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Digitales Leben

Multimedia 1916

Die Countess of Grantham ekelt sich. 800 Männern pocht das Herz und Marcus Bösch zerkrümelt Mürbeteig. Jetzt fehlt nur noch Bob Marley: "In dieser großartigen Zukunft darfst du deine Vergangenheit nicht vergessen."

Highclere Castle aus der Serie Downton Abbey. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Highclere_Castle.jpg

Downton Abbey

Auf dem Schoß balanciere ich einen Laptop, in der Hand eine Tasse Tee und während ich dabei schottisches Shortbread zerkrümle, lässt mich das Wohlergehen von Lady Mary schaudern. Ich verbringe die Tage gerade damit alle Folgen des britischen Kostümdramas Downton Abbey zu gucken.

Leitfaden Telekommunikation

Donwton Abbey ist der Familiensitz des Grafen und der Gräfin von Grantham. Es muss irgendwo in Hampshire an der Südküste Englands liegen. So ganz klar ist das nicht. Schließlich ist Downton Abbey, genau wie der aristokratische Alltag der Crawley-Familie und ihrer Angestellten am Anfang des 20. Jahrhunderts reine Fiktion. Und trotzdem, das wäre jetzt hier im weiteren die Argumentation, sagt diese Serie und der Blick zurück mehr über unsere digitale Zukunft aus, als die Leitfäden des deutschen Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien. Und daran hat Lady Violet, die betagte Countess of Grantham großen Anteil. Man muss sich die Dame ungefähr wie eine Art präzise, intelligente, arrogante Version der Queen Mum vorstellen. In liebenswert.

Wozu hat man Personal

„Ich könnte diese Elektrizität niemals in meinem Haus dulden, keine Sekunde lang würde ich je wieder schlafen, allein schon diese herumschwebenden Dämpfe“, sagt sie. Und ihr Gesichtsausdruck signalisiert auf äußerst elegante Art Ekel, Widerwille und ein trotziges Beharren auf Stil, Anstand und Status Quo. Und dazu gehört in ihrer Welt, die auf der Kippe steht, die an allen Ecken und Enden nach Ablösung strebt, eben kein elektrisches Licht und schon gar keine absonderliche Erfindung wie ein elektrischer Toaster. Wozu hat man schließlich Personal?

Wenn ich genug Downtown Abbey geschaut habe, greife ich zum Buch, das ich momentan lese. Es heißt "Der Master Switch". Tim Wu, Professor an der Columbia University, erzählt darin sehr anschaulich die Geschichte der Medienindustrie des 20. Jahrhunderts. Und das passt gut. Denn kurz nachdem man in Downton Abbey auf einer Gartenparty vom Beginn des ersten Weltkriegs erfährt, nimmt uns Wu mit auf ein Bankett im New Willard Hotel in Washington D.C.

Ein modernes Wunder

Der Speisesaal des Willard befindet sich in einem Prachtsaal. Und eben so sehen die über achthundert Männer in steifer Abendgaderobe aus, die die Errungenschaften des Bellschen Systems würdigen wollen.

"Stimmen auf Reisen" lautet das Motto des Banketts, dessen erster Höhepunkt ein technisches Wunder im Einsatz zeigen soll. Das Ferngespräch. Nach dem Abendessen werden die Gäste gebeten, die Hörer von den Telefonen auf den Tischen abzuheben. Über die Telefonleitung "reisen" sie nach El Paso an der mexikanischen Grenze, um dort mit General Pershing zu sprechen. "Es war ein modernes Wunder", berichtet die Zeitschrift der Society: "Die menschliche Stimme raste von Ozean zu Ozean und brachte dabei die elektrischen Wellen zum schwingen."

Und damit nicht genug. Denn es folgt die erste Multimedia-Präsentation der Geschichte. Geschickt kombiniert hat Bell Radio, Grammofon, Telefon und Fimprojektor, die allesamt zu den faszinierendsten Erfindungen der Zeit gehören. Während nun ein Plattenspieler die amerikanische Hymne spielt, die über Telefon übertragen wird, projiziert ein Fimprojektor die wehende Flagge des Landes auf eine Leinwand.

1916-2016

Sprachlos vor Erstaunen erheben sich 800 Männer im Saal. "Wahrscheinlich hat es noch nie zuvor in der Geschichte der zivilisierten Menschheit eine derart beeindruckende Vorführung der Entwicklung und Macht des menschlichen Verstandes über weltliche Dinge gegeben", kommentiert National Geographic. Der Abend des 7. März 1916 ist keine hundert Jahre her. Und keine Fiktion. Ach, wenn Lady Violet doch nur kurz einen Blick ins Jahr 2016 werfen könnte.

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es hier jede Woche neu.

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