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Reise

Museum öffnet sich blinden Besuchern

Das Staatliche Museum für Ägyptische Kunst in München will sehbehinderten und blinden Besuchern mehr bieten. Für die Entwicklung eines Audioguide wird ein Tabu gebrochen: Exponate anfassen erlaubt!

Sabine Friedrich hat ihre Hände auf ein Tausende Jahre altes Abbild eines Pharao-Kopfes gelegt. Ihre Finger erkunden in Sekundenschnelle den alten Stein. Als sie erfährt, dass der Kopf schwarz-weiß gesprenkelt ist, ist sie irritiert. Braun und einfarbig hatte sie ihn sich vorgestellt - passend zur glatten Oberfläche. Doch selbst sehen kann sie die Büste nicht. Sabine Friedrich ist blind. 

Gemeinsam mit fünf weiteren Blinden sammelt sie derzeit im Münchener Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst (SMÄK) sämtliche Eindrücke, die anderen Betroffenen einen eigenständigen Museumsbesuch per Audioguide möglich machen sollen. Dazu gehört auch die genaue Beschreibung der Exponate mit Details, die viele Museumsbesucher nie entdecken würden. "Ich habe nie darauf geachtet, dass Horus-Figuren - also Mischwesen aus Falken und Menschen - so aussehen und sich so anfühlen, als würden sie Knickerbocker tragen", sagt Projektleiterin Mona Horncastle. "Wir bekommen so für blinde Besucher besondere Informationen und Eindrücke, die man nur haben kann, wenn man die Exponate anfasst. Nun können wir aber nicht jeden alles anfassen lassen."

Für das SMÄK ist das Blinden-Projekt der nächste Schritt bei der Inklusionsarbeit. Bereits jetzt bekommt das Museum viel Lob für sein Engagement in Sachen Barrierefreiheit. "Das SMÄK ist ein herausragendes Beispiel, weil dort für mehrere Gästegruppen etwas gemacht wird", sagt der Vorsitzende des Vereins "Tourismus für alle", Rüdiger Leidner. Leidner ist zudem Tourismus-Beauftragter des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands. Auch bei einer Zertifizierung durch das Projekt "Reisen für alle" ist das SMÄK laut Leidner positiv aufgefallen: Nur 2 der bislang 53 untersuchten Museen bieten Informationen in Blindenschrift - das SMÄK gehört dazu. "Wir wollen weiter wissen, was die Betroffenen bei der Barrierefreiheit brauchen. Wir sind interessiert, das Angebot weiter auszubauen", sagt Roxane Bicker, Museumspädagogin im SMÄK. Sie begleitet die Blinden durch das Museum und liefert das Expertenwissen zu den Exponaten.

Ende des Jahres soll dann der fertige Audioguide im Museum angeboten werden können.  Dieser richtet sich dann zwar vornehmlich an Blinde, könnte aber auch für Sehende eine Bereicherung sein. Projektleiterin Mona Horncastle, die zuvor mit Gehörlosen im Museum gearbeitet hat, schaut inzwischen anders auf die Ausstellungsstücke. "Ich glaube, dass ich deutlich sensibler und genauer geworden bin. Und das ist nachhaltig für unsere weitere Arbeit hier im Museum."

Deutschland BdT Sphinxfigur (picture alliance / Alexander Hei)

Sphinxfigur im Museum für Ägyptische Kunst in München

Livia Buoni-Hofmann, eine der blinden Teilnehmerinnen des Projekts, empfiehlt zudem, Exponate immer von allen Seiten anzuschauen. "Hinter den Schenkeln eines Sphinx habe ich beim Befühlen plötzlich etwas Rundliches entdeckt, das wohl nicht zu einem Weibchen gehört." Seitdem kann sie sich merken: Ein ägyptischer Sphinx - meist eine Mischung aus Löwe und Pharao - ist immer männlich.

Fabian Nitschmann (dpa)

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