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Kultur

Mund zu, Ohren auf!

Grenzüberschreitend möchten die "Maulhelden 2004" in jeder Hinsicht sein: Das 3. Internationale Festival der Wortkunst setzt auf eine widerspenstige Mischung. DW-WORLD über die Rezeptur.

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Maulheld Bill Talen alias "Referend Billy" bei der Festnahme nach einer Aktion in New York

"Wir sehen uns als ein internationales Parlament, als ein Gegengewicht zur politischen Arena", beschreibt Festivalvater und Wortakrobat Arnulf Rating sein mittlerweile dreijähriges Kind. In diesem Jahr bringt er viele Stimmen aus Ländern zu sprechen, die zur "Koalition der Willigen" im Irak-Krieg zählten. Stimmen allerdings, die in den Ohren ihrer Staatsoberhäupter als Misstöne gelten dürften.

Arnulf Rating, Maulheldenfestival 2004

Arnulf Rating, Maulheldenfestival 2004

Der Michael Moore des Theaters

Allen voran "Reverend Billy", alias Bill Talen aus den USA, dessen Wirkungsbereich die Straße ist. Der seltsam gekleidete New Yorker – weißes Dinnerjacket, Priestergewand und mächtiges Stierhorn – greift zum Megafon und zieht mit seiner "Gemeinde", der "Church of Stop Shopping" gegen Konsumterror und Globalisierung ins Feld. Bevorzugt fegt der Performancekünstler durch

Starbuck Coffeshops oder kreuzigt Mickeymäuse als Missionar gegen die "Disneyfication".

Was er sich hier in Berlin vornimmt, ist mehr als ein Live-Act auf der Bühne der "Maulhelden". Im Workshop wird der ungeweihte "Reverend" Interessierten seine Form des zivilen Ungehorsams persönlich näher bringen - und außerdem gleich zur Tat schreiten. Ob bei Mc Donalds oder in einer Filiale von Starbucks? Bleibt zu hoffen, dass Billy nicht wieder verhaftet wird. Glücklicherweise liegt sein Auftritt am Eröffnungsabend (16.01.2004) vor der geplanten Aktion.

Herzstück und Leidenschaft Politisches Kabarett

Nicht jeder der in diesem Jahr geladenen Maulhelden setzt seine Wortgewalt wie Reverend Billy fernab der Bühne in die Tat um. Doch im Rampenlicht stehen weitere bekannte Wortkünstler, die Bezug auf die Wirklichkeit nehmen. Als "eines der Herzstücke und Leidenschaften" bezeichnet Rating das politische Kabarett. Neben deutschsprachigen Größen wie Georg Schramm, Matthias Deutschmann und Josef Hader aus Österreich möchte der Organisator und Conférencier auch das Aktionstheater des aufrührerischen Amerikaners unter diesem Begriff fassen.

Georg Schramm

Der Kabarettist Georg Schramm,

Humor-Standort Deutschland

Vom klassischen Kabarett spannt sich der Bogen weiter über Poesie, Slam-Poetry, Lesungen und Sprachartistik unterschiedlichster Art bis zur Mainstream-Comedy. Für insgesamt vier Tage kann Berlin auf diese Weise zur Stärkung des Humor-Standorts Deutschland beitragen. Und zudem an bessere Zeiten anknüpfen: Gerade in den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts galt die Metropole an der Spree weltweit als Hochburg von Humor und Satire.

Bis die NS-Zeit einen tiefen Einschnitt brachte. "Viele Künstler sind vertrieben worden. Ein Aderlass, von dem sich die Stadt bis heute noch nicht erholt hat", erläutert Rating die aktuelle Situation und ergänzt: "Berlin ist gerade auf dem Weg der Normalität."

Der fremde Blick auf die eigene Kultur

Nicht nur das Festival, auch die Künstler aus dem Ausland könnten dazu beitragen, den Standort nach vorne zu bringen, so Rating gegenüber DW-WORLD. Als "eine Art Entwicklungshilfe" betrachte das Festivalkomitee insofern auch "den fremden Blick auf die eigene Kultur" - ein weiterer thematischer Schwerpunkt der humorigen Veranstaltung.

Pip Utton, Maulheldenfestival 2004

Nicht der Echte: Pip Utton, Maulheldenfestival 2004

So trägt der gebürtige Moskauer Wladimir Kaminer seine Beobachtungen über den als "Dschungel" empfundenen deutschen Alltag vor. Oder der türkischstämmige Schauspieler Serdar Somuncu liest auf Deutsch Texte von Hitler mit einer Distanz, die ein Deutscher niemals glaubhaft darbieten könnte. In englischer Sprache spielt dagegen sein britischer Kollege Pip Utton den Diktator.

Ob explosiv oder heiter, es lohnt sich bei den "Maulhelden 2004" Augen und Ohren offen zu halten. Raus aus den Fernsehsesseln: Was hier zu sehen sein wird, reicht weit über den Tellerrand der TV-Comedy hinaus.

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