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Kultur

Muharrem - Die Fastenzeit der Aleviten

In der Türkei werden sie wegen ihres Glaubens unterdrückt und im Ausland oft fälschlicherweise als konservative Muslime angesehen. In Deutschland aber können die Aleviten ihren Glauben leben.

Kein Verzehr von Fleisch, das Vermeiden von Auseinandersetzungen, sexuelle Enthaltsamkeit und keine Feierlichkeiten - das sind Maxime der Aleviten während ihrer Fastenzeit. Jedes Jahr in der Winterzeit fastet die alevitische Gemeinde in Deutschland zwölf Tage lang. Das Fasten symbolisiert die Verbundenheit und Trauer mit ihren zwölf verstorbenen Imamen. Dieses Jahr findet das sogenannte Muharrem vom 15. bis zum 26. November statt.

Die Anhänger Alis

Die Religionsgemeinschaft der Aleviten ist im Anatolien des 13. und 14. Jahrhunderts entstanden. Die Gläubigen sind überwiegend türkischer und kurdischer Herkunft, grenzen sich aber bewusst vom konservativen Islam ab. Der Begriff "Alevi" leitet sich vom Heiligen Ali ab und bedeutet soviel wie Anhänger Alis. Die Aleviten sehen in Ali, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, dessen rechtmäßigen Nachfolger. In der Türkei herrscht ein sunnitischer Islam und Aleviten werden dort aufgrund religiöser und politischer Motive als blasphemisch diskriminiert. "Aleviten haben den Kemalismus (eine ideologische und politische Bewegung in der Türkei, die vom Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gesteuert wurde) stark unterstützt, weil er sie von der sunnitischen Vorherrschaft befreite und weil sie sich in weltlichen Ideologien engagiert haben, die allerdings ihre religiösen Bedürfnisse ignorierten", meint Islamwissenschaftler Bekim Agai.

Gravierende Unterschiede

Alevitischer Religionsunterricht (Foto: dpa)

Alevitischer Religionsunterricht

Auch in ihrer Lebensweise und ihren Werten unterscheiden sie sich von den konservativen islamischen Normen. Insbesondere die Rolle der Frau  hat einen anderen Stellenwert im alevitischen Alltagsleben. Die Alevitinnen tragen kein Kopftuch, sind beruflich gleichberechtigt und können sogar als Geistliche amtieren. Ismail Kaplan von der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. berichtet von alltäglichen Diskriminierungen der Aleviten in der Türkei: "Sie werden verachtet, weil sie sich nicht zum Ramadan - der traditionellen muslimischen Fastenzeit – fasten. Alevitische Kinder müssen obligatorisch am islamischen Religionsunterricht teilnehmen, obwohl dort in keiner Weise das Alevitentum behandelt wird. Außerdem wurden alevitische Gebetshäuser vom Staat nicht anerkannt." Viele Aleviten in der Türkei verschweigen aus Angst vor Angriffen und Diskriminierungen ihren Glauben.

Ein neuer Anfang

In der Türkei waren die Bemühungen der Aleviten nach einer autonomen islamisch geprägten Religion bis heute vergeblich. Das sei eine heikle Frage, so Agai. Die Türkei befürchte, damit die Idee einer einheitlichen kulturell islamischen Nation zu verlieren. In Deutschland habe ihre Glaubensrichtung zum ersten Mal Annerkennung und Toleranz erfahren, sagt Kaplan. Viele Familien hätten sich erst hier öffentlich zum Alevitentum bekannt. 500.000 bis 600.000 Aleviten leben in der Bundesrepublik und stellen nach den Sunniten die zweitgrößte islamische Glaubensgemeinschaft. Ihre Ballungszentren liegen in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Wüttermberg und Berlin. Das größte alevitische Gemeindezentrum, Alevitische Gemeinde Deutschland e.V., befindet sich in Köln. Die Mitglieder des Zentrums setzen sich deutschlandweit für Bedürfnisse, Rechte und Integrationsfragen der Aleviten ein. Sie haben sich außerdem erfolgreich für einen alevitischen Religionsunterricht stark gemacht und Genehmigungen für das Errichten von Gebetshäusern erlangt.

Aleviten, Cem Haus in St. Pölten/Österreich

Viele Ecken - ein alevitisches Cem Haus

Die alevitischen Gebetshäuser sind vorzugsweise achteckig und heißen Cem. Hier nehmen Frauen und Männer gemeinsam in einem Raum am Gottesdienst teil. Ein Geistlicher oder auch eine Geistliche steht inmitten der Gläubigen, um zu beten. Die Gemeinschaft der Glaubensanhänger soll auf diese Weise gestärkt werden. Aus dem gleichen Grund wird oft nach dem Gottesdienst gemeinsam gegessen. Anschließend findet ein Tanz der Gläubigen statt, der musikalisch durch das Saiteninstrument Saz begleitet wird.

Überhaupt ist die Förderung von Kultur, also Musik, Literatur und Kunst, im alevitischen Glauben sehr wichtig. Die Cem-Häuser besitzen vorzugsweise nicht nur einen Sakralbereich, wo die Gottesdienste gefeiert werden, sondern mehrere Räumlichkeiten, in denen gemalt, gelesen, unterrichtet, getanzt und musiziert werden kann.

Muharrem

Zur Fastenzeit stehen die Gemeindezentren und Gebetshäuser den Mitgliedern für das tägliche gemeinsame Fastenbrechen offen. Eine Geistliche oder ein Geistlicher ist zumeist anwesend, um Fragen zum Thema Muharrem zu beantworten. Auch die Mitglieder tauschen sich untereinander über das Fasten aus.

Fastenbrechen in der Alevitischen Gemeinde Regensburg (Foto: Alevitische Gemeinde Deutschland e.V.)

Das Fastenbrechen

"Das Fasten stellt im alevitischen Glauben keine Pflicht dar und ist eine freiwillige Entscheidung", so Kaplan. Kinder im Wachstum und kranke Menschen sollten nicht fasten. Nur wenn die körperliche Verfassung es zulässt und man den Wunsch selbst hegt, kann zwölf Tage lang gefastet werden. Dabei darf erst nach Sonnenuntergang gegessen und getrunken werden. Das Essen am Abend sollte sehr einfach gehalten sein, weil die Abstinenz und die Beherrschung von Geist und Wille im Vordergrund stehen. Am dreizehnten Tag des Muharrem danken Aleviten mit Gebeten ihrem Gott, den sie Allah oder Hak nennen. Außerdem backen sie ihre traditionelle Süßspeise, Asure, die ebenfalls - im Gedenken an ihre zwölf Imame - aus zwölf Zutaten besteht. Die Speise wird an Familie und Freunde verschenkt. "Dieses Jahr soll Asure auch in Deutschland auf den Straßen verteilt werden", kündigt Ismail Kaplan an.

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