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Politik

"Mummy, I want to go to the Air and Space Museum"

Eine der ersten Sehenswürdigkeiten, die ich mir in Washington anschaue, ist das Lincoln Memorial. Wie bei allen Ausflugszielen in DC bin ich nicht die einzige, die dem berühmten Präsidenten einen Besuch abstatten will.

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Mit zahlreichen Familien und einigen Schulklassen stehe ich vor den großen Marmorplatten, auf denen seine Rede eingemeißelt wurde. Eine Gruppe Grundschüler diskutiert lautstark über den korrigierten Fehler bei "Future" auf der ersten Platte, wo ehemals ein "E" am Anfang stand. Überhaupt geht es hier nicht gerade andächtig und ehrfürchtig zu. Kinder stürmen voller Erwartung die Stufen zur riesigen Statue von Abraham Lincoln hinauf, der wie ein Gott auf einem Stuhl thront. Auf den Stufen sonnen sich Touristen. Alle sehen irgendwie glücklich aus. Merkwürdig. Ich überlege, ob ich in Deutschland Denkmäler kenne, die so eine Anziehung ausüben. Vielleicht sind dazu eine so ungebrochene Tradition wie die amerikanische und eine gehörige Portion Patriotismus nötig.

Mein nächster Ausflug führt in die National Archives. Schon von außen sieht das Gebäude imposant aus. Drinnen liegen - sicher unter dickem Glas - die Unabhängigkeitserklärung, die Bill of Rights und die amerikanische Verfassung. Mit unzähligen Amerikanern warte ich in einer langen Schlange. Egal, ob acht oder achtzig, jedes Familienmitglied möchte die wichtigsten Dokumente der amerikanischen Geschichte sehen. Also ein Muss für jeden US-Bürger? Nicht mal die Vierjährigen sehen so aus, als würden sie sich langweilen.

Warum wollen Kinder freiwillig ins Museum?

Endgültig überrascht bin ich, als ein kleines Mädchen neben mir sagt: "Mummy, I want to go to the Air and Space Museum". Wie bitte? Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals ein Kind gehört zu haben, das in ein Museum gehen wollte. Vielleicht handelt sich ja um eine Ausnahme? Ein Fall von besonderer Intelligenz? Ich beschließe, der Sache auf den Grund zu gehen und marschiere auf die andere Seite der Mall zum Air and Space Museum. Die National Mall ist eine über drei Kilometer lange Grünfläche mitten in Washington, die vom Lincoln Memorial zum Kapitol führt, flankiert von zahlreichen Museen.

Im Air and Space Museum angekommen, fühle ich mich wie in einem Vergnügungspark. Es ist voll, laut und ein gutes Stück von dem entfernt, was ich von einem Museum erwartet habe. Hier steht die Apollo 11, die Neil Armstrong auf den Mond brachte, die Spirit of St. Louis, mit der Charles Lindbergh den Atlantik überquerte und der so genannte "Flyer", mit dem die Brüder Wright die ersten kontrollierten Motorflüge durchführten. Es gibt viele Fotos, viele Modelle und viel "zum Anfassen". Alles ist verbildlicht, veranschaulicht - und in Gedanken höre ich meine Bonner Professoren sagen: "vereinfacht". Die Erklärungen neben den Ausstellungsstücken sind kurz und bündig. Wen die Besichtigung dennoch ermattet, der stärkt sich einfach im angrenzenden Fast-Food-Restaurant.

Vorbildfunktion?

Der Unterschied zu Deutschland ist aber nicht nur die Didaktik der Museen, sondern auch der Preis: Alle Einrichtungen die zur Smithsonian-Stiftung gehören sind kostenlos. Mit siebzehn Museen bildet die Stiftung den weltgrößten Museumskomplex. Und vermutlich hat der freie Eintritt dazu beigetragen, dass das Air and Space Museum dank 10 Millionen Besuchern jährlich das beliebteste Museum der Welt ist.

Der Anspruch an die Museen ist hier jedenfalls ein anderer. Sie sind an die Bedürfnisse der "Massen" besser angepasst und ich frage mich, ob man das mit den deutschen Museen auch ein bisschen machen sollte. Zumindest würden dann mehr Menschen den Weg zu Ausstellungen finden, die sich jetzt noch von vermeintlicher Langeweile und hohen Preisen abschrecken lassen.