hoffmann-Neira ist etwas verunsichert. Es ist das erste Mal, dass sie eine Führung für Demenzkranke macht. Sie hat sich Bilder zum Thema "Mutterliebe" ausgesucht. Madonna mit Kind, von Botticelli und Rafael. Das sei doch ein fundamentales Gefühl, das jeder kenne, mit dem jeder etwas anfangen könne. Tatsächlich scheint die Mutter mit dem Kind auf dem Arm bei den meisten der sieben Besucher Erinnerungen wachzurufen. Auf die Frage, wer das Kind sei, herrscht allerdings erstmal Schweigen. "Jesus", hilft die Museumspädagogin etwas nach. "Natürlich, wer denn sonst", sagt ein älterer, stattlicher Herr in tadellosem Outfit, fast empört.

Mit Kunst zum Erinnern

Demente Besucher in der Gemäldegalerie in Berlin (Foto: Andrea Kasiske/DW)

Neu und herausfordernd

Es ist ein Experiment, auf das sich die Berliner Gemäldegalerie eingelassen hat. Museumsführungen für Alzheimer- oder Demenzkranke sind in anderen deutschen Städten schon länger üblich. In der Hauptstadt, die sich sonst mit vielen Initiativen als demenzfreundliche Stadt profiliert hat, ist das hingegen neu. Der Anstoß dazu kam von einer Privatperson, von Bettina Held, die selbst eine demenzkranke Mutter hat. Die Alzheimer Gesellschaft war sofort begeistert, auch bei den Staatlichen Museen standen die Türen offen. Es gab Fortbildungen für die Kunstpädagogen und Mitte September die ersten Führungen.

Dass Musik bei Demenzkranken unmittelbar wirkt, Erinnerungen und Emotionen auslöst, ist bekannt. Aber dass auch Bilder als Teil des kollektiven und persönlichen Gedächtnisses ebenso funktionieren können, ist nicht so verbreitet. Das Projekt in der Berliner Gemäldegalerie will den Dementen einen Bereich erschließen, in dem sie sich angesprochen fühlen und am kulturellen Leben teilnehmen können.

Die Führungen konzentrieren sich auf einige wenige Bilder, bei denen vor allem die Motive wichtig sind. "Liebe" oder "Landschaften" wecken bei jedem Erinnerungen und Gefühle, auch bei den Demenzkranken. Die Gruppen sind klein, so kann auf einzelne Reaktionen eingegangen werden.

Gekicher bei Amor

Demente Besucher in der Gemäldegalerie in Berlin (Foto: Andrea Kasiske/DW)

Sehen, kommentieren, Spaß haben

"Ich kann nicht mehr sitzen", ruft eine Frau im Rollstuhl, die Betreuerin hilft ihr, sich aufzurichten. Auch damit muss gerechnet werden bei den Führungen: dass die Anstrengung doch groß ist, erst die Anfahrt, dann die neuen Räume, viele Menschen. Ab und zu muss jemand auf die Toilette begleitet werden. "Okay, dann machen wir jetzt mal eine Pause", sagt Jaqueline Hofmann-Neira. Aber schließlich folgt ihr doch eine kleine Karawane. Eingehängt in die Arme der Betreuer, die alle einen Rollstuhl schieben, geht es Schritt für Schritt in den nächsten Raum. Dort hängt Caravaggios "Amor". Es wird gekichert, denn dieser Amor stellt seine heranwachsende Nacktheit ziemlich provokativ zur Schau. Ganz klar, hier geht es nicht um Mutterliebe. "Wann waren Sie das erste Mal verliebt?", will eine Besucherin von der Museumspädagogin wissen.

"Es ist ein Geben und Nehmen", resümiert Jaqueline Hoffmann-Neira. Anders als sonst bei Führungen habe sie die Daten und kunsthistorischen Details weggelassen. Aber es sei eine tolle Erfahrung gewesen, auch wenn sie anfangs ziemlich aus dem Konzept gekommen sei.

Gefühle, Erinnerungen, Freude

In einer Ecke des Foyers sitzt schon die nächste Gruppe bei Kaffee und Keksen. Erst mal in Ruhe ankommen, die Kunstpädagogin kennenlernen, das gehört zum Konzept der Führungen. Diesmal sind es nur vier Besucherinnen, zwei werden von Söhnen und Enkelinnen betreut. Margot Zähler ist 83 Jahre alt, aber ganz genau weiß sie das nicht, sagt sie und lacht. Aber als es zu dem ersten Bild mit holländischen Landschaftsmalereien geht, ist sie ganz bei der Sache. "Wasser", antwortet sie überzeugt auf die Frage, was da am Horizont noch zu sehen sei. Sie zeigt, gestikuliert, ist wach und aufgeregt. Auch die anderen drei Besucherinnen wirken ausgesprochen konzentriert, obwohl sie sich kaum äußern.

Eine ältere Frau malt unter Anleitung ein Bild in der Gemäldegalerie in Berlin (Foto: Andrea Kasiske/DW)

Selber Gefühle in Kunst packen

"Ich habe ihnen gezeigt, welche Details es auf dem Bild gibt", sagt Birgit Bellmann, Künstlerin und Museumspädagogin. Bei den Führungen wolle sie zwar Gefühle und Erinnerungen ansprechen, aber vor allem sollten die Teilnehmer Freude daran haben. Birgit Bellmann bietet neben der Bildbetrachtung auch einen praktischen Teil an, in dem die Teilnehmer mit verschiedenen Techniken, mit Pinsel oder Schaber ihr eigenes Landschaftsbild malen können.

Demenz + Kunst = passt

Margot Zähler hat ein Bild gemalt mit blauen Verwischungen, einem schrägen Streifen und einer Sonne. Sie scheint zufrieden. Dieser praktische Teil der Landschaftsführung kommt aber nicht bei allen so gut an. Marliese Werg ist mit 92 Jahren der "Oldie" der Gruppe und sitzt etwas ratlos vor ihrem Bild. Ihr haben die Gemälde gefallen, aber selber malen sei nicht so ihr Ding. Sie möchte jetzt nach Hause, ihre Ruhe haben. Auch wenn sie nicht so genau weiß, wo ihr Zuhause ist. Aber sie würde gerne noch einmal wiederkommen, sagt sie. Nach eineinhalb Stunden sind die Teilnehmer müde, das ist offensichtlich.

Wie viel man den Demenzkranken zumuten kann, ist eine Erfahrungssache. Nach dem Auftakt im September soll es bald regelmäßig solche Führungen in der Gemäldegalerie geben. Dass demente Menschen Kunst vor Ort erleben, könnte dann auch in Berlin zur Normalität werden.

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