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Welt

Mumbai - eine verunsicherte Stadt

Am Hauptbahnhof in Mumbai fielen die ersten Schüsse, danach gingen die verheerenden Terroranschläge in der ganzen Stadt weiter. Ein Jahr danach scheint Normalität eingekehrt zu sein, aber die Verunsicherung bleibt.

Bahnhof in Mumbai (Foto: dpa)

Ein Jahr nach den Anschlägen herrscht am Bahnhof in Mumbai geschäftige Normalität

Geschäftig geht es im Hauptbahnhof der indischen Metropole Mumbai zu. Unzählige Menschen drängeln sich hinter der imposanten Fassade aus dem 19. Jahrhundert. Rund 1200 Nah- und Fernverkehrszüge fahren hier täglich ein und aus. Über drei Millionen Reisende sind hier jeden Tag unterwegs. Oberflächlich betrachtet herrscht Normalität. Doch genau vor einem Jahr begann am Chhatrapati Shivaji Terminus - wie der Hauptbahnhof offiziell heißt - der verheerende Terrorangriff. An zehn unterschiedlichen Orten wurden Anschläge verübt – darunter zwei Luxushotels, ein jüdisches Zentrum, ein Krankenhaus und eben der Hauptbahnhof.

"Das ist kein Bandenkrieg, das ist ein Terroranschlag"

Sandeep Khiratkar ist Polizeiinspekteur am Bahnhof. Als am 26. November um genau 21:50 die ersten Schüsse fielen, hatte er schon Feierabend und war zu Hause. Nach einem Anruf von seinem Kollegen kam er wieder zurück. Zunächst dachte er an einen Bandenkrieg. "Wir traten in die Eingangshalle der Vorortszüge ein, und gingen dann zu dem Bereich der Fernzüge. Da sahen wir zwei Männer: einer war groß und einer klein. Sie hatten AK-47 Sturmgewehre in der Hand, warfen Handgranaten und schossen wahllos auf die Menschen. Da wurde uns klar: das hier ist kein Bandenkrieg, das ist ein Terroranschlag."

Polizei war nicht vorbereitet

Indien hat schon viele Terrorangriffe erlebt. Bombenanschläge sind in Mumbai bekannt. Aber auf einen solchen Angriff war die Polizei nicht vorbereitet. Rasch liefen die Polizisten auf die Terroristen zu. Einige hatten ihre Dienstwaffen dabei, andere nicht. Die Angreifer verfügten über stärkere Waffen und wussten, wie sie sie einsetzen mussten. Der Polizei gelang es einfach nicht, sie zu überwältigen.

Nach dem Blutbad am Bahnhof zogen die Terroristen weiter, griffen andere Orte an. Über 160 Menschen wurden bei den Attacken getötet, rund 300 verletzt. Allein dem Blutbad am Bahnhof fielen mehr als 50 Menschen zum Opfer.

Anschläge am 26. November 2008 am Hauptbahnhof Mumbai (Foto: AP)

Einen grausamen Anblick bietet auch der Hauptbahnhof kurz nach den Anschlägen

Unter den Toten war auch der Schaffner Sushil Kumar Sharma. An diesem Tag wollte er eigentlich früher nach Hause gehen - sein Sohn hatte Geburtstag. Als die Terroristen anfingen zu schießen, lief er nicht etwa weg, sondern begann, die Menschen im Bahnhof zu warnen. Dabei wurde er erschossen. Für Sharmas Frau Ragini brach die Welt zusammen. Damit die Witwe ein Einkommen hat, gab ihr der Staat einen Job - ausgerechnet am Hauptbahnhof. Jeden Tag fragt sie sich, ob der Angriff nicht hätte abgewehrt werden können, wenn die Sicherheitsdienste besser vorbereitet oder ausgebildet gewesen wären. "Es waren ja nur zwei Terroristen. Sicher hätte es auf jeden Fall Todesopfer gegeben. Aber vielleicht hätte die Polizei eine Strategie entwickeln können, um die Terroristen einzukreisen und zu überwältigen. Vielleicht wären dann nicht so viele unschuldige Menschen getötet worden - so wie mein Mann, der nur seine Pflicht erfüllt hat."

Kritik an den Sicherheitskräften weit verbreitet

Die Kritik am Versagen der Sicherheitskräfte ist in Mumbai weit verbreitet. Die indische Regierung musste viele Fehler einräumen. Der Bundesstaat Maharashtra bildete eine Kommission zur Untersuchung des Verhaltens während des Terrorangriffs. Das Urteil der sogenannten Ram Pradhan-Kommission fällt vernichtend aus: die Rede ist von fehlender Intelligenz, von unbefriedigender Führung und Koordination unter den Sicherheitskräften.

Sandeep Khiratkar versteht die Kritik und das Urteil: "Es stimmt, dass die Ereignisse am 26. November uns völlig unerwartet trafen. Es war für uns alle einen Weckruf, dass wir nun auf jede Situation vorbereitet sein müssen." Er sei nun viel wachsamer geworden.

Verunsicherung bleibt

Die Sicherheitsvorkehrungen in der gesamten Stadt sind erhöht worden – auch in religiösen Einrichtungen und einigen Wohnvierteln. Auch am Chhatrapati Shivaji Terminus hat sich einiges geändert. An den Ein- und Ausgängen stehen nun Metalldetektoren. Das Gepäck wird häufiger durchsucht, Kommandos mit Sturmgewehren sind auf Patrouille. An strategisch wichtigen Plätzen im Bahnhof wurden sogar kleine Bunker errichtet, bemannt mit bewaffneten Einheiten. Trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen: Ein Gefühl vollständiger Sicherheit will sich bei den Einwohnern Mumbais nicht einstellen. Dafür ist die Erinnerung an die blutigen Tage vor einem Jahr noch zu präsent.

Autorin: Pia Chandravarkar
Redaktion: Patrizia Pullano

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